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Afrika

Krisen und Konflikte

Kongo: Hilfe für Opfer der Konflikte

Frau mit Kindern kochtDelphine ist mit vier Kindern im Mai 2012 geflohen - und fand in der Schule von Mugunga Unterkunft.  Caritas Goma

In der DR Kongo werden Neuwahlen seit Monaten verschleppt. Die zweite Amtszeit des amtierenden Präsidenten Joseph Kabila ist seit 2016 abgelaufen - eine dritte steht ihm laut Verfassung nicht zu. Der immense Druck der internationalen Gemeinschaft und vor allem auch der Druck von zivilgesellschaftlichen Gruppen und Kirchenverbänden gegen eine dritte Kandidatur Kabilas zeigte nun offensichtlich Wirkung.

Anfang August verkündete ein Regierungssprecher, dass der Generalsekretär der Regierungspartei, Emmanuel Ramazani Shadary, als Präsidentschaftskandidat antreten werde.

Das ist ein erstes positives Zeichen. Viele Beobachter fürchteten einen weiteren Krieg im Kongo, wäre Kabila erneut angetreten. Dennoch wird der Wahltermin am 23. Dezember mit Spannung erwartet. Knapp 60 Jahre nach der Unabhängigkeit im Juni 1960 steht die Demokratische Republik Kongo vor einem Scherbenhaufen. Die Sicherheitslage ist prekär angesichts der kaum funktionierenden staatlichen Strukturen und Dutzender Rebellengruppen, die schwer bewaffnet sind. Das Land hat über 4,5 Millionen Binnenflüchtling. Massive Menschenrechtsverletzungen, grassierende Korruption, und eine hohe Jugendarbeitslosigkeit sorgen für politische Unruhen. Insbesondere das Misstrauen der überwiegend jungen Bevölkerung in die Politik ist groß.

Politisch instabil

Die kongolesische Polizei und das kongolesische Militär gingen zuletzt im Januar 2018 teilweise gewaltsam und brutal gegen Regierungskritiker vor. Im Dezember 2017 meldete Human Rights Watch den Tod von zwei Demonstranten, sie sollen vor der Kirche St. Alphonse erschossen worden sein. Es bleibt nicht bei Schüssen in die Luft - zu Jahresbeginn 2018 spricht die UN-Mission in dem zentralafrikanischen Land bereits von acht Toten. Die Kirche hatte zu Protesten gegen die nicht mehr verfassungskonforme Amtszeit von Präsident Joseph Kabila aufgerufen. Die Amtszeit von Kabila endete offiziell bereits 2016, seither regiert er ohne Mandat des kongolesischen Volkes. Das Internet wurde zu Beginn des Jahres "aus Gründen der staatlichen Sicherheit" abgeschaltet. Vor allem in Kinshasa und der Provinzhauptstadt Kananga in der Provinz Kasaï eskalierte die Gewalt. Hier kämpfen Rebellen und Sicherheitskräfte seit geraumer Zeit mit erneuter Härte gegeneinander, tausende sind auf der Flucht.

Päpstliche Aufrufe zum Gewaltverzicht

Am 24. Januar appellierte Kardinal Monsengwo an die Sicherheitskräfte im Land, sich in Zurückhaltung zu üben, und auch Papst Franziskus rief erneut zum Gewaltverzicht auf. Radio Okapi hatte am Sonntag zuvor aus  Kinshasa, Kisangani, und Bukavu von Protesten berichtet, es gab 5 Tote, über 50 Verwundete und über einhundert Festnahmen.

"Warum müssen wir so viele Tote und Verwundete beklagen. Warum gibt es so viele Verhaftungen, Entführungen, Angriffe auf Kirchengemeinden und religiöse Gemeinschaften, Demütigung, Folter, Einschüchterung, Entweihung von Kirchen, das Verbot zu beten? Welche Verbrechen haben diese Christen und kongolesischen Bürger begangen?", fragen die Bischöfe des Kongo in ihrem Hilfs-Appell.  

Nach den blutigen Repressionen gegen Demonstrierende, die dem Aufruf katholischer Gruppen folgten und für eine friedliche Lösung und Neuwahlen auf die Straße gingen, fordert auch die MONUSCO die kongolesische Polizei und das Militär zu mehr Zurückhaltung auf.

