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Europa

Chancen für Chancenlose

Russland: St. Petersburg - zwischen Armut und Reichtum

Die Stadt liegt am Ostende des finnischen Meerbusens und ist mit 5 Millionen Einwohnern die nördlichste Metropole Russlands. Über zwei Jahrhunderte war die Stadt das Zentrum des russischen Zarenreiches und bis heute gilt sie – neben Moskau – als das kulturelle und wissenschaftliche Zentrum Russlands. St. Petersburg wächst weiter, doch mit der Stadt auch die Kluft zwischen arm und reich.

Straßenszene in St. PetersburgSt. Petersburg ist eine Stadt der sozialen Gegensätze. Der Tourismus boomt, gleichzeitig sinken Löhne und Mieten steigen.Foto: Philipp Spalek

Der Bau des neuen Stadions für die WM 2018 soll über 800 Millionen Euro verschlungen haben. Nur wenige hundert Meter hinter dem Stadion entsteht derzeit mit der neuen Gazpromzentrale Europas höchster Wolkenkratzer - 463 Meter hoch soll er werden. Das Prestigeobjekt ist in der Bevölkerung umstritten. Denn während sich der Turm immer weiter in die Höhe schraubt, nehmen in der Metropole auch die sozialen Gegensätze immer weiter zu.

Stadion in St. PetersburgDie Fußball WM 2018 in St. Petersburg führt dazu, dass viel renoviert wird, aber leider führen nicht alle Wege zum Stadion. Die ärmsten Viertel erhalten kaum Beachtung.

St. Petersburg / Leningrad - eine Stadt mit vielen Gesichtern

Gleich auf dem Weg vom Flughafen ins Zentrum führt die Straße "Moskau Prospekt" an der riesigen Leninstatue vorbei und erinnert daran, dass die Stadt 67 Jahre lang seinen Namen trug. Mit nur einer knappen Mehrheit hat sich die Bevölkerung nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion dafür entschieden, die Stadt wieder in St. Petersburg umzubenennen. Für den kommunalen Bezirk gilt das nicht. Etliche Projekte der Caritas St. Petersburg liegen deshalb auch heute noch im „Oblast Leningrad“.

Aber nicht nur in unbeständigen Namen von Straßen und Plätzen zeigt sich die wechselhafte Geschichte der Stadt, sondern auch an zahlreichen Gebäuden lassen sich die politischen Umwälzungen bis heute ablesen. So war das „Bischof Maletzky-Haus“, in dessen oberen Etagen heute das Caritas-Tageszentrum für Menschen mit Behinderung untergebracht ist, bis zur russischen Revolution eine Kirche. In der heutigen Garage war der Gebetsraum. Während der Sowjetzeit war darin ein Kulturclub untergebracht. Aus dieser Zeit stammt der riesige Kronleuchter in der Eingangshalle.

Überall zeigt sich, dass die Stadt bis heute mit dem Erbe der Sowjetunion ringt. Am deutlichsten kriegen das die Bewohner St. Petersburgs derzeit auf dem Wohnungsmarkt zu spüren.

Hohe Mieten und kein funktionierendes Sozialsystem

Zur Zeit der Sowjetunion wurden Wohnungen nur über den Staat zugeteilt, pro Person maximal 6-9 m2. Mietwohnungen gab es kaum. Und daran hat sich bis heute wenig geändert. Wer nicht das Glück hatte, im Zuge der Privatisierungen eine vergleichsweise günstige Wohnung vom Staat zu kaufen, muss heute enorm tief in die Tasche greifen. Viele können sich da nur mit der ganzen Familie ein Zimmer in einer sogenannten Kommunalka leisten, der in der Sowjetunion typischen Gemeinschaftswohnung. Die beengten Verhältnisse führen zu sozialen Spannungen. Die Eltern sind viel arbeiten, die Kinder sich selbst überlassen. Das hat soziale Konsequenzen.

Mit der Sowjetunion brach auch das, wenn auch lückenhafte, Wohlfahrtssysteme zusammen. Und bis heute ist es nicht gelungen, ein funktionierendes Sozialsystem aufzubauen. Vor allem kinderreiche Familien oder Alleinerziehende laufen Gefahr, zu verarmen. Aber auch Familien mit nur ein oder zwei Kindern, sagt Caritasdirektorin Natalja Pewtsowa, haben ein sehr hohes Risiko in die Armut abzurutschen. Zum Beispiel, wenn ein Elternteil seinen Job verliert oder krank wird.

Als pulsierende Metropole zieht die Stadt auch jedes Jahr Tausende Arbeitsmigranten an. Sowohl aus der Umgebung als auch aus anderen ehemaligen Sowjetrepubliken. Sie und ihre Kinder haben es besonders schwer, eine Wohnung zu finden oder auf dem Arbeitsmarkt Fuß zu fassen.

Hartmut-Kania Haus: Die Entstehung der Caritas St. Petersburg

Anfang der neunziger Jahre legte der Görlitzer Pfarrer Hartmut-Kania mit der Einrichtung einer Suppenküche den Grundstein für die Caritas St. Petersburg. Unter der Leitung von Natalja Pewtsowa hat sich aus der einstigen Nothilfe eine professionelle Caritas mit 88 festangestellten Mitarbeiterinnen entwickelt.

Die Caritas St. Petersburg versorgt Obdachlose, kümmert sich um Mütter und Kinder aus sozial schwachen Familien, um HIV-Infizierte, um alte und kranke Menschen und gibt Hilfestellungen bei Suchtproblemen. Sie informiert Menschen in Notlagen über ihre Rechte beim Zugang zu sozialen Dienstleistungen und hat im vergangenen Jahr - dank zahlreicher Spenden - 20.000 Menschen unterstützt.

Caritas Mitarbeiterin spielt mit den KindernBetreuung von Kindern aus sozial schwachen Familien im Hartmut Kania Haus.Foto: Philipp Spalek

Juni 2018