Wird der Hunger nie besiegt? - caritas-international.de
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Stand: 16.06.2017

Stellungnahme

Wird der Hunger nie besiegt?

Es braucht nicht viel um Menschen vor dem Verhungern zu retten. Erdnussbutter, Milchpulver, Öl und Zucker. Mehr nicht. In rot-weißes Plastik verpackt, mit Vitaminen und Mineralien versetzt, entspricht dieses Gemisch in der üblichen 92 Gramm-Packung dem Nährwert von 500 Kilokalorien. Ein Kind zwei Monate lang damit zu versorgen, kostet Hilfsorganisationen nicht mehr als 50 Euro. 50 Euro um einem Menschen zwei Monate das Überleben zu sichern. Sollte machbar sein, denkt man.

Kind mit High Energy FoodEin Kind zwei Monate lang mit den hochkalorischen Nahrungspäckchen zu versorgen kostet 50 Euro. Foto: Amunga Eshuchi / Trocaire

Ist es aber offenbar nicht. "Nicht viel" scheint bereits "zu viel" zu sein. Das haben wir im Jahr 2017 wieder einmal gelernt, als in Afrika und im Jemen rund 30 Millionen Menschen hungerten. Als der UN-Nothilfekoordinator Stephen O'Brien im März den Hilfe-Bedarf auf 4,4 Milliarden US-Dollar bezifferte, wurden gerade einmal zehn Prozent dieser benötigten Summe zur Verfügung gestellt. Die Unterfinanzierung war so dramatisch, dass die Vereinten Nationen im Süd-Sudan den Menschen in den Flüchtlingslagern sogar die Essensrationen kürzen mussten, weil das für ihre Versorgung nötige Geld fehlte.

Zwei Monate später, im Mai 2017, standen für die Linderung der Hungerkatastrophe zwar immerhin 55 Prozent der Mittel bereit. Aber es fehlten doch auch da immer noch 45 Prozent des benötigten Geldes. Und noch wichtiger: Weitere entscheidende Monate waren verstrichen, in denen Menschenleben hätten gerettet werden können.

System der Finanzierung stößt an seine Grenzen - wieder einmal

Die Hungerkrise des Jahres 2017 in Ostafrika zeigt, dass das bisherige System der Finanzierung der Humanitären Hilfe an seine Grenzen gestoßen ist und die Humanitäre Hilfe insgesamt systematisch versagt. Wieder einmal. Denn bereits 2011 waren Zehntausende Menschen in Ostafrika aufgrund des späten Eingreifens der internationalen Weltgemeinschaft verhungert. 260.000 Menschen starben damals zwischen Oktober 2010 und April 2012, weil die Hilfe erst sechs Monate nach den ersten Warnungen anlaufen konnte. Der Grund auch damals schon: Das notwendige Geld stand nicht schnell genug zur Verfügung.

Das zögerliche Handeln derer, die in Ostafrika und im Jemen im März 2017 Menschenleben hätten retten können, aber viel zu wenig taten, nannte die "Süddeutsche Zeitung" in einem Meinungsartikel "Unterlassene Hilfeleistung". Vor allem auf die finanzstarken Mitgliedsstaaten der Vereinten Nationen, die ihrer (nicht nur moralischen) Pflicht zur Hilfe nicht im ausreichenden Maße nachkamen, zielte der Kommentar ab. Hungernde Menschen sind schließlich Bürger unserer Weltgemeinschaft und können sich damit auch auf das Recht auf Ernährung nach Artikel 25 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte berufen.

Das Versagen der Weltgemeinschaft ist umso unverständlicher als die Hungerkatastrophe im Jahr 2017 kein singuläres Ereignis ist. Die Abläufe und Mechanismen, die aus Krisen Katastrophen werden lassen, sind seit langem bekannt. Umso dringender muss gefragt werden, ob die notwenigen Lehren aus vergangenen humanitären Katastrophen gezogen wurden.

Hunger ließe sich besiegen

Angesichts der geschilderten Erfahrungen in den Jahren 2011 und 2017 erstaunt es einen zunächst, welch große Fortschritte seit den großen Hungersnöten in Äthiopien und Somalia in den 70er, 80er und 90er Jahren im Kampf gegen den Hunger doch bereits erzielt werden konnten. Während beispielsweise noch 1984/85 bei der Hungersnot in Äthiopien geschätzt 500.000 bis 1 Million Menschen starben, haben sehr viele afrikanische Staaten den Anteil der (chronisch) Hungernden in ihren Ländern in den zurückliegenden Jahren sogar halbieren können. Das hat unter anderem damit zu tun, dass eine Reihe von afrikanischen Staaten wie Äthiopien und Kenia ihre Lehren aus der Vergangenheit gezogen haben und sich mittlerweile nicht mehr scheuen, den Ausnahmezustand auszurufen und die internationale Gemeinschaft um Unterstützung zu bitten, wenn sich Hungerkrisen zuspitzen.

Zudem haben Hilfsorganisationen seit den 80er Jahren bedeutsame Fortschritte erzielt in der präventiven Hungerbekämpfung. Brunnen, Wasserrückhaltebecken, Zisternen, Dämme sowie Getreidespeicher und Silos haben in ihrem Zusammenwirken mit Beratung und Trainings dafür gesorgt, dass Dürren heutzutage weit besser als früher überbrückt werden können. All diese kleinen, dezentral durchgeführten Maßnahmen, wie sie z.B. Caritas international in Äthiopien oder Kenia umsetzt, funktionieren ohne großen technischen Aufwand und haben zur Folge, dass deutlich weniger Menschen hungern müssen als früher. Und das, obwohl zum Beispiel aufgrund des Klimawandels die Häufigkeit von extremen Wetterphänomenen wie Dürren und Starkregen, und damit die Zahl der vom Hunger bedrohten Menschen deutlich zugenommen hat.

Verendetes Tier in KeniaDie Hilfe beginnt oft erst, nachdem Medien Bilder von verhungerten Menschen und verendeten Tieren zeigen. Dann ist es jedoch eigentlich schon zu spät.Foto: David O'Hare / Trócaire

Dass der Hunger in Afrika nicht besiegt werden könne, ist also ein Eindruck, der zwar nach wie vor weit verbreitet ist und einem gefährlichen Fatalismus Vorschub leistet, jedoch von konkreten Erfahrungen und Statistiken widerlegt wird. Tatsächlich haben verbesserte Vorratshaltung, effizientere Wassermanagementsysteme und nicht zuletzt aussagekräftigere Frühwarnsysteme sich auch in den Jahren 2016 und 2017 als höchst erfolgreiche Elemente einer systematischen Katastrophenvorsorge erwiesen. So konnte das kostbare Wasser weit länger nutzbar gemacht werden als das noch in den 80er Jahren möglich war. Auch die Getreide-Vorräte gingen erst später zur Neige. Und nicht zuletzt konnte aufgrund präziser Warnungen bereits Monate vor Zuspitzung der Lage im Februar 2017 vorausgesagt werden, wann wo mit wieviel Geld geholfen werden sollte, um das Sterben von Menschen zu verhindern.

Geld fließt erst wenn Menschen sterben

Doch wie schon im Jahr 2011 verhallten selbst die präzisesten Warnungen auch im Jahr 2017 wieder weitgehend ungehört. Die Hungerkrise trat ein, obwohl sie auf Grundlage von erstaunlich exakten Daten vorhergesagt wurde. Wieder einmal zeigte sich, dass es offenbar doch die Bilder der Kadaver von Rindern und Schafen, die Blicke verzweifelter Mütter und die Hungerbäuche ausgezehrter Kinder braucht, um private und öffentliche Geldgeber zum Spenden zu bewegen. Erst die Emotion, nicht die Ratio, öffnete die Geldbörsen. Die Autoren einer Studie zur Hungersnot im Jahr 2011 beschrieben den Sachverhalt so: "Viele Geldgeber wollten Beweise für die humanitäre Katastrophe, bevor sie tätig wurden, um sie zu vermeiden."

Als Beweis müssen wohl die Bilder sterbender Tiere und Menschen betrachtet werden. Nach wie vor führt offenbar erst eine breite Berichterstattung in den Medien über diese Toten dazu, dass ausreichend Geld in die Hungerbekämpfung fließt. Diese Medienberichterstattung setzt jedoch erst ein, wenn der Höhepunkt einer Krise erreicht ist, also Menschen und Tiere bereits sterben, denn vorher gibt es keine (dramatischen) Bilder. Kurzum: Wie schnell auch immer dann gehandelt wird, wenn solche Bilder über die Fernseher in die Wohnzimmer gelangen - für tausende, zehntausende, womöglich hunderttausende Menschen wird jede Hilfe auf jeden Fall zu spät kommen.

Medienschelte jedoch ist fehl am Platz. Es ist nicht die Aufgabe von Journalisten, das Geschäft der Vereinten Nationen, der reichen Industrienationen und der humanitären Helfer zu erledigen. Vielmehr sind antizyklische, von akuten Krisen unabhängige Finanzierungen notwendig, um die notwenigen Dinge in der Katastrophenvorsorge angehen zu können, ohne dass erst um Almosen gebettelt werden muss. Es sind flexible und schnell verfügbare Finanzierungsmechanismen notwendig, die Mittel zur Verfügung stellen, bevor die Krise eingetreten ist.

In die Katastrophenvorsorge investieren

Der globale Weltkrisenfonds bei den Vereinten Nationen, den Entwicklungsminister Gerd Müller im März 2017 wieder in die Diskussion gebracht hat ("Wir müssen weg vom Klingelbeutel und brauchen feste Zusagen") sollte deshalb zwar einerseits entschieden begrüßt werden, muss aber andererseits bezüglich seiner Umsetzbarkeit auch mit einer gehörigen Portion Skepsis begleitet werden, nicht zuletzt angesichts der traditionell trägen Entscheidungsmechanismen. Schließlich hat vorausschauendes Handeln in der humanitären Hilfe auch auf anderen Gebieten einen schweren Stand.

Ein Frau steht auf Steinwällen.Projekte zur Katastrophenvorsorge, wie hier ein Wasserrückhaltebecken in Äthiopien, helfen dabei, dass eine Hungerkrise nicht automatisch zur Hungerkatastrophe wird.Foto: Bente Stachowske, Caritas international

So kursiert seit langem schon unter humanitären Helfern die Faustregel: Wer in die Katastrophenvorsorge einen Euro investiert, der spart in der Nothilfe sieben Euro. Doch noch immer fließt - trotz der Erfolge der Katastrophenvorsorge - nur ein verschwindend geringer Teil der Mittel, die für die humanitäre Hilfe zum Beispiel von der Bundesregierung bereitgestellt werden, in die Katastrophenvorsorge. Zuletzt waren es im Haushalt des Auswärtigen Amtes kaum zehn Prozent der insgesamt für humanitäre Hilfe zur Verfügung stehenden Mittel.

Doch selbst wenn ausreichend Geld für eine effiziente Katastrophenvorsorge sowie einen gut ausgestatteten Krisenfonds zur Verfügung stünde, ist doch auch das noch keine Gewähr dafür, dass die nächste Hungersnot verhindert werden wird. Denn ohne ein entschiedeneres politisches Handeln in Bezug auf die Bürgerkriege in Nord-Nigeria, Somalia, Süd-Sudan und dem Jemen werden auch die Hungernden des Jahres 2017 kaum zu retten sein. Helfer werden viele Notleidende, selbst unter Inkaufnahme von großen persönlichen Risiken, erst dann erreichen können, wenn die Waffen schweigen. Nur wenn die Kriege ein Ende haben, können die Menschen sich wieder um das Getreide auf ihren Feldern und die Tiere auf ihren Weiden kümmern, ohne fürchten zu müssen, ihr Leben dabei zu riskieren.

Durch den Mensch wird eine Hungerkrise zur Hungerkatastrophe

Hunger ist keine Naturkatastrophe. Hunger wird von Menschen verursacht oder aber billigend in Kauf genommen. Der Mensch selbst ist verantwortlich dafür, wenn wetterbedingte Hungerkrisen zur Hungerkatastrophe werden. Auch im Jahr 2017 wieder war es so, dass in den von der Dürre betroffenen und politisch stabilen Ländern wie Äthiopien und Kenia keine Hungersnot ausgerufen werden musste. Es gab zwar auch dort Menschen, die gehungert haben. Aber die Menschen sind nicht verhungert sind. Verhungert sind Menschen nur in den Bürgerkriegsländern Jemen, Somalia und Süd-Sudan (siehe Infokasten unten).

Bislang mangelt es auf Seiten der potenziell einflussreichen Staaten jedoch an jeglicher Bereitschaft, sich in Bürgerkriege vermittelnd einzumischen. Die Gründe reichen von den ernüchternden Erfahrungen mit politischen wie militärischen Interventionen in der Vergangenheit über handfeste wirtschaftliche Profit-Interessen bis hin zum politischen Ziel, Bündnispartnern wie Saudi-Arabien (im Jemen etwa) nicht in den Rücken zu fallen. Und schließlich werden Blauhelm-Missionen wie etwa im Süd-Sudan nicht einfacher, wenn die USA wie angekündigt ihre Unterstützung der UN-Programme drastisch zurückfahren werden.

Haben wir also gelernt aus den humanitären Katastrophen der Vergangenheit? Die Antwort lautet: Ja, aber nicht genug. Dabei ist relativ klar, welche Schritte folgen müssten, damit  Menschen künftig nicht mehr verhungern müssen: Entschiedenes politisches Handeln einflussreicher Staaten in Kriegen und Konflikten, größere Investitionen in die Katastrophenvorsorge und der Aufbau eines finanziell ausreichend gefüllten und gut gemanagten Weltkrisenfonds. Die Aussichten, dass all diese Schritte gegangen werden, stehen jedoch für die Zukunft nicht besser als in den zurückliegenden Jahren und Jahrzehnten.

INFO-KASTEN: Was ist Hunger?

795 Millionen Menschen haben nicht genug zu essen. Weltweit hungert also jeder neunte Mensch. Diesen bedrückenden Zahlen stehen jedoch auch Erfolge entgegen: So konnte die Zahl der (chronisch) Hungernden seit 1990 um immerhin 216 Millionen Menschen gesenkt werden.

Der Kampf gegen den chronischen und akuten Hunger erleidet jedoch insbesondere durch Kriege, Naturkatastrophen und die Folgen des Klimawandels immer wieder Rückschläge. So hat sich die Zahl der Naturkatastrophen seit den 90er Jahren auf durchschnittlich 350 pro Jahr verdoppelt. Immer neue (Bürger-)Kriege und politische Krisen sowie eine verfehlte Handelspolitik (Export subventionierter Agrarprodukte in Entwicklungsländer) und klimaschädliche Konsumweisen (Sojaanbau in Entwicklungsländern für industriellen Fleischkonsum) wirken sich ebenfalls negativ auf den Kampf gegen den Hunger aus.

Während chronischer Hunger einen dauerhaften Zustand der Unterernährung bezeichnet, der meist im weitesten Sinne auf Armut zurückzuführen ist und rund 90 Prozent aller Hungernden betrifft, meint akuter Hunger den Zustand der Unterernährung während eines abgrenzbaren Zeitraums aufgrund von Kriegen und Naturkatastrophen. Knapp zehn Prozent aller Hungernden sind von akutem Hunger betroffen. Zumeist litten sie bereits zuvor unter chronischem Hunger. Der Nothilfebedarf für akut Hungernde wurde von den Vereinten Nationen (UN) im Jahr 2017 auf 20 Milliarden Dollar geschätzt, im Jahr 2000 waren es "nur" zwei Milliarden Dollar.

Ein besonders extremer Fall der Hungerkrise ist die Hungersnot, die von den UN anhand von klar definierten Kriterien ausgerufen wird: 1. Es sterben jeden Tag zwei von 10 000 Menschen, 2. 30 Prozent der Kinder sind unterernährt und 3. mindestens 20 Prozent der Bevölkerung haben keinen Zugang zu 2100 Kilokalorien täglich. Nicht bei jeder Verknappung von Nahrung handelt es sich also um eine Hungersnot.

Für zahlreiche hilfreiche Hinweise danke ich Jürgen Lieser.

Autor: Achim Reinke, Pressereferent Caritas international, im Juni 2017