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Afrika

Krisen und Konflikte

Südsudan: Überleben ohne Staat

Berichte von Betroffenen aus Wau

Frau mit Kind auf dem ArmAnok Chieng und ihre zweijährige Tochter aus Marrial Agith: der Zustand des Kleinkindes liegt an der Schwelle zur gravierenden UnterernährungSimon Tremmel

Anok Chieng kommt mit ihrer zwei Jahre alten Tochter aus dem Dorf Marrial Agith, um sich ihre Monatsration Sorghum abzuholen. Das gehaltvolle Getreide hilft, die Ernährungskrise zu überstehen. Die sechs Meilen bis zum Krankenhaus der Mary Help Association läuft sie in rund einer Stunde - die  einfache Wegstrecke. Der Zustand des Kleinkindes liegt an der Schwelle zur gravierenden Unterernährung. Anok Chieng wurde mit ihrem Kind im Februar dieses Jahres von dem Ernährungsprogramm für mangelernährte Kleinkinder aufgenommen. Das ist für die junge Frau, die sich und ihre Familie mit kleinen Arbeiten wie dem Schneiden von Gras über die Dürre rettet, eine lebensnotwendige Unterstützung. Der Mann von Anok ist ohne Arbeit und kümmert sich nicht weiter um die Familie.

"Wenn es Frieden im Südsudan geben würde, wären die Menschen nicht von externer Hilfe abhängig. Sie könnten sich selbst versorgen", sagt Sr. Gracy Adichirayil, Leiterin der Mary Help Association in Wau.

Tatsächlich: Die Situation in Wau, der Hauptstadt des Bundesstaates Western Bahr el Ghazal im Südsudan, hat sich seit den Unruhen vom Sommer 2016 etwas stabilisiert. Allerdings folgt auf die Kämpfe zwischen Regierung und Rebellen eine Situation, in der willkürliche Gewalt zwischen und gegen einzelne Bevölkerungsgruppen verübt wird. Die Taten sind oft lokal und betreffen einzelne, doch in der Gesamtheit sind sie Ausdruck der kriegerischen Wirren. So bekommen unbezahlte Soldaten die Anweisung, Häuser zu plündern und sich dort zu holen, was ihnen der Staat nicht geben kann. Immer wieder werden Frauen und Kinder vergewaltigt und getötet, Häuser gebrandschatzt. Nicht selten verbrennen Alte und Behinderte in den Flammen. Bewaffnete Viehhüter treiben ihr Vieh auf Hausgärten und Ackerflächen, um dort ihre Rinder grasen zu lassen - und nehmen damit anderen die Ernte.
Dazu kommen gestiegene städtische Kriminalität und der überall implizit geführte ethnische Konflikt. Die Menschen können nicht mehr sagen, wem sie Vertrauen schenken können und wem nicht. Keine der verfeindeten Gruppen ist in sich homogen, Regierung und Rebellen sind gleichermaßen grausam in ihren Gewalttaten. Misstrauen ist gewachsen, auch unter den sich ehemals nahestehenden Bevölkerungsgruppen.

Vorherrschend ist die Ungewissheit über die Zukunft

Einige Zonen rund um den Ballungsraum Wau, in dem derzeit geschätzt etwa 200.000 Menschen leben, sind weniger sicher als andere. Innerhalb der Stadt suchen tausende Menschen mit dem Einbruch der Dunkelheit Zuflucht auf den Kirchengeländen, während rings um die Stadt ein Gürtel als No-Go-Gebiet gesperrt wurde, das als Gefahrenzone weitgehend unbewohnt bleibt. Während innerhalb des Gürtels die Regierung und regierungsnahe Gruppieren dominieren, kontrollieren die Rebellen die meisten Bereiche außerhalb der Sperrfläche. Etwa 40.000 Menschen verharren im Buschland außerhalb der Stadt, und in dem Flüchtlingscamp der Vereinten Nationen halten sich nochmals rund 28.000 Binnenflüchtlinge auf. Nach wie vor leben rund 15.000 Binnenvertriebene auf vier Kirchengeländen, die meisten auf dem Hauptgelände in Nähe der Kathedrale.

Die meisten Vertriebenen gehen tagsüber auf Nahrungs- und Feuerholzsuche oder treiben Handel mit den wenigen Dingen, die sie finden und vermarkten können. Sie kehren mit Einbruch der Dämmerung zu ihren Unterkünften und auf das Kirchengelände zurück. Nur wenige kehren in ihre Häuser zurück, zu unsicher ist die Gesamtlage.

Mann mit ProtheseDer 60-jährige Juma Ukel Mushera hofft trot aller Widrigkeiten, sein Haus wieder aufbauen zu können. Derzeit erhält er auf dem Kirchengelände in Wau Essen und das Nötigste. Simon Tremmel

Alles ist knapp

Güter sowie Nahrungsmittel können aus den Nachbarländern angeliefert werden, doch die Preise sind derart in die Höhe geschossen, dass sich der größte Teil der Bevölkerung keine Nahrungsmittel mehr leisten kann. Daher sind Tausende verzweifelt auf der Suche nach Essen. Zu Hunderten übernachten sie an den Vorabenden der Ausgabe von Lebensmitteln bereits vor den Toren der Kirchengelände. Die Verzweiflung führt mitunter zu Konflikten zwischen den Ärmsten. Und um sich vor plündernden Gruppen zu schützen, wurde Stacheldraht auf die Mauer um das Hauptgelände der Kirche gezogen.
Auch Abuk N. aus dem Dorf Panyidor kommt mit ihrer 13 Monate jungen Tochter Nankir in das Krankenhaus nach Wau, um sich ihre Monatsration Sorghum abzuholen. Ihr Kind ist schwach und stark abgemagert - die Haut beginnt, Falten zu schlagen. Der Zustand Nankirs liegt ebenfalls im Bereich der gravierenden Unterernährung. Die Schwestern der Mary Help Association bringen sie zur Spezialbehandlung in das Referenzkrankenhaus des Comboni-Ordens.

