Klimawandel

Dossier

Klimawandel als humanitäre Herausforderung

Interview

Klimawandel

"Wir müssen vorsorgen und die Widerstandskräfte stärken"

PortraitJulianne Hickey, Direktorin der Caritas Aotearoa in Neuseeland, mit der Studie Turning the TideMartina Backes

Wir sprachen mit Julianne Hickey, Direktorin der Caritas Aotearoa aus Neuseeland, auf der Weltklimakonferenz in Bonn über die Folgen des Klimawandels in Ozeanien und die Bedeutung der Klimapolitik für Bevölkerung der Inselstaaten im Pazifik.

Wie sind die Menschen in Ozeanien vom Klimawandel betroffen?

Die Stürme werden häufiger, der Meeresspiegel steigt, Böden versalzen und das Süßwasser wird knapp. Eine Studie, die wir gemeinsam mit unseren Partnerorganisationen durchgeführt haben zeigt: Jede Gemeinde und jede Gesellschaft in Ozeanien hat ihre eigenen Erfahrungen mit dem Klimawandel bereits gemacht. Viele Menschen auf den Salomonen, in Papua Neuguinea und Tonga mussten ihre Heimat bereits verlassen, weil es kein Trinkwasser mehr gibt, weil anhaltende Dürren Ernten vernichten, weil Wohnhäuser buchstäblich ins Meer gerissen werden. In 30 bis 40 Jahren könnten weite Teile der 2.500 bewohnten Inseln unbewohnbar werden.

Welche Themen sind auf Weltklimakonferenz in Bonn aus der Sicht der vom Klimawandel betroffenen Menschen in Ozeanien besonders dringlich?

Sehr wichtige Belange wurden auf der Plattform der Indigenen Völker diskutiert. Es geht insbesondere darum, dass die Lebensweisen lokaler Gemeinden und vor allem auch ihre indigenen Wissenssysteme  anerkannt werden. Im kommenden Jahr soll in Polen das Regelwerk verabschiedet werden, das festlegt, wie das Ziel des Pariser Weltklimaabkommens zu erreichen ist. In diesem Rahmen  muss aktive Beteiligung der Indigenen und lokalen Gemeinden gewährleistet werden.

Der zweite, wichtige Bereich der Verhandlungen ist aus unserer Sicht, dass es klare Bekenntnisse und Handlungsvorschläge dazu geben muss, wie das Ziel, die Erderwärmung zu begrenzen und Menschen besser auf den Klimawandel vorzubereiten, konkret umgesetzt werden kann und soll. Für Ozeanien ist der Klimawandel nicht irgendein Zukunftsszenario, es passiert jetzt, die Menschen sind jetzt davon betroffen.

Unter der Präsidentschaft Fidschis wurde ein neues Verhandlungskonzept eingeführt, der Talanoa Dialog. Damit sollen der Verhandlungserfolg und der Austausch mit zivilgesellschaftlichen Akteuren vorangebracht werden. Hat das aus Ihrer Sicht funktioniert?

Das Dialogkonzept Talanoa ist in Ozeanien weit verbreitet. Im Wesentlichen geht es darum, dass wir gemeinsam auf einer Matte sitzen und in Augenhöhe unserer Erfahrungen untereinander austauschen, dass wir aktiv zuhören und dadurch voneinander lernen - zum Wohle aller. Wir in Ozeanien wissen, wie wichtig dieser integrative transparente Dialogprozess ist, wenn es darum geht, mit dem Klimawandel und den klimabedingten Katastrophen als Gemeinschaft fertig werden zu müssen. Es geht um Vorsorge und machbare Wege, wie wir unsere Widerstandskräfte stärken. Zudem müssen wir uns bei einer akuten Katastrophe einig darüber werden, wie wir auch die Verwundbarsten der Gemeinschaft dabei unterstützen können, mit den Schäden fertig zu werden.

Mit diesem Geist von Talanoa können wir auch auf der Weltklimakonferenz das rein formale Verhandeln überwinden und uