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Asien

Katastrophenhilfe

Nepal: Hilfen nach dem Erdbeben

Wiederaufbau nach der Katastrophe

Das Erbeben im April 2015 traf Nepals Bevölkerung völlig unvorbereitet. Innerhalb von Sekunden wurden Hunderttausende Menschen obdachlos, verloren ihr Hab und Gut. Gesundheitsstationen und Schulen lagen in Trümmern, Ernten und Straßen waren zerstört. Das internationale Caritas-Netzwerk leistete sofort Nothilfe, die durch viele Nachbeben erschwert wurde.

Dann begann die Phase des Wiederaufbaus. Und der braucht Zeit, immer noch. Insbesondere in den abgelegenen Bergregionen stellen sich enorme logistische Herausforderungen. Die Koordination mit den nepalesischen lokalen Bezirksbehörden läuft inzwischen reibunslos. Die Begünstigten, die für jede erhaltene Geldleistung zum Neubau ihrer Häuser Nachweise erbringen, bevor sie die nächste Tranche erhalten, sind kurz vor Ende der zweiten Bauphase. 2.888 Häuser wurden fertiggestellt, 4.440 weitere sind in der zweiten Bauphase.

Frau am Brunnen hält Hände unter den Wasserstrahl und lachtShamila Shrestha aus dem Distrikt Sindhupalchok freut sich über die neue Wasserstelle. Beim Bau half sie selbst mit.Bente Stachowske, Caritas international

Gemeinsam und gut koordiniert

Gemeinsam mit vielen Caritas Partnern wurde ein Programm von 12 Millionen Euro für den Wiederaufbau auf den Weg gebracht. Caritas international konzentriert sich in ihrer Hilfe auf den Wiederaufbau von Wohnhäusern, Schulen, Landwirtschaft und Wasserversorgung und die psychosoziale Betreuung traumatisierter Menschen. Ganz wesentlich ist für das Hilfswerk des Deutschen Caritas Verbandes die Beteiligung der Bevölkerung mittels „Cash-for-Work“-Programmen. Dabei arbeiten die Familien bei den Aufräumarbeiten mit und erhalten einen Lohn. Oft ist es der einzige Verdienst einer Familie, weil andere Einkommensquellen fehlen.

Trinkwasserleitungen, Wassermühlen, Brücken

In verschiedenen Distrikten werden besonders schwer getroffene Gemeinden beim Wiederaufbau von Infrastrukturen unterstützt, darunter Trinkwasserleitungen, Wassermühlen, Brücken und Wege. Purano-Gaon Khet Puchar in Sindhupalchok war eine dieser Gemeinden. "Wir haben 17 Wasserstellen in der Gemeinde errichtet", erklärt der Vorsteher Prabhuram Pahari stolz. Und die 21-jährige Dorfbewohnerin Shamila Shrestha ergänzt: "Es ist wunderbares Trinkwasser, das nun direkt neben meinem Haus aus dem Hahn kommt. Vorher musste ich eine Stunde Weg zurücklegen, um Wasser zu holen".

Mann beim MaurernSuk Bahadur Rokka beim Bau seines Hauses.Bente Stachowske, Caritas international

Die Menschen, die von der Landwirtschaft leben, erhalten Saatgut, landwirtschaftliche Geräte, Nutzvieh  und Schulungen zu Anbaumethoden und Tierhaltung. Andere Familien werden finanziell beim Wiederaufbau ihrer Häuser und der Beschaffung der Baumaterialen unterstützt. Wie zum Beispiel die Familie des 45-jährigen Suk Bahadur Rokka: "Wir sind so froh, dass die Caritas uns hilft, dieses gute Haus zu bauen", sagt er. Die Unterstützung durch Caritas ist zwar eine wesentlich Entlastung, und doch reicht sie nicht allein für den Neubau, und die meisten Familien müssen zusätzlich Kredite aufnehmen. Für eine professionelle und erdbebensichere Bauweise fehlen außerdem Arbeitskräfte. Darum lernt Caritas Maurer, Steinmetze und Schreiner an. Die Fachleute kommen dann im Wiederaufbau zum Einsatz und erhalten mit ihrer Fortbildung zugleich eine Zukunftsperspektive. So wie Chandra Bahadur Karki, der mit 83 Jahren zum gefragten Maurer in seinem Dorf wurde.

Schulmädchen im KlassenraumGemeinsam mit ihren Partnern sorgt Caritas dafür, dass die Kinder weiter zur Schule gehen können.Bente Stachowske, Caritas international

Kinder brauchen sichere Räume

Das Erdbeben hat auf die Kinder verheerende Auswirkungen. Da viele Familien ihr Einkommen und ihr Haus verloren haben, ist das Geld so knapp, dass viele Kinder zum Überleben beitragen müssen. Entweder werden sie früh verheiratet oder in die Städte und ins Ausland geschickt und müssen dort arbeiten. Für sie ist die Gefahr groß, dabei ausgenutzt zu werden und zum Beispiel in der Prostitution zu landen.

