Wasser

Dossier

Wasserzugang für alle!

Wasser

Hintergrund

Wo bleibt das Wasser

Weltweit haben rund 700 Millionen Menschen keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser. Jeder Dritte hat keinen adäquaten Zugang zu Latrinen oder Toiletten. 946 Millionen Menschen müssen ihre Notdurft im Freien verrichten. Dabei wird der Bedarf an Wasser weiter steigen: Wenn die Weltbevölkerung bis 2050, wie derzeit prognostiziert, auf neun Milliarden Menschen anwächst, wird der Bedarf an Wasser und Nahrung um wahrscheinlich 70 Prozent steigen. Damit steht die Weltgemeinschaft vor enormen Herausforderungen.

Der Zugang zu sauberem Wasser und Sanitärversorgung ist seit 2010 ein von der UN-Generalversammlung und dem UN-Menschenrechtsrat anerkanntes Menschenrecht. Um es zu gewährleisten, sind große Anstrengungen zu unternehmen.

Wenn der Wasserbedarf steigt

Für Caritas international wie für andere Akteure der Humanitären Hilfe gewinnt das Thema Wasser in mehrfacher Hinsicht an Bedeutung. Der Anstieg klimabedingter Katastrophen sowie der fehlende Zugang zu Wasser macht vielen Menschen zu schaffen, wenn sie etwa ihr Trinkwasser mühsam über viele Kilometer heranschaffen müssen. Vielerorts ist das Wasser nicht sauber oder die sanitäre Grundversorgung schlecht. Krankheiten sind eine Folge. Hinzu kommt, dass Wasser vielerorts privatisiert wird und die Preise für sauberes Wasser in urbanen Zentren vielfach steigen.

Um die Gründe für den Wassermangel und den fehlenden Zugang zu Wasser zu analysieren und Wege zu finden, das Recht auf Wasser auch zu gewährleisten, bedarf es also einer Ursachenforschung des Verbrauchs und der Verschwendung von Wasser. Warum verbraucht die Landwirtschaft so viel Wasser und warum immer mehr? In welchen Bereichen der Industrie wird viel Wasser genutzt? Und was bedeutet in diesem Zusammenhang das "virtuelle Wasser"? Erst wenn die Gründe gut bekannt sind, können auf dieser Grundlage Lösungen vorgeschlagen und umgesetzt werden.

Konflikte um Wasser

Der hohe Bedarf an Wasser durch Landwirtschaft, Industrie und private Verbraucher führt immer häufiger zu Interessenskonflikten, die teils lokal und regional ausgetragen werden, bisweilen aber auch zu zwischenstaatlichen Konflikten oder gar kriegerischen Auseinandersetzungen führen.

In Kenia, das ohnehin immer wieder unter Dürren zu leiden hat, verläuft der Konflikt zwischen industrialisierter Landwirtschaft auf der einen und Bauern und Nomaden auf der anderen Seite. Blumenfarmen, die vor allem für den Export produzieren, leiten mit weit verzweigten Wasserleitungen Wasser auf ihre Felder, das den Menschen in diesem Einzugsbereich fehlt.

Auch im Nachbarland Äthiopien wurden bereits große Ländereien an ausländische Investoren verpachtet, die dort mithilfe intensiver Bewässerung Exportprodukte anbauen, beispielsweise Kaffee, Früchte oder Schnittblumen. Der hohe Wasserverbrauch dieser Plantagenwirtschaft verschärft nicht nur die bestehenden Wasserkonflikte mit und zwischen lokalen Kleinbauern und Nomaden, sondern führt auch zu zwischenstaatlichen Spannungen.

Der wasserintensive und großangelegte Anbau von Agrarprodukten begünstigt somit nicht nur Wasserkonflikte auf innerstaatlicher Ebene, sondern auch auf bilateraler und internationaler Ebene. Denn der Nil, der durch zehn Länder fließt, versorgt in seinem Einzugsgebiet etwa 140 Millionen Menschen direkt oder indirekt mit Wasser - etwa über die Produkte, die auf den durch ihn bewässerten Flächen angebaut werden. Insbesondere die Länder am Unterlauf des Flusses sind stark abhängig von der Wasserpolitik der Nilanrainer am Oberlauf. Zu erwähnen ist hier der Südsudan und vor allem Ägypten, das neun von zehn Litern seines Wasserbedarfs aus dem Nil deckt.

