Hilfe im Bombenhagel

Die größte humanitäre Katastrophe unserer Zeit

2 Kinder (Schwester und Bruder) vor zerbombten HäusernDiese beiden Geschwister verharrten mit 4 weiteren jüngeren Geschwisterkindern ohne erwachsene Betreuung in einem Kellerraum aus. Sie sind in jeder Hinsicht bedürftig. Patrick Nicholson/Caritas internationalis, 2017

Sechs Jahre nach Ausbruch des Krieges sind so viele Flüchtlinge, Vertriebene und Gewaltopfer in Syrien auf Hilfe angewiesen wie niemals zuvor. Die Hälfte der Bevölkerung musste die eigenen vier Wände aufgrund der Kämpfe verlassen, viele mehrmals. Und wer im siebten Jahr des Bürgerkrieges noch in seiner Heimat ausharrt, der hat alle Ersparnisse längst aufgebraucht und alles zu Geld gemacht, was irgendwie von Wert war. Denn der Preis für ein Kilo Reis liegt regional mittlerweile bei bis zu 20 Prozent eines durchschnittlichen syrischen Monatseinkommens. Die wenigsten Väter haben angesichts solcher Preise und einer Arbeitslosigkeit von 60 Prozent noch die Möglichkeit, mit ihrer eigenen Hände Arbeit ihre Familien zu ernähren. Schon einfachste Krankheiten werden lebensbedrohlich, weil die Behandlung für die allermeisten Syrer unerschwinglich ist.

Über 13 Millionen Menschen in Syrien auf Hilfe angewiesen

Hilfe von außen entscheidet deshalb in Syrien tagtäglich über Leben und Tod. Caritas international, das Hilfswerk des Deutschen Caritasverbandes, konnte bislang Zehntausende Menschen in Syrien unter anderem mit Grundnahrungsmitteln wie Reis, Linsen und Öl sowie Hygieneartikeln, Decken, Matratzen und Mietbeihilfen versorgen. Der Bedarf jedoch ist so riesig, dass längst nicht mehr alle der geschätzt 13,5 Millionen Hilfsbedürftigen im Land von Hilfsorganisationen überhaupt versorgt werden können. "Wir müssen unsere begrenzten Mittel für diejenigen einsetzen, die die größte Not leiden und deshalb die Hilfe am dringendsten brauchen. Das sind zum Beispiel alte, kranke und behinderte Menschen. Das heißt aber auch: Wer nur von zuhause vertrieben wurde, ansonsten jedoch keines der anderen Bedürftigkeitskriterien erfüllt, dem können auch wir oft nicht helfen, obwohl er diese Hilfe bräuchte, weil uns schlicht das Geld fehlt", erklärt Caritas-Nahost-Experte Christoph Klitsch-Ott, der sich mehrfach vor Ort mit eigenen Augen vom Leid der Menschen wie auch von der Wirksamkeit der Hilfe überzeugen konnte.

Von Damaskus bis Idlib

2 Helfer/innen in den Strassen von Aleppo.2 Helfer/innen in den Strassen von Aleppo. Kinder ohne Begeleitung werden in ein Heim gebracht.Patrick Nicholson/Caritas internationalis, 2017

Wo jedoch ausreichend Mittel zur Verfügung stehen, dort gelangt einiges an Hilfe zu den Kriegsopfern. So kommen die Hilfen der Caritas mittlerweile in neun unterschiedlichen Regionen in ganz Syrien von Damaskus bis Idlib an. Partner bei der Umsetzung der Hilfsprojekte sind zum Beispiel die Caritas Aleppo und katholische Ordensgemeinschaften, aber auch Einzelpersonen und zivilgesellschaftliche Organisationen säkularer Orientierung. Ohne solche lokale Kenntnisse, freiwilliges Engagement und die Einbindung vorhandener gesellschaftlicher Organisationsformen wie Gemeinderäten, kirchlichen Strukturen oder lokalen Hilfskomitees ist Humanitäre Hilfe im syrischen Kontext nicht zu leisten. Nur dank eines weit verzweigten Hilfsnetzwerks ist es Caritas möglich, landesweit zu helfen. Denn kaum eine Hilfsorganisation hat in allen Regionen des Landes mit seinen unterschiedlichen Machthabern Zugang zu den hilfesuchenden Menschen.

2 Helfer/innen in den Strassen von AleppoIn Aleppo verteilt die Caritas Decken, Hygieneartikel und Windeln. Patrick Nicholson/Caritas internationalis, 2017

Je länger der Konflikt dauert, desto wichtiger wird es, auf die individuellen Bedürfnisse der Menschen zugeschnittene Lösungen zu finden. Deshalb werden von Caritas seit 2014 vermehrt und zuletzt vornehmlich Gutscheine an die Menschen ausgegeben, mit denen sie Waren und Dienstleistungen in den noch funktionierenden Supermärkten, Apotheken und Arztpraxen einkaufen können. Vieles ist noch auf den lokalen Märkten verfügbar. Engpässe gibt es jedoch immer wieder bei Grundnahrungsmitteln wie Brot, bei medizinischem Material und bei der Trinkwasserversorgung.

Achim Reinke, März 2017