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Lateinamerika

Teilhabe bei Behinderung

Bolivien: Selbsthilfe für Menschen mit Behinderung

Engagement für Menschen mit Behinderung

Mutter macht Übungen mit behindertem KindDona Vicenta löst durch einfache Übungen Rolandos VerkrampfungenCaritas international

Rolando (16) kam als viertes Kind zur Welt. Seine Mutter Doña Vicenta verdiente den Lebensunterhalt für sich und ihre Kinder als Marktfrau in der Metropole La Paz. Schon morgens um vier Uhr verließ sie das Haus und trug schwere Lasten ungeachtet der Schwangerschaft. Rolando kam als Frühgeburt zur Welt. Die Mutter brachte das Baby ins Krankenhaus, weil seine Beine verkrampft waren. Die Ärzte stellten eine frühkindliche Zerebralparese fest und wollten Rolando in der Klinik behalten. Aber, so erzählt Doña Vicenta, sie hatte nicht genug Geld. Also nahm sie das mehrfach behinderte Kind wieder mit nach Hause.

Rolando wuchs versteckt und ohne Kontakte zur Außenwelt auf. Seine Mutter befürchtete, dass fremde Menschen ihm Schaden zufügen oder sich über ihn lustig machen könnten. Caritas-Mitarbeitende wurden auf die Familie aufmerksam, als Doña Vicenta eines Morgens schwer krank im Bett lag und nicht mehr arbeiten konnte. "Sie kamen und besorgten Medikamente für mich. Sie gaben mir Mut und Kraft, weiterzumachen", berichtet Doña Vicenta. Eine ehrenamtliche Caritas-Mitarbeiterin kam danach regelmäßig und machte Übungen mit Rolando. Nach und nach lernte die Mutter, wie sie selbst Rolando zu mehr Selbstständigkeit verhelfen kann. Heute hat sie einen Förderplan, und sie hat wieder Mut gefasst, weil sie sieht, wie gut Rolando sich entwickeln kann.

Inklusion, Emanzipation und Selbstorganisation

Michael (7) hat eine schwere HörschädigungEine Caritas-Mitarbeitende leistet Hausaufgabehilfe beim hörbehinderten Michael.Caritas international

Seit 2004 fördert Caritas international die Arbeit mit Behinderten in Bolivien. Vordergründiges Ziel ist die Inklusion, Emanzipation und Selbstorganisation von Menschen mit Behinderungen. In La Paz werden betroffene Eltern und Familienangehörige unterstützt, ihre behinderten Kinder zu Hause zu fördern, da es an entsprechenden Einrichtungen fehlt. Zugleich wird die Organisation von Elterngruppen angeregt, Freiwillige erhalten Ausbildungen in Behindertenhilfe und betroffene Jugendliche bekommen Stipendien für eine Berufsausbildung.

Neben der konkreten Hilfe für Betroffene geht es aber vorrangig darum, auf Gesellschaft und Politik einzuwirken, um die Lebensbedingungen für Menschen mit Behinderung langfristig zu verbessern. Die Zusammenarbeit mit staatlichen Institutionen spielt dabei eine wesentliche Rolle. Aber auch Kundgebungen, Bildungsangebote sowie die Gründung und Vernetzung von Selbsthilfegruppen tragen dazu bei. In Bolivien entstand so mit Unterstützung der Caritas die erste Selbsthilfe-Initiative "Jachá Uru" (Der große Tag) von Eltern, Angehörigen und Betroffenen. Gemeinsam setzen sie sich gegenüber Behörden und staatlichen Stellen für die Rechte der Menschen mit Behinderung ein und leisten Aufklärungsarbeit.

Grenzenlose Vernetzung

Mittlerweile hat die Initiative an Legitimität und gesellschaftspolitischem Gewicht gewonnen und agiert über Ländergrenzen hinweg. So vernetzte sich "Jachá Uru" mit weiteren Caritas-Partnerorganisationen in Südamerika, insbesondere in Peru. In gegenseitigen Besuchen können Know-how ausgetauscht und Synergien genutzt werden. "Jachá Uru" soll auch weiter darin unterstützt werden, die soziale Inklusion von Menschen mit Behinderung voranzutreiben. Auf lokaler und nationaler Ebene wird dazu auf die staatliche Behindertenpolitik eingewirkt und die öffentliche Meinung nachhaltig beeinflusst. Die Stigmatisierung und der Ausschluss von Menschen mit Behinderung muss ein Ende haben.

Das Projekt wird vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) unterstützt.

November 2016