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Nepal: Zwei Jahre nach dem Erdbeben

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Der Wiederaufbau läuft

Frau auf Trümmern ihres HausesIn einigen Dörfern liegen noch immer Trümmer und leben die Menschen in Behelfsunterkünften.Foto: Thomas Hoerz, Caritas international

Auf einem Markt in Nepals Hauptstadt Kathmandu herrscht reges Treiben. In die exotischen Gerüche der Garküchen mischt sich das Hupen unzähliger Mofas, Händler haben ihre Waren auf dem Boden ausgebreitet, Menschen verweilen und handeln oder hasten vorüber. Kaum etwas erinnert an das Erdbeben im April 2015. Hier und da sind ein paar Stützpfeiler zu sehen, wer genauer schaut, sieht Risse und Abbrüche an Mauerwerken. Aber der Alltag ist in die Stadt zurückgekehrt. Ein anderes Bild zeichnet sich ein paar Kilometer auswärts, auf dem Land und in den Bergen. Dort gibt es Orte, in denen die Zeit seit dem Beben stehen geblieben ist. Noch immer liegen hier Trümmer, zerborstene Holzpfeiler ragen in den Himmel, der Wind treibt den Staub des Bauschutts in jede Ritze. Die Menschen wohnen unter Planen, in zusammengeschusterten Hütten.

Der Wiederaufbau braucht Zeit. Immer. Denn er soll nachhaltig sein und sicher. Kommt ein nächstes Beben, müssen die Häuser standhalten und dürfen die Auswirkungen nicht mehr so immens sein. So ist der Anspruch an den Wiederaufbau, von Caritas international und vielen anderen Hilfswerken, die in Nepal tätig sind. Doch könnte man heute, zwei Jahre nach dem Erdbeben, weiter sein? „Licht und Schatten liegen in Nepal dicht beieinander“, zog Oliver Müller, Leiter von Caritas international, Bilanz nach seinem Projektbesuch in Nepal im April 2016.

Andere Regeln für Hilfswerke

Ein Caritasmitarbeiter diskutiert mit EinheimischenKurze Zeit nach dem Erdbeben begann das Caritas-Netzwerk zu arbeiten.Matthieu Alexandre, Caritas Internationalis

Die Nothilfe funktionierte sehr effektiv. Einmal mehr zeigte sich die Professionalität des internationalen Caritas-Netzwerks: Caritasverbände aus der ganzen Welt kamen an verschiedenen Orten zum Einsatz, arbeiteten Hand in Hand, versorgten ab der ersten Stunde mehr als 230.000 Menschen mit lebenswichtigen Hilfsgütern wie Wasser, Nahrungsmittel, Decken, Planen.

Die Solidarität mit Nepal war beispiellos: Allein bei Caritas international gingen über zehn Millionen Euro an Spenden ein. Eine gute Basis für den Wiederaufbau, dessen Planung für Caritas bereits in der Nothilfephase begann. Zu dem Zeitpunkt befand sich Nepal im politischen Umbruch: Durch die Verabschiedung einer neuen Verfassung, nahm die für den Wiederaufbau zuständige Behörde erst im Januar 2016 ihre Arbeit auf. Schwerfällige bürokratische Regeln behindern verschiedene Aktivitäten der Hilfswerke oder schließen sie gar aus. So dürfen die Hilfswerke nicht selbst den Bau von Wohnhäusern leisten, das bleibt Sache der Bevölkerung und der Regierung. Aber Caritas unterstützt den Hausbau für 700 Familien mit je 2500 Euro, organisiert und transportiert die Baumaterialien, stellt Fachkräfte zur Seite und – ganz wichtig – bildet lokale Arbeiter in erbebensicherer Bauweise aus. Die Hilfe fällt auf fruchtbaren Boden: Bereits 478 Familien haben mit Hilfe der Caritas den Neubau begonnen oder konnten ihr Haus sogar schon beziehen, und rund 180 Maurer wurden ausgebildet. Die Entscheidung, wann und wie der Bau umgesetzt wird, liegt aber einzig bei den Hausbesitzern. Das unterscheidet den Wiederaufbau in Nepal maßgeblich vom Wiederaufbau nach ähnlichen Katastrophen in anderen Ländern.

Neue Perspektiven für Tausende Familien

Eine Frau steht mit ihren beiden Kindern vor dem neuen Haus.Eine Familie vor ihrem neuen Haus.Raju Pradhan

Da es oft an finanziellen Mitteln für Hausbau und Lebensunterhalt fehlt, bieten Cash-for-Work-Programme der Caritas eine Einkommensalternative. Die Bevölkerung hilft bei der Wiederherstellung von Wegen und Straßen, beseitigt Trümmer, gestaltet aktiv den Neuanfang ihrer Gemeinden mit und erhält dafür einen Lohn.

Der Wiederaufbau von Schulen verläuft nach Zeitplan: Im Distrikt Sindhupalchowk entstehen unter der Leitung von Caritas Schweiz 34 neue Schulen, die Caritas international mitfinanziert. Einige Schulen sind bereits in Betrieb, wie auch eine neu gebaute Sherpa-Schule im Distrikt Solukhumbuis.

Weiter investiert Caritas in die Wiederherstellung von Wasserinfrastrukturen, Landwirtschaft und Existenzgrundlagen. Mehr als 3.000 Familien erhielten Ersatz für verloren gegangenes Nutzvieh, das ihnen Nahrung bietet und zugleich auch ihr Einkommen sichert. Verteilt wurden außerdem landwirtschaftliche Geräte und dürreresistentes Saatgut, mit Krediten konnten Kooperativen gegründet werden, von denen der Einzelne und die ganze Gemeinschaft profitieren. Im Bereich  Trinkwasser sind noch sechs größere Baustellen in Betrieb, sieben konnten erfolgreich abgeschlossen werden. Ähnlich die Situation bei Bewässerungsanlagen für die Landwirtschaft: Fünf wurden instand gesetzt werden, sieben befinden sich noch im Bau.

Heute, zwei Jahre nach dem Erdbeben, kann Caritas international eine positive Bilanz ziehen: „Es gibt zwar für die nächsten Jahre noch viel zu tun, aber dank des Caritas-Netzwerks haben bereits jetzt Tausende Familien eine neue Lebensperspektive erhalten“, sagt David Booker, Länderreferent Nepal bei Caritas international.