Marokko

Hilfe für Migrantenkinder

Entwurzelt, demoralisiert und - ohne Hilfe - fast verloren

Unbegleitete Minderjährige in MarokkoDie drei Leidensgenossen, die sich im Migrationszentrum anfreundeten, verbindet nicht nur ihre Liebe zur Musik.Foto: Hermann Kenfack/ Caritas international

Wie muss es sich anfühlen, wenn man als junger Mensch seine Familie und seine Heimat hinter sich lässt? Wenn man sich, angetrieben von dem Wunsch, einen Ausweg aus Armut und Perspektivlosigkeit zu finden, auf eine Odyssee von tausenden Kilometern begibt, um Meter vor dem Ziel auf menschenunwürdige und körperlich wie psychisch schmerzvolle Weise erfahren zu müssen, dass das Leben, von dem man träumte, nicht für einen bestimmt ist? Und was passiert mit denen, die an der „Festung Europa“ scheitern? Wer nimmt sich ihrer an?

 

Hinter den Zahlen stecken Menschen wie Malik

Malik (Name geändert) aus Mali kann ein Lied davon singen. 3000 Kilometer hatte sich der damals 14-jährige bereits von seiner Heimat entfernt, als die Grenzanlage in Mellila seinen Traum zu Nichte machte. Während der Zeit des Wartens auf den richtigen Moment lebte Malik versteckt in den Wäldern bei Nador, einem Städtchen unweit der spanischen Exklave Melilla. Ein halbes Jahr lang hat er es immer wieder probiert – erfolglos. Über das, was er bei seinen Versuchen, die Sperranlagen zu überwinden, erlebt hat, schweigt Malik sich aus. „Es war hart“, sagt er nur. „An den Grenzen sind Sachen passiert, die mich zutiefst geschockt haben.“ Malik ist heute 16 Jahre und verarbeitet seine Erlebnisse tatsächlich in Form von Liedern, genauer sagt mit Hip-Hop-Songs. Einen hat er seine „Retterin“ gewidmet, die Frau, die ihm vom Caritas-Migrationszentrum in Rabat erzählt hat, wo Malik inzwischen ein- und ausgeht und neuen Lebensmut gefasst hat. „Sie hat mir so viel geholfen. Das werde ich nie vergessen.“

Immer mehr Neuankömmlinge sind noch minderjährig

In Rabat ist eines von vier Migrationszentren der Caritas in Marokko. Zwischen 2013 und 2016 hat die Caritas in ihren Zentren in Rabat, Casablanca und Tanger etwa 12.000 gestrandete Migranten begleitet. Etwa jeder zehnte Neuankömmling ist inzwischen minderjährig und ohne Begleitung der Eltern oder eines Erziehungsberechtigten. Sie kommen vor allem aus Ländern West- und Zentralafrikas, wo sie vor Krieg, Gewalt und Armut flüchten oder einfach, weil sie ihr Glück und ein besseres Leben suchen. Nicht wenige träumen von einer internationalen Fußball-Karriere oder landen, angelockt durch die leeren Versprechungen von Betrügern und Menschenhändlern, in Marokko. Die Caritas in Marokko kümmert sich seit Jahren um die gestrandeten Jugendlichen, die sie nicht selten völlig demoralisiert und traumatisiert vorfindet. Die Mitarbeitenden helfen ihnen bei der Beantragung von Asyl- oder Aufenthaltsgenehmigungen sowie bei der Weiterqualifizierung, damit sie besser Fuß fassen oder auch bei der Rückkehr in ihre Heimat.

Viele der Migranten leben auf der Straße

Ehrenamtlicher Mitarbeiter JacksonJackson ist 28 Jahre und stammt aus Kamerun. Jahrelang versuchte er erfolglos die Sperranlage von Melilla zu überwinden. Inzwischen kümmert er sich bei der Caritas in Meknes um unbegleitete Minderjährige.Foto: Hermann Kenfack/ Caritas international

