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Europa

Chancen für Chancenlose

Russland: Armut in Sibirien

Ein Kinderzentrum entsteht

Das Kinderzentrum Nadjeschda wurde 2003 gegründet. Die Dorfverwaltung in Slavjanka stellte eine leere Wohnung in einem fast unbewohnten Häuserblock zur Verfügung und beauftragte zwei arbeitslose Frauen, sich um die oft nicht betreuten Kinder der Familien mit Alkoholsucht zu kümmern. Ohne jegliche Ausstattung und ohne pädagogische Ausbildung begannen die Frauen, sich stundenweise mit den Kindern zu beschäftigen.

Eine kleine katholische Gemeinde wurde auf diese Arbeit aufmerksam. Die Schwestern aus Omsk halfen zunächst mit Mal- und Bastelmaterial sowie Spielsachen. Dann übernahm die Omsker Caritas die Sorge für dieses Zentrum. Seit 2005 nimmt das Kinderzentrum in Slavjanka am Kinderprogramm der Diözesancaritas in Novosibirsk teil.

Mit Spenden der "Sternsinger" und anderer Organisationen konnten die Räume renoviert und eingerichtet werden. Schlittschuhe sowie eine Zeltlagerausstattung für den Sommer wurden angeschafft. Drei Frauen sind als Erzieherinnen mit Teilzeitbeschäftigung angestellt. Sie wurden zusammen mit den Pädagogen der anderen Kinderzentren intensiv geschult.

Es fehlt an allen Enden

Das wichtigste im Kinderzentrum sind die Erzieherinnen. Ihre Liebe zu den Kindern, die Achtung vor ihren problembeladenen Familien und ihr pädagogisches Können sind die Voraussetzung dafür, dass den Kindern wirksam geholfen werden kann. Auf Grund der schwierigen finanziellen Situation hat das Kinderzentren in Slavjanka nur eine sehr kleine Besetzung. Der von der Stadtverwaltung gezahlte Verdienst der Mitarbeiterinnen liegt kaum über dem Existenzminimum.

Für Lebensmittel hat das Kinderzentrum am Tag derzeit rund 25 Cent pro Kind für zur Verfügung. Denn jedes Kinderzentrum, das von der Diözese in Omsk betreut wird, muss selber lokale Sponsoren suchen. In einem Dorf wie Slavjanka gibt es jedoch keine Geschäftsleute mit gutem Einkommen, die das Zentrum unterstützen könnten. Das Budget kann deshalb nur mit Kartoffeln und Gemüse aufgebessert werden, die die Kinder selber anbauen. Im Speiseplan der Kinder fehlen Fleisch, Fisch, Milchprodukte und Obst fast vollständig, weil diese Lebensmittel sehr teuer sind.

Ansicht eines Plattenbaus, der sehr verlassen aussiehtDa die Heizungsanlage abgestellt wurde und sich die Bewohner/innen vielfach die Einlage für eine neue Heizung nicht leisten können, wird es in diesen Wohnungen bis zu minus 12 Grad kalt.Caritas international / Kinderzentrum Nadjeschda

Die Dorfverwaltung hatte 2012 das Heizwerk verkauft, seither ist das Heizen teuer. Damit das Zentrum den Kindern einen warmen Ort bieten kann, braucht es pro Kind monatlich zwölf  Euro für Strom, Wasser, Heizung, Putz- und Waschmittel und Toilettenpapier.

Freizeit und Zukunft gestalten

Für die aktive Freizeitgestaltung wird ein Sommerlager in der Nähe aufgeschlagen, an einem kleinen See. Wichtig ist das Selberorganisieren, damit werden Teamgeist, Organisationskompetenzen, Kreativität und Eigenständigkeit der Kinder gefördert. Die Kinder schlafen in Zelten, kochen am Lagerfeuer, spielen, sammeln Pilze und Beeren. Die Sommerfreizeit ist oft die einzige Abwechslung vom tristen Alltag im Dorf, die diese Kinder haben.

Leitende Mitarbeiterinnen der Dorfverwaltung und des Sozialamtes berichteten im Mai 2012 von ihren Beobachtungen in kinderreichen Familien und im Dorf Slavjanka: Die älteren Kinder, die noch nicht im Kinderzentrum waren, haben alle keinen Schulabschluss, sind alkohol- oder drogenabhängig, manche waren bereits im Gefängnis. Die jüngeren Geschwister, die mehrere Jahre im Kinderzentrum betreut wurden, haben alle die Hauptschule abgeschlossen, arbeiten oder sind in einer Berufsausbildung. [Hier berichten die Kinder von ihrem Kinderzentrum]

Soziale Integration von Kindern aus Risikofamilien in Westsibirien

Das Kinderzentrum in Slavjanka wird von der Diözesancaritas in Novosibirsk und Caritas international über das Projekt "Soziale Integration von Kindern und Jugendlichen aus Risikofamilien in Westsibirien" unterstützt. Der Caritasverband im Bistum in Novosibirsk entwickelt seit 2005 im Rahmen eines Projektes für "Kinderzentren" ein qualifiziertes Konzept sozial-pädagogischer und psychologischer Hilfen. Für eine soziale Integration von Kindern und Jugendlichen aus Risikogruppen. Kinder aus zerrütteten Familien, die neben fehlender elterlicher Fürsorge in hohem Masse physischer, psychischer und emotionaler Gewalt ausgeliefert sind, brauchen eine therapeutische Langzeitbegleitung und die Vertretung ihrer Interessen in der Öffentlichkeit.

Somit sind die beruflichen Anforderungen an die Mitarbeiterinnen der Kinderzentren sehr vielfältig: Sie organisieren die Arbeit in den Zentren, schützen und vertreten die Interessen der Kinder, beraten die Familien, informieren über staatliche Sozialleistungen und Angebote anderer Organisationen, unterstützen die Kinder emotional in schwierigen Lebenssituationen, fördern sie individuell und erfüllen erzieherische Funktionen.

Damit die Pädagoginnen ihre Grundkenntnisse in Pädagogik, Psychologie, Projektmanagement und Öffentlichkeitsarbeit  erweitern können, finanziert Caritas international zusammen mit anderen Gebern ein Programm zur sozialen Rehabilitation traumatisierter Kinder und Jugendlicher in den Zentren der Caritas in Westsibirien. Dazu gehören: Novosibirsk (Caritas), Novosibirsk (Pfarrei), Nishni Tagil, Tscheljabinsk, Omsk, Slavjanka, Tomsk, Jurga, Barnaul, Slavgorod. Das Bildungsprogramm für die Pädagoginnen vermittelt insbesondere spezielle Kenntnisse in sozialen und pädagogischen Methoden für die Arbeit mit traumatisierten und stark vernachlässigten Kindern und Jugendlichen.

Mai 2018