Gemeinsam mit der Organisation "Child Nepal" und anderen Partnern schützt Caritas international in Kunchok die Kinder vor Arbeit, Schulabbruch und Zwangsverschickung. Hier kam es nach dem Erdbeben zu vermehrtem Missbrauch, zu Kinderarbeit, Menschenhandel, Vernachlässigung und Gewalt. Sozialarbeitende begleiten gefährdete Familien, in den Gemeinden entstehen Kindesschutz-Komitees, mit Aufklärungskampagnen wird die Bevölkerung sensibilisiert, Schulgelder und -materialien werden übernommen und einkommenschaffende Maßnahmen angeboten.

Die 12-jährige Renuka ist eines von 5.400 Kindern, das von diesem Projekt profitiert. Obwohl sie eine sehr gute Schülerin ist, wollten die Eltern sie von der Schule nehmen und zum Arbeiten schicken. Inzwischen hätten die Eltern zwar ihre Meinung geändert, doch Renuka fühlt sich noch immer nicht in Sicherheit: "Jeden Tag habe ich Angst, dass ich nicht zur Schule darf", sagt sie.

In einem anderen Projekt im Distrikt Sindhupalchok unterstützt Caritas den Bau neuer, behindertengerechter Schulen. "Sicher soll sie sein", sagt die 15-jährige Nirmala, gefragt nach ihrem Wunsch an die neue Schule. Ein wichtiger Punkt für Caritas: Unter Berücksichtigung von nationalen und internationalen Baustandards werden Schulen gebaut, die selbst Beben standhalten, die stärker sind als die von April 2015. Das Schulpersonal erhält Trainings zur Wartung der Gebäude, die Kinder und Pädagogen werden in Evakuierung, Risikominderung und Hygiene unterrichtet. Im Distrikt Solukhumbu beteiligte sich Caritas international am Wiederaufbau einer schwer beschädigten Sherpa-Schule mit angeschlossenen Internat.

Zwei Männer bearbeiten SteineMit anpacken, beim Wiederaufbau helfen und gleichzeitig einen Lohn verdienen - das ist Cash-for-Work.Caritas international

"Cash-for-Work"

Perspektiven und Einkommen schaffen, aktiv den Wiederaufbau der Gemeinden mittragen – das ist das Ziel von Cash-for-Work-Programmen. Viele Frauen und Männer haben noch immer keine Arbeit, kaum eine reguläre Ernte, kein Einkommen. Es fehlen Mittel für den Lebensunterhalt oder gar für den Neubau ihrer Häuser. In den „Cash-for-Work“-Programmen erhalten sie für ihren Arbeitseinsatz beim Bau von Straßen, Schulen und Dämmen einen Lohn, mit dem sie erwerben können, was sie am dringendsten brauchen.

Dhan Bahadur Khadka und das Ehepaar Khatri haben sich so einige Zeit ihren Lebensunterhalt gesichert und zugleich in ihr Haus investieren können.

Medizinischer Bereich

An ausgewählten Schulen fanden für Kinder Workshops zur Traumaverarbeitung statt, denn die Auswirkungen des Erbebens machten sich im Schulalltag bemerkbar. Mit verschiedenen Strategien lernten die Kinder, ihre traumatischen Erlebnisse zu verarbeiten. Aber auch Erwachsene benötigen Hilfe: Viele von ihnen haben Familienangehörige verloren, der Verlust ihres Hab und Guts lässt so manchen verzweifeln. Psychosoziale Teams in den Gemeinden begleiten und betreuen die Betroffenen. Im medizinischen Bereich wurden über die Nothilfe hinaus Gesundheitskits zur Versorgung schwer zugänglicher Bergregionen finanziert.

Gut durchdacht

Erfahrungsgemäß braucht der Wiederaufbau vor allem Zeit. Denn es geht nicht nur um fertige Häuser und eingerichtete Schulen, sondern darum, die Kompetenzen möglichst vieler Menschen für einen präventiven Umgang und für eine professionelle Wiederaufbauhilfe zu stärken und die Pläne gut miteinander abzustimmen. Auch die Vernetzung und der Austausch spielen beim Wiederaufbau eine wichtige Rolle, um bei der nächsten Katastrophe besser gewappnet zu sein.

"Die lokalen Caritas Teams mit je 15 bis 20 Leuten sind so gut aufeinander eingespielt, dass ich von ihrer schnellen, effizienten, gut koordinierten und engagierten Zusammenarbeit sehr beeindruckt bin", berichtet Daniel Apolinarski, Länderreferent bei Caritas international für Nepal, von seinem jüngsten Projektbesuch im Februar 2018. "Ein funktionierendes Team von lokalen Kräften ist in der Bergregion umso wichtiger, nicht nur wegen der erschwerenden geografischen Bedingungen. Vor allem auch in sozialer Hinsicht bewegen sich die Caritas-Teams dank der unterschiedlichen sozialen Herkunft ihrer Mitglieder kompetent in der gesellschaftlichen Realität. Somit sind wir zuversichtlich, bis Ende des Jahres die umfangreichen Bauprojekte für 5.000 Familien erfolgreich abzuschließen zu können." 

April 2018