„Der erste Schritt“, berichtet Jackson, ehrenamtlicher Mitarbeiter aus dem Caritas-Zentrum in Meknes, “ist jedoch, dass die Jugendlichen ihre Schlafplätze unter freiem Himmel aufgeben.“ Viele Gestrandeten leben aus Mangel an Alternativen auf der Straße und betteln. Doch mit ihrem erbettelten Geld können die Jugendlichen kaum Überleben. „Ein Migrant, ob Minderjähriger oder Erwachsener, kommt erst ins Caritas-Zentrum, wenn er ein echtes Problem hat und nicht mehr weiter weiß“, versichert Jackson. Jackson weiß, wovon er spricht. Er selbst kam vor drei Jahren als illegaler Migrant nach Marokko. Wichtig ist ihm, den Migranten ihre Würde wiederzugeben, so wie ihm seinerzeit der katholische Priester seine Würde zurückgab. „Er lud mich ein, bei ihm zu duschen und gab mir eine Matratze zum Schlafen“, erinnert sich Jackson. Deshalb engagiert er sich heute ehrenamtlich im Caritas-Zentrum von Meknes. Von den spanischen Exklaven Ceuta und Melilla nach Meknes sind es etwa 300 bis 380 Kilometer. Viele, die sich beim Sturm auf die Grenzanlagen zum Teil schwer verletzen, treibt die Suche nach Sicherheit und medizinischer Hilfe von der Mittelmeerküste ins Landesinnere. Zudem führt die marokkanische Polizei in den Grenzgebieten rund um Ceuta und Melilla regelmäßig Razzien durch. Die dabei aufgegriffenen Migranten werden verhaftet oder in andere Landesteile verbracht.

Malik und seine Freunde haben wieder Träume

Auch Malik hat dank der Unterstützung der Caritas-Mitarbeiter nun wieder ein Dach über dem Kopf und lernt fleißig: „Ich will mein Diplom hier machen und danach in Europa arbeiten“, erzählt er eifrig. „Mein großer Traum ist, Koch zu werden und Hip-Hop-Künstler. Musik ist cool!“ Für seine Musik hat er im Migrationszentrum der Caritas bereits Mitstreiter gefunden. Bei dem Unterrichtsangebot für Migranten hat er die 17-jährge Katia und den 16-jährigen Albert aus der Demokratischen Republik Kongo kennengelernt. Ihre Liebe zu Musik und Tanz hat sie zu Freunden gemacht. Die Tatsache, dass sie in ihrem Leben ähnliches durchmachen mussten, verbindet sie aber wahrscheinlich noch mehr als die Musik-Band, die inzwischen aus ihrer gemeinsamen Leidenschaft hervorgegangen ist. Katia möchte nach ihrem Abitur Krankenschwester werden, Albert träumt von einer Karriere als professioneller Comic-Zeichner.

Caritas tritt für die Rechte der jungen Migranten ein

Notunterkunft einer alleinerziehenden MutterAlleinerziehenden Mütter haben einen besonders schweren Status unter den Migranten.Foto: Christine Decker/ Caritas international

Nach offiziellen Zahlen leben in Marokko derzeit etwa 30.000 registrierte Migranten, vor allem aus Subsahara-Afrika. Die Dunkelziffer ist um einiges höher, die Zahl der illegal in Marokko lebenden Migranten wird auf mehrere Zehntausend geschätzt. Eigentlich gewährt die Gesetzeslage ausreichend Schutz für Minderjährige in Notlagen, doch die wenigen öffentlichen und privaten Einrichtungen sind kaum in der Lage, die bestehenden Regelungen flächendeckend umzusetzen. Die Caritas gibt den Jugendlichen eine Stimme und setzt sich für ihre Rechte ein, indem sie eng mit lokalen Behörden, Gesundheitsdiensten, privaten Institutionen, Vereinen sowie mit internationalen Organisationen wie dem UN-Flüchtlingshilfswerk (UNHCR) oder der Internationalen Organisation für Migration (IOM) zusammenarbeitet. Doch ohne die helfenden Hände vieler engagierter Bürger(innen) und ehrenamtlicher Mitarbeiter wäre Hilfe in dem Umfang nicht möglich.

Bei der Arbeit mit Flüchtlingen und Migranten nehmen Schwangere, alleinerziehende Mütter und unbegleitete Minderjährige als besonders gefährdete Gruppen einen Sonderstatus ein. Die Caritas-Mitarbeitenden vermitteln ihnen Notunterkünfte, versorgen sie mit dem Lebensnotwendigen, fördern Kleinstprojekte, mit denen sie etwas Geld verdienen können und helfen bei Behördengängen zur Beantragung ihrer Aufenthaltsgenehmigung, welche Grundvoraussetzung für eine Schullaufbahn ist.

Dezember 2016