Abuk N.hat keine Arbeit. Sie versorgt sich und ihre vier Kinder mit dem, was ihr die erweiterte Familie oder Nachbarn zuteilwerden lassen. Ihr Mann und sein Bruder leben zwar mit ihnen, tragen jedoch kaum etwas zur Unterstützung bei. Derzeit hat sie, von dem Zukunftstraum von Arbeit und Einkommen abgesehen, den Wunsch, in den Schulgärten oder in den landwirtschaftlichen Projekten der Schwestern mitzuarbeiten.

Noch erschwert die jährliche Trockenzeit den Anbau von Feldfrüchten, wenngleich kürzlich erste Regen den Boden leicht befeuchteten. Mit standortgerechten Anbaumethoden könnten ausgewählte Sorten auch zu dieser Jahreszeit auf den Feldern kultiviert werden, sofern das Saatgut erhältlich ist.  "Ausschlaggebend ist in allen Kontexten die Sicherheitssituation. Die Region ist nicht von Dürre getroffen, sondern vom bewaffneten Konflikt."

Leben und Hoffen auf dem Kirchengelände

Der 65-jährigen Angelina Biagio Umuidu aus dem Dorf Bussere ergeht es ähnlich wie Amuk. Ihr Haus ist  komplett zerstört, ihr Besitz geplündert. Ihre sechs Kinder sind schon vor langer Zeit weggezogen, nur die sechsjährige Enkelin Emmanuela steht der erblindeten Angelina noch zur Seite, seit der Bruder bei Kämpfen ums Leben kam. Das Kirchengelände ist ihre letzte Zuflucht. Hier wartet sie: auf Essen, auf Frieden, auf bessere Zeiten. Die Enkelin geht derweil betteln. Angelina Umuidus größte Sorge ist ihr Alter. Unbedingt will sie den Vater des Kindes finden, um ihre Enkelin nicht als Waise sich selber zu überlassen, wenn sie selber keine Kraft mehr zum Leben hat.

Zwei Männer geben sich die Hand Der Leiter der Initiative, Matteo Mohammad, hat ein offenes Ohr für die Sorgen aller. Die Wohnverhältnisse auf dem Kirchengelände von St. Marks sind beengt und provisorisch.Simon Tremmel

Alle extrem armen und verwundbaren Menschen, die auf dem Kirchengelände von St. Mark‘s unterstützt werden, erhalten einen Schlafplatz in einem Sammelzelt sowie zwei Mal täglich Essen. Morgens gibt es Porridge, mittags Bohnen. Mit Unterstützung kleiner Organisationen wird auf dem Gelände der Kirche auch Wasser bereitgestellt und eine medizinische Grundversorgung angeboten. Derzeit leben hier etwa 90 Personen, insgesamt betreut St. Mark‘s 685 Menschen in der Stadt und jeweils einem Kind, das ihnen zugeordnet ist.

So wie Angelina Umuidu sind viele alte Menschen in besonderem Maße von der politischen Krise betroffen. Juma Ukel Mushera sucht tagsüber Feuerholz auf dem Kirchengelände zusammen, um es zu verkaufen. Er fürchtet, das Gelände zu verlassen. Zu traumatisch sind die Erinnerungen an den Überfall auf sein Dorf, bei dem fünf Familienmitglieder getötet wurden. Juma Mushera verlor bei einem Schuss seinen rechten Unterarm - mit der Prothese kommt er halbwegs klar. Doch derzeit plagt ihn eine chronische Lungenentzündung die droht, zu einer Tuberkulose auszuwachsen.

Erstaunlich ist der Wille und die Hoffnung der Menschen, die zurück in ihre Dörfer und auf die Felder wollen, um sich selber versorgen zu können. Die Vertriebenen sind dankbar für die Unterstützung der Kirche und hoffen zugleich täglich darauf, ihr Leben wieder selber in die Hand nehmen zu können.
Matteo Mohammad,  Leiter der Hilfsinitiative für die Ärmsten auf dem Kirchengelände, hofft auf mehr Sicherheit, denn: "Landwirtschaftliche Produktion ist in Wau gut möglich. Die Menschen bauen Maniok, Erdnüsse, Mais, Kartoffeln und manchmal auch Sorghum an. Vom Verkauf können sie sich weitere Grundnahrungsmittel leisten. Das funktioniert sogar ohne Zubehör. Aber die Sicherheitssituation ist sehr schlecht. Wenn es so bleibt, wird sich die Bevölkerung auch weiterhin nicht selbst versorgen können."
Selbst wenn in den kommenden Wochen der Regen fällt, werden viele Menschen aufgrund der politischen Wirren und willkürlichen Gewalt noch weitere Monate warten müssen, bis sie ihre eigene Ernte anpflanzen und ihr Haus wieder aufbauen können.

Nach einem Bericht von Simon Tremmel, April 2017