Weitere Regionen, in denen mehrere Länder vom Wasser einer oder weniger Gewässer abhängig sind, liegen im Nahen und Mittleren Osten. Die Anrainer von Euphrat und Tigris oder einige Länder Zentralasiens sowie die Sahelregion in Westafrika sind hier zu nennen.

"Virtuelles Wasser" -  wo das Wasser bleibt

Neben den Staaten und Unternehmen, die Staudämme bauen oder aus ihren Werken schmutziges Abwasser in Flüsse und Seen leiten, lassen sich meist auch indirekte Verursacher finden. Denn für jedes Metall, das in Bergwerken gefördert und aufwändig weiterverarbeitet wird, und für jede Schnittblume und jedes Pfund Kaffee, das produziert wird, wird auch Wasser verbraucht, das möglicherweise Bauern oder den Bewohnern von Slums nicht zur Verfügung steht. Das Konzept des virtuellen Wassers will diesen indirekten Wasserverbrauch in Zahlen fassen. Entwickelt wurde es von dem britischen Wissenschaftler John Anthony Allan.

Nehmen wir das Beispiel eines Baumwoll-T-Shirts. Die Herstellung ist mit einem durchschnittlichen Wasserverbrauch von 4.100 Litern verbunden. Mehr als 40 Prozent davon ist Regenwasser, das von den Baumwollpflanzen aufgenommen wird. Neben diesem "grünen virtuellen Wasser" gibt es auch blaues, das den Verbrauch durch künstliche Bewässerung bezeichnet. Beim Baumwollanbau sind das 42 Prozent der gesamten Wassermenge. In der Industrie umfasst blaues virtuelles Wasser die Wassermenge, die zur Herstellung eines Produktes verbraucht wird, ohne in den Wasserkreislauf zurück zu gelangen. Das graue virtuelle Wasser schließlich umfasst die Wassermenge, die durch die Düngung der Baumwollfelder oder durch Bleichen und Färben der Baumwolle verschmutzt und unbrauchbar wird. Bei der T-Shirt-Produktion sind das 14 Prozent.

Recht auf Wasser durchsetzen

Um weltweit das Recht auf Wasser durchzusetzen, gilt es nicht zuletzt die Ursachen für den übermäßigen Wasserverbrauch, die Wasserverschmutzung und den Klimawandel anzugehen. Wie das Modell des virtuellen Wassers deutlich macht, sind die Verbraucher und Verbrauerinnen in den Industriestaaten weitaus mehr für den zunehmenden Wasserverbrauch verantwortlich als die Menschen in Entwicklungsländern. Ähnlich verhält es sich bei der Verursachung des globalen Klimawandels, auch hier ist der Anteil der klimaschädlichen Emissionen pro Einwohner um das vielfache höher. 

Die Schlussfolgerung ist klar: Sowohl CO2-Anstieg und Klimawandel als auch Wassermangel sind gerade auch auf den hohen Konsum in Industrie- und Schwellenländern zurückzuführen. Wer die Ursachen des Klimawandels und des weltweiten Wassermangels bekämpfen will, muss also immer auch den Konsum von Industrie- und landwirtschaftlichen Produkten im Blick haben. Konsumverzicht und innovative Ansätze zum Einsparen von Wasser und Energie sind Voraussetzung für nachhaltigen Klima- und Wasserschutz.

Caritas international arbeitet daran, die gravierenden negativen Folgen von Klimawandel und Wassermangel zumindest einzudämmen. Zu nennen sind hier zum einen groß angelegte Programme zur Verbesserung des Wassermanagements, zu dem auch der Bau von Dämmen, Wasserrückhaltebecken, Bewässerungssystemen und Brunnen gehören. Ebenso wichtig sind kleinere Projekte, in denen den Begünstigten etwa der Zugang zu sauberem Trinkwasser oder verbesserte Hygiene durch den Bau von Abwasserleitungen und durch Schulungen ermöglicht werden. Anzahl und Umfang der Projekte bei Caritas international, die das Thema Wasser betreffen, werden in Zukunft sehr wahrscheinlich weiter zunehmen.

Oktober 2017