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Naher Osten

Flucht und Migration

Libanon: Migranten und Flüchtlingen beistehen

Neue Wurzeln

"Wir hatten drei Optionen: zahlen, zum Islam konvertieren oder sterben", sagt Layth Fasih. Darum entschieden er und seine Frau Hanaa Youssef sich für eine vierte Option, als die Kämpfer des IS im Sommer 2014 auf ihre Heimatstadt Mossul im Nordirak vorrückten. "Kurz nachdem wir hörten, dass sie an der Stadtgrenze stehen, sind wir geflohen", erinnert sich der 56-jährige Fasih. Außer ihrem Auto und ein paar wenigen Habseligkeiten ließen sie alles zurück. "Wir dachten, dass wir nur kurz weg sind."

Es zog sie erst einmal in die Großstadt Erbil. Die Hauptstadt der Autonomen Region Kurdistan im Irak war weit genug weg von der Front und es gab einen - wenn auch kleinen - christlichen Stadtteil, in dem sich die zwei sicher wähnten. "Doch es waren einfach zu viele Flüchtlinge dort", erklärt Fasih. "Wir schliefen in einer Kirche mit hunderten anderen."  Schnell verbreitete sich das Gerücht, dass es in Mossul wieder sicher sei.

Erneute Flucht

Nach einigen Tagen wagten sie es darum, in ihr Haus zurückzukehren. "Es war bis aufs Letzte geplündert", sagt Fasih. Der IS wurde zu diesem Zeitpunkt immer präsenter in der Stadt und weitete seinen Einfluss auf mehr und mehr Lebensbereiche aus. Die ersten Drohungen ließen nicht lange auf sich warten. Es gab nun nichts mehr, was das Ehepaar in seinem Heimatland hielt. "Wir verkauften all unseren Schmuck, den wir gerettet hatten, um einen Flug in den Libanon zu buchen", sagt die 45-jährige Youssef. Heute sitzt das Ehepaar vor dem Sozialzentrum des Caritas-international-Partners Amel im Südlibanon und pflanzt winzige Setzlinge in eine große Plastikschale voller Erde. Sie lächeln.

Ehepaar Fasih bei der GartenarbeitDas Ehepaar Layth Fasih und Hanaa Youssef geht in der Gartenarbeit auf. Auch in ihrer Behelfsunterkunft haben sie sich einige Pflanzen hochgezogen.Foto: Holger Vieth / Caritas international

"Es ist eine willkommene Abwechslung zu unserem Alltag", sagt Youssef. "Die Zeit vergeht sonst so langsam. In dem kleinen Dorf , in dem wir hier im Libanon nun leben, wird es mit der Zeit deprimierend." In Amel-Sozialzentrum im der Stadt Khiam bekommen vor allem ältere  Flüchtlinge aus dem Irak, Syrien, aber auch sozial benachteiligte Libanesen eine medizinische Grundversorgung, die sie sich sonst nicht leisten könnten. Um besser mit ihren traumatischen Erfahrungen umgehen zu lernen, können sie hier außerdem eine Psychotherapeutin aufsuchen. Nebenbei bilden sie sich in verschiedenen Kursen weiter, erlernen etwa das Anlegen von Kleingärten oder das Kochen internationaler Gerichte. Heute ist Lasagne-Tag.

"Es ist einer der wenigen Lichtblicke"

Gerade das Know-how, das der Agraringenieur Ali Abi Nasif den Besuchern des Zentrums vermittelt, sei Gold für sie wert, sagt das Ehepaar. "Wir haben mit einem Starterpaket jetzt auch in unserer Unterkunft einen kleinen Garten angelegt", erklärt Fasih. "Die meisten Pflanzen gedeihen schon gut, auch dank der  professionellen Tipps. Wir hoffen, dass uns der Garten bald ein bisschen zusätzliches Gemüse einbringt, da wir finanziell absolut am Limit leben. Es ist einer der wenigen Lichtblicke." Denn es sehe nicht so aus, als würde sich ihre Situation in absehbarer Zeit ändern, ergänzt Fasih und seufzt.

Denn jemals nach Mossul zurück zu gehen, ist für das Ehepaar unvostellbar. Selbst jetzt, nach der Rückeroberung. "Es gibt immer noch viele Unterstützer des IS und viele Schläferzellen in der Stadt", sagt Fasih. "Auch die Leute, die dort sind, warnen uns und sagen: 'Bleibt, wo ihr seid!'"


Oktober 2017