URL: www.caritas-international.de/wasunsbewegt/stellungnahmen/katastrophenvorsorge-zahlt-sich-aus
Stand: 01.07.2014

Redebeitrag

Katastrophenvorsorge zahlt sich aus

Sehr geehrte Damen und Herren,

das Jahr 2011, auf das wir mit unserem Jahresbericht heute zurückblicken, war für uns, Prälat Neher sprach es eben an, in vielerlei Hinsicht ein außergewöhnliches Jahr. Ich will zwei Aspekte herausgreifen: Niemals zuvor waren die durch Naturkatastrophen verursachten Schäden so groß wie 2011: 287 Mio. € betrug der wirtschaftliche Schaden. Die Summe ist so hoch, weil so viele reiche Länder wie nie zuvor von schweren Katastrophen getroffen wurden. Ich will nur an die Überschwemmungen in Australien, das Erdbeben in Neuseeland, die Wirbelstürme in den USA und nicht zuletzt an den Tsunami in Japan erinnern. Japan war gar die teuerste Naturkatastrophe der Menschheitsgeschichte. Zum anderen musste 2011, erstmals seit 20 Jahren wieder, eine Hungersnot durch die Vereinten Nationen ausgerufen werden. Schätzungen zufolge haben 50.000 bis 100.000 Menschen in Ostafrika ihr Leben verloren. Sowohl in Japan als auch in Ostafrika hat Caritas international, das Hilfswerk der deutschen Caritas, gemeinsam mit ihren lokalen Partnern in den vergangenen Monaten umfangreiche Nothilfe geleistet. Wir werden dort aber auch künftig - weit über die Nothilfe hinaus - den Menschen bei ihrem Neuanfang zur Seite stehen.

Am stärksten in Anspruch genommen haben uns als Hilfswerk in den vergangenen zwölf Monaten ohne Zweifel die Dürren, speziell in Ost- und Westafrika. Deshalb lohnt es sich, einen genaueren Blick auf diese Art der Katastrophen zu werfen. Denn es ist uns ein wichtiges Anliegen, uns immer wieder neu zu fragen: Was sind die Lehren unserer Arbeit? Und: Wo können wir uns verbessern? Bei einem strukturellen Phänomen wie den Dürren, dessen Folgen in großem Maß durch vorausschauendes Handeln beeinflusst werden können, ist das aus meiner Sicht besonders wichtig.

Dürren, Nahrungsmittelkrisen, Hungerkrisen und Hungersnöte unterscheiden sich in vielerlei Hinsicht von anderen Katastrophen, mit denen wir es tagtäglich zu tun haben. Es sind schleichende Ereignisse, die nicht die große mediale Aufmerksamkeit erregen wie ein Erdbeben oder ein Tsunami, die schockartig ins Bewusstsein der Öffentlichkeit dringen. Dürren sind lang anhaltende Ereignisse. Sie dauern über Monate an, ohne dass sich oberflächlich betrachtet Gravierendes an der Gesamtlage verändert. Es ist also besonders schwierig, den Punkt zu definieren, an dem die Lage von "normal kritisch" in Richtung "krisenhaft" kippt. Und: Dürren spielen sich geographisch auf großen, Landesgrenzen überschreitenden, Flächen ab. Schleichend, lang anhaltend und geographisch schwer eingrenzbar. Das sind Faktoren, die dafür sorgen, dass Dürren oft in Vergessenheit geraten.

Gerechtfertigt ist dieses Vergessen nicht: Denn statistisch gesehen töten Dürren mehr Menschen als jede andere Art der Naturkatastrophe. Von 1900 bis 2004 starb die Hälfte aller Katastrophenopfer durch Dürren. Allein in Afrika waren es 800.000 Menschen zwischen 1970 und 2010, die als Folge von Dürren ihr Leben verloren. Eine erschreckende Zahl. Und ich sagte es eben: Die Hungersnot in Somalia forderte vergangenes Jahr noch einmal, die Schätzungen sind da uneinheitlich, 50.000 bis 100.000 Todesopfer. Schon diese wenigen statistischen Daten zeigen: Der Kampf gegen Dürren, also letztlich der Kampf gegen den Hunger, ist von allergrößter Relevanz. Dieser Kampf ist noch lange nicht gewonnen.

Doch es wäre aus meiner Sicht falsch, aus diesen Zahlen einen Stillstand im Kampf gegen Dürren und Hunger herauszulesen. Es ist richtig: Es ist uns nicht gelungen, Hungersnöte gänzlich zu verhindern. Aber: Wir haben als Hilfsorganisationen gemeinsam mit anderen Akteuren erreicht, dass Dürren viel seltener die gravierenden Auswirkungen haben wie wir sie aus der Vergangenheit kennen, zum Beispiel 1985 in Äthiopien erlebt haben. Präzisere Frühwarnsysteme, bessere Vorratshaltung, eine große Zahl von Ernährungszentren und ein erfolgreiches Wassermanagement sind einige Faktoren, die dazu beigetragen haben, dass die Auswirkungen von Dürren mittlerweile deutlich abgemildert werden.

Wir haben gelernt: Katastrophenvorsorge zahlt sich aus. Es ist ein stiller, kaum beachteter Erfolg, dass wir dank vorausschauendem Handeln in den vergangenen Jahren durch Dürreprävention viele Menschenleben retten konnten. Wir haben gemeinsam gelernt, dass es billiger ist, eine Katastrophe zu verhindern als sie einzudämmen. Und wir haben die richtigen Lehren daraus gezogen, dass es einen Dollar pro Tag kostet ein Kind vor Mangelernährung zu schützen, aber 80 Dollar ein Kind im Krankenhaus vor dem Hungertod zu retten. Das sollte uns Mut machen. Denn die Erfolge, die wir auch im Sahel aktuell wieder verzeichnen, sind dem Engagement vieler einzelner Akteure zu verdanken. Nicht zuletzt den Spenderinnen und Spendern sowie öffentlichen und kirchlichen Geldgebern. Ein Erfolg, der zeigt, dass der Einsatz gegen den Hunger nicht vergeblich ist.

Trotzdem gibt es immer wieder Rückschläge in unserem Kampf gegen Dürre und Hunger. Es gibt dafür zwei wesentliche Gründe, die durch Vorsorge nur schwer oder gar nicht in den Griff zu kriegen sind: Krieg und chronische Armut. Ohne den Bürgerkrieg in Somalia, der effektive Hilfe in weiten Teilen des Landes weitgehend verhinderte, hätten wir im vergangenen Jahr keine Hungersnot in Ostafrika erlebt. Denn die schlimmsten Folgen hatte die Hungersnot im Süden Somalias, wo der Zugang zu den Hungernden aufgrund der Umtriebe islamistischer Extremisten für Hilfsorganisationen nur sehr eingeschränkt möglich war. Das ist eine Erfahrung, die wir derzeit auch in Westafrika wieder machen, wo wir es aktuell in Mali ebenfalls mit gewalttätigen Auseinandersetzungen zu tun haben, die die Hilfeleistung erschweren. In beiden Fällen, Ost- und Westafrika, gilt: Erst der Faktor Mensch lässt Hunger- und Nahrungsmittelkrisen zur Katastrophe werden.

Ähnliches gilt für die chronische Armut in Afrika. Denn erst die strukturelle Armut in Westafrika lässt die aktuellen Ernteausfälle aufgrund der Dürre im Sahel zu einem Problem werden. Wir haben es in Westafrika nicht mit einem Mengenproblem zu tun. Es gibt nach wie vor genug Nahrungsmittel auf den afrikanischen Märkten. Es gibt gewiefte afrikanische Händler, die in der Lage sind, große Mengen Getreide zu beschaffen. Die Länder in Westafrika, das vergisst man manchmal, sind keine autarken Gebilde, sondern gut im globalen Markt vernetzt. Das Problem ist nicht die Menge, sondern der Zugang zur Nahrung. Das Essen ist für zu viele Menschen aufgrund der Armut in Westafrika viel zu teuer. Das ist ein Skandal. Der Skandal ist, daran dürfen wir uns nicht gewöhnen, dass die Krise der Normalfall ist. Denn es ist eine chronische, strukturbedingte Krise. Der Skandal ist, dass Hilfsorganisationen wie Caritas international Monat für Monat, Jahr für Jahr gezwungen sind in der Region Ernährungszentren aufrechtzuerhalten, damit insbesondere Kinder und schwangere Frauen vernünftig ernährt werden können.

Es gilt deshalb, kurzfristige und langfristige Hilfe noch besser miteinander zu verzahnen. Caritas setzt aus diesem Grund auf Hilfe zur Selbsthilfe. Im Allgemeinen und auch aktuell in Westafrika. So erhalten beispielsweise in Mali mehr als 20.000 verarmte Kleinbauern in unseren Projekten beim Bau von Bewässerungskanälen, Dämmen und Wasserrückhaltebecken die Möglichkeit, das Geld für den Zukauf von Lebensmitteln und Saatgut zu verdienen. Auf diese Weise helfen die Caritas-Projekte doppelt: Familien können sich mit dem verdienten Geld dringend benötigte Lebensmittel selbst kaufen. Zugleich sind die Menschen dank der neuen Wasserinfrastruktur künftig aber auch besser vor Dürren geschützt. So wird auf die akuten Nöte reagiert, zugleich werden aber auch die chronisch-strukturellen Probleme angegangen.

Das sind Schritte, die nicht das Grundübel des Auseinanderklaffens von Arm und Reich beheben können. Dafür bedarf es des Handelns auf anderer Ebene, auf Ebene der Politik. Doch dank der genannten akuten Hilfe und verbesserter Vorsorge stehen die Chancen gut, dass die Menschen in Westafrika die diesjährige Dürre besser überstehen als vorangegangene. Das ist kein Grund sich zurückzulehnen. Denn neben der akuten Hilfe in einigen regional begrenzten Krisenherden, werden dringend langfristig angelegte und regional differenzierte Projekte benötigt, die die strukturellen Probleme lösen: Besserer Zugang zu Wasserquellen, die Einführung von trockenresistentem Saatgut, der Aufbau von Erntespeichern, Erosionsschutz und der verbesserte Zugang zu Krediten für Kleinbauern sind hier beispielhaft zu nennen. Wachsamkeit ist deshalb weiter nötig, Alarmismus ist aus unserer Sicht jedoch fehl am Platz. Ein zweites Ostafrika, ist nach allem, was wir derzeit wissen, in Westafrika nicht zu befürchten.

Was wir aber vor allem brauchen im Kampf gegen Dürre und Hunger, damit meine ich Regierungen, Hilfsorganisationen sowie Spender und öffentliche Geldgeber, ist ein langer Atem. Der Hunger in der Welt lässt sich nicht durch die einmalige spektakuläre Nothilfe beseitigen. Gewinnen lässt sich der Kampf nur mit einer unspektakulären, langfristig angelegten Hilfe. Der Kampf gegen den Hunger ist ein Marathon, kein 100-Meter-Lauf. Wir müssen weitere Schritte tun von einer kurzfristigen Nothilfe hin zur langfristigen Katastrophenvorsorge. Und beides miteinander verzahnen. Das aktuelle Beispiel in Westafrika zeigt das besonders deutlich.

Dr. Oliver Müller, Leiter von Caritas international, dem Hilfswerk des Deutschen Caritasverbands