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Lateinamerika

Chancen für Chancenlose

Kolumbien: Ausstieg aus der Prostitution

Menschen auf der Straße in einer zerfallenen Wohngegend.Wohnort: Slum. Viele Familien und Frauen siedeln an den Stadträndern, wie in diesem Slum in Bogotá.Simon Burch

Weltweit breitet sich die Prostitution als organisiertes Verbrechen kontinuierlich aus. Die sexuelle Ausbeutung besonders verletzlicher Menschen ist zum globalen Geschäft verkommen. Schätzungen zufolge werden mit Prostitution jährlich weltweit mehr als 90 Milliarden Euro umgesetzt.

In Lateinamerika und insbesondere in Kolumbien und Ecuador ist ein Anstieg von Prostitution und Menschenhandel zu verzeichnen. Offizielle Statistiken gibt es zwar keine, aber es liegen Schätzungen lokaler Organisationen und Angaben der Behörden vor. So waren bei der Stadtverwaltung in Kolumbiens Hauptstadt Bogotá im Mai 2017 mehr als 23.400 Frauen als Prostituierte gemeldet. Rund 90 Prozent der Frauen stammen aus anderen Regionen des Landes. Oft sind sie Opfer von Zwangsvertreibungen durch Drogenbanden oder den mehr als fünfzig Jahre dauernden Konflikt zwischen Regierung und FARC. Oder sie suchen ein Auskommen in den Städten, weil in ihren Heimatorten Arbeits- und Verdienstmöglichkeiten fehlen. Die Frauen haben oft die Rolle dess Familienoberhaupts inne und müssen für sich und ihre Familien den Lebensunterhalt verdienen. Dabei geraten sie schnell in den Menschenhandel, in sexuelle Ausbeutung und in die Prostitution.

Für Ecuador gehen Schätzungen davon aus, dass sich rund 55.000 Frauen und Mädchen prostituieren. Tendenz steigend.

Moralisch verwerflich und selbst gewählt

Eine statistische Erhebung durch Caritas in beiden Ländern verweist auf verschiedene Faktoren, die den Einstieg der befragten Frauen in die Prostitution begünstigten. So tragen 79 Prozent der Befragten die Verantwortung für das Familieneinkommen, 49 Prozent wurden zwangsvertrieben oder haben in Folge extremer Armut ihre Heimatorte verlassen, 87 Prozent erlebten in der Kindheit Gewalt, 24 Prozent wurden in jungen Jahren durch Familienangehörige sexuell missbraucht und 37 Prozent waren Opfer von Kinderarbeit.

In der öffentlichen Wahrnehmung wird das Problem der Prostitution in beiden Ländern verharmlost, sie gilt in erster Linie als moralisch verwerfliche und selbst gewählte Tätigkeit. Weder der kolumbianische noch der ecuadorianische Staat haben sich ernsthaft um eine Politik bemüht, die das Entstehen von Prostitution, zum Beispiel durch eine Förderung alternativer Einkommensmöglichkeiten, verhindert.

März 2018