Die kongolesische Jugendbewegung LUCHA, Gewinner des Menschenrechtspreises "Botschafter des Gewissens" von Amnesty International 2017, demonstriert für eine friedliche demokratische Wende. LUCHA (auf Deutsch: "Kampf für Veränderung") wird von der Regierung als aufständische Bewegung und kriminelle Vereinigung bezeichnet. Indes erklärt auch die Kirche regelmäßig, es sei wichtig, dass für neue Wahlen bald neue Kandidaten aufgestellt werden. Der Generalsekretär der kongolesischen Bischofskonferenz, P. Donatien Nshole, findet es nicht hinnehmbar, dass Menschen nicht demonstrieren dürfen (Interview mit Radio Vatikan im November 2017).

Humanitäre Langzeitkrise

Bewaffnete Konflikte und eine erhöhte politische Instabilität haben in der DR Kongo zu einer humanitären Langzeitkrise geführt.13 Millionen Menschen sind mittlerweile auf humanitäre Hilfe angewiesen. Vier Millionen Menschen mussten aufgrund der Gewalt ihre Heimat verlassen und sind innerhalb des Kongo auf der Flucht. Das sind so viele wie in keinem anderen afrikanischen Land. Mit mehr als 744.000 Binnenvertriebenen ist die Provinz Nord-Kivu am stärksten betroffen.

Auf dem Entwicklungsindex der Vereinten Nationen steht das Land trotz seines Reichtums an Bodenschätzen auf Platz 176 von 188 Ländern. Die Vereinten Nationen haben im vergangenen Jahr 6.500 Menschenrechtsverletzungen registriert, ein Anstieg um 25 Prozent im Vergleich zum Vorjahr 2016.

Akute Unterernährung - wachsende Ernährungskrise

Neben dem Schutz vor Menschenrechtsverletzungen benötigen diese Menschen vor allem Unterstützung im Bereich Gesundheit und Ernährung: 2,2 Millionen Menschen sind stark unterernährt. Allein 4,5 Millionen der bedürftigen Menschen können sich derzeit nicht ausreichend ernähren. Die ständigen Vertreibungen, die generelle Unsicherheit und die militärischen Auseinandersetzungen ermöglichen es den Bewohnern nördlich von Goma nur unregelmäßig, ihre Felder zu bearbeiten. Etwa 4,5 Millionen Menschen sind landesweit von akuter Ernährungsunsicherheit betroffen (IPC Stufen 3 und 4, UNOCHA September 2017).

Nach jüngsten Erhebungen leiden knapp 12 Prozent der Bevölkerung in der Region Birambizo (Ostkongo) unter akuter Unterernährung. Die Caritas Goma schätzt, dass die Hälfte aller unterernährten Kinder infolge von Krankheiten mangelernährt sich, die über verunreinigtes Wasser übertragen werden. Sowohl vertriebene als auch rückkehrende Familien verfügen nicht über ausreichende Mittel, um ihre Existenz zu bestreiten. Sie sind - ebenso wie die Gemeinden, die Binnenvertriebene aufnehmen, auf externe Hilfen angewiesen.

Hintergrund

Im Osten der Demokratischen Republik Kongo, dem zweitgrößten Staates auf dem afrikanischen Kontinent, folgen seit 20 Jahren bewaffneten Konflikte und Bürgerkriege aufeinander. Das an Ressourcen reiche Land kommt hier nicht zur Ruhe: Rund 50 bewaffnete Gruppen sind derzeit allein im Osten des Kongo aktiv. Sie fechten Kämpfe um territoriale Machtansprüche und um die Kontrolle über natürliche Ressourcen aus.

Obwohl reich an Rohstoffen, zählt der Kongo zu den ärmsten Ländern der Welt. Die Kriegsökonomie der kämpfenden Gruppen basiert weitgehend auf dem Handel mit seltenen Mineralien aus den kongolesischen Bergbaugebieten. Weil es nur schwache staatliche und kommunale Strukturen in der Provinz Süd-Kivu und im Ostkongo gibt, sind die Rohstoffvorkommen und der Bergbau ständiger Brennpunkt der Kämpfe. Demokratische Entwicklungen werden immer wieder sabotiert.

Das Leben dazwischen

Seit Jahren bestimmen in den Ostprovinzen des Landes Kämpfe zwischen Milizen und Militärs, Plünderungen und Vergewaltigung den Alltag. Die Zeit seit den Kongokriegen 1996 ist von Entbehrung und für viele Menschen von einem Leben dazwischen bestimmt: zwischen Kriegen, zwischen Zelten, zwischen den Fronten, unterwegs von Dorf zu Dorf und in den Wäldern, immer wieder in Flüchtlingslagern - von denen es derzeit allein im Ostkongo über 50 gibt. Die Mehrzahl der Jugendlichen ist mit dem Krieg aufgewachsen, Zeiten des Friedens, Geborgenheit oder eine Perspektive mit Arbeit und eigener Familie kennen sie kaum. Unzählige haben nie eine Schule besucht. 

So gibt es kaum eine Familie, die nicht schon einmal vertrieben war, für kürzer oder länger, die nicht in einem verwüsteten Dorf zurückgeblieben ist oder deren Angehörige in an Kriegshandlungen involviert waren, ob auf der Seite der Täter oder der Opfer. Auf der Suche nach einem Platz, an dem man ohne Angst und Schrecken leben kann, wandern viele Menschen bis heute ständig von einem Ort zum nächsten. Vertreibung, Unsicherheit aufgrund von Überfällen, Landstreitigkeiten und eine schwierige bis völlig unzureichende Versorgungslage erschwert es den Menschen, ihr eigenes Auskommen und eine sichere Existenz aufzubauen.

Von nichts kommt nichts

Die Infrastruktur ist in den Provinzen Süd- und Nord-Kivu fast völlig zerstört, nur ein Fünftel der Straßen ist asphaltiert. Die Inflationsrate in der Demokratischen Republik Kongo gehört zu den höchsten der Welt, und wer heute ein paar Shilling als Tagelöhner verdient, kann sich oft morgen oft schon keine Mahlzeit mehr davon leisten.

Schulen und ein öffentliches Gesundheitssystem sind kaum vorhanden. Viele der ohnehin sehr spärlich ausgestatteten Krankenstationen wurden infolge des Krieges zerstört. Es gibt durchschnittlich einen Arzt für 10.000 Menschen. Da sanitäre Einrichtungen, sauberes Wasser und Gesundheitsdienste Mangelware sind, sterben viele an leicht vermeidbaren Krankheiten wie Durchfall. 2017 ereignete sich die schlimmste Choleraepidemie seit 15 Jahren mit über 1.000 Todesfällen und 55.000 Erkrankungen.

Laut einer UN-Studie von 2011 haben rund 51 von 68 Millionen Menschen im Kongo keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser. Die Müttersterblichkeit ist ebenso wie die Säuglingssterblichkeit eine der höchsten weltweit. Denn es gibt oft keine Mahlzeit, keine gesundheitliche Vorsorge, keine Geburtshilfe. Zudem sind viele Frauen Opfer sexualisierter Gewalt. Die Verletzung des Rechtes auf körperliche Unversehrtheit hört oft mit dem Verbrechen nicht auf: Da sie stigmatisiert werden, leben sie in großer sozialer Unsicherheit.

Zivilbevölkerung auf der Flucht

Trotz der langjährigen Mission der Vereinten Nationen für die Stabilisierung in der Demokratischen Republik Kongo (MONUSCO), die zusammen mit der staatlichen Armee Rebellengruppen zu demobilisieren versucht, flammen immer wieder neue Kämpfe auf. Von Gewalt, Flucht und Vertreibung besonders betroffen ist die Provinz Nord-Kivu - die Gebiete Beni, Lubero, Walikale, Rutshuru und Masisi. Aufnehmende Gemeinden sind Bweru, Nyange, Kitso, Kalengera, Mpati und Bibwe.

Flüchtlinge bei der Registrierung in einem FlüchtlingscampRegistrierung in einem Flüchtlingscamp in OstkongoSébastien Dechamps / SECATHO / Caritas international

Rückkehr mit Fragezeichen

Gleichzeitig lässt sich eine Rückkehrbewegung in die sicheren Herkunftsgemeinden beobachten. So beläuft sich die Zahl der Rückkehrer und Rückkehrerinnen im Nord-Kivu 2017 auf über 275.000 Menschen. Die rückkehrenden Familien verfügen jedoch kaum über die notwendigen Mittel, um ihre Existenz wieder aufzubauen. Sie sind damit, ebenso wie die Vertriebenen, von den aufnehmenden Gemeinden abhängig.

Laut UN OCHA sind über eine halbe Million Menschen in den aufnehmenden Gemeinden betroffen. So sind nicht nur die Vertriebenen und Rückkehrenden, sondern auch diejenigen, die in den Dörfern ausharrten, auf externe Hilfen angewiesen.

August 2018