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Afrika

Rechte für Kinder

Äthiopien: Hilfe für Straßenkinder

Wenn Kinder wieder träumen dürfen

Auf dem Weg zur SchuleZaid hat es geschafft: Sie besucht die Schule und geht damit den ersten Schritt aus der Armut.Foto: Bente Stachowske/ Caritas international

Der rasante Bevölkerungszuwachs ist unter anderem auf den kriegerischen Grenzkonflikt mit dem Nachbarland Eritrea zurückzuführen, der vor einigen Jahren eine große Zahl intern Vertriebener zur Folge hatte. Zudem sind die Menschen in dieser gebirgigen Region von permanenter Dürre bedroht. Die ausgelaugten und steinigen Böden bieten kaum genug fruchtbare Ackerflächen, was immer wieder zu großer Ernährungsunsicherheit führt. Auch das ein Grund für viele Menschen, in Städten wie Mekelle nach alternativen Arbeitsmöglichkeiten zu suchen. Doch für viele erfüllt sich diese Hoffnung nicht. Die miserable wirtschaftliche Situation vieler Familien zwingt unzählige Kinder dazu, ihren Lebensunterhalt selbstständig auf der Straße zu verdienen. Am schlimmsten kommt es für die, deren Familien unter solchen Umständen auch noch auseinanderbrechen, wie bei der 16-jährigen Zaid.

Weg von der Straße, rein ins Leben

Zaid vor dem Haus ihrer GroßmutterZaid vor dem Haus ihrer Großmutter.Foto: Bente Stachowske/ Caritas international

„Als ich drei Jahre alt war, musste ich zu meiner Großmutter, da meine Mutter gestorben war. Meinen Vater habe ich nie kennengelernt. Dort leben auch meine Tante und mein Onkel, die selbst zwei Kinder haben“, erzählt Zaid. Viele Kinder in Mekelle, die aus ähnlich armen Verhältnissen kommen, halten sich mit Kleingeschäften auf der Straße über Wasser, andere schließen sich kriminellen Banden an rutschen gar in die Prostitution ab, um überleben zu können.

Dies versucht die Caritas der Diözese Adigrat (ADCS), die seit 2015 von Caritas international unterstützt wird, in Kooperation mit der Stadtverwaltung zu verhindern. Schwestern der Vinzentiner-Ordensgemeinschaft nehmen die Straßenkinder bei sich auf. So auch Zaid, weil das Gehalt ihres Onkels nicht einmal reichtte, um ihr Schulhefte zu kaufen. Anstatt zur Schule zu gehen, wäre sie mit großer Wahrscheinlichkeit früh verheiratet worden, um der Familie ihrer Tante nicht weiter zur Last zu fallen.

Seit sich die Sozialarbeiter/-innen des Programms um Zaid kümmern, hat sich viel in ihrem Leben zum Positiven verändert. Sie besucht inzwischen die zehnte Klasse einer öffentlichen Schule, interessiert sich besonders für Mathematik und Biologie. Die Schulgebühren werden über das Programm finanziert. Nach der Schule kann sie im Zentrum der Organisation kostenlos zu Mittag essen und bekommt bei Bedarf Unterstützung bei den Hausaufgaben. „Unser Ziel ist es, mindestens 80 Prozent aller aufgenommenen Schüler zu einem Abschluss zu verhelfen. Dazu stehen wir mit jedem Kind in Kontakt mit der Schulleitung und den Lehrern. Aber auch der Kontakt zu den Eltern oder Familienmitgliedern, bei denen sie wohnen, ist wichtig“, erklärt der Leiter des Zentrums Welday Gebreselassie.

Jeder trägt ein Talent in sich

Daniel pflegt seine TomatenpflänzchenDaniel pflegt die Tomaten in seinem kleinen Gärtchen.Foto: Bente Stachowske/ Caritas international

Auf dem Weg zum Zentrum läuft Zaid regelmäßig an einem kleinen Gärtchen vorbei. Bewirtschaftet wird es von Daniel Yemane, einem 17-jährigen Jungen aus dem Programm, dem es ähnlich ging wie Zaid. Auch er hat seinen Vater nie kennengelernt, seine Mutter starb an HIV, als er fünf Jahre alt war. „Meine Großmutter, bei der ich aufgewachsen bin, ist vor einem Jahr gestorben und meine Schwester lebt schon länger in Saudi-Arabien, um dort Geld zu verdienen. Plötzlich war ich ganz allein“, erinnert sich Daniel, dem bewusst zu sein scheint, dass ihm durch die Hilfe des Caritas-Partners womöglich ein Leben auf der Straße erspart blieb. „Ich möchte gerne Landwirtschaft studieren. Das ist in unserem Land eine wichtige Sache“, erzählt Daniel sichtlich stolz. Das Gärtchen haben ihm die Sozialarbeiter des Zentrums ermöglicht. Es ist Teil des Konzepts, die Kinder und Jugendlichen so zu unterstützen, dass sie sich mit ihren individuellen Talenten und Bedürfnissen entwickeln können. Die Tomaten in Daniels Gärtchen sind dafür ein blühender Beleg. „Ich interessiere mich schon lange für Nutzpflanzen. Hier habe ich endlich die Möglichkeit, erste praktische Erfahrungen zu sammeln.“

Zaid am KlavierDie Musik ist für Zaid ein wichtiger Ausgleich.Foto: Bente Stachowske/ Caritas international

Auch Zaid hat im Zentrum der Organisation ADCS ihre Leidenschaft entdeckt. Zusammen mit einigen anderen Schülern besucht sie am Nachmittag den gemeinsamen Musikraum. Ein Instrument hat es ihr besonders angetan: Klavier. „Ich liebe Musik und hier kann ich mit meinen Freunden üben“, erzählt sie begeistert. Vielleicht zieht Zaid aus der Musik die Kraft und die Energie, die sie für die Schule braucht. Denn beruflich hat sie bereits ein anderes, sehr ambitioniertes Ziel: „Ich will unbedingt Ärztin werden!“

Vorbereitet für das Leben

Insgesamt betreut die Organisation in Mekelle aktuell etwa 250 Kinder zwischen zwölf und 18 Jahren. Allesamt sind durch ihre Familienverhältnisse schwer benachteiligt und kommen aus ärmsten Verhältnissen. Einige Waisenkinder, wie Daniel, können im Zentrum auch übernachten, die meisten haben aber noch Verwandte.

In der AusbildungswerkstattSchwester Zebib besucht die Jugendlichen in der Ausbildungswerkstatt.Foto: Bente Stachowske/ Caritas international

„Wer die Schule trotz unserer Unterstützung nicht schafft“, erklärt Zentrumsleiter Welday Gebreselassie, „der hat die Möglichkeit, nach der zehnten Klasse eine Ausbildung anzugehen“. Die Sozialarbeiter helfen bei der Vermittlung und Finanzierung der Ausbildungsangebote, zu denen zum Beispiel das Erlernen des Schweißer-Handwerks zählt. Leiter Gebreselassie ist stolz, dass alle Kinder, die durch seine Mitarbeiter/-innen unterstützt wurden, nach Studium oder Ausbildung zu gefragten Arbeitskräften – und vor allem zu selbstbewussten Persönlichkeiten – werden.

Ingo Steidl, April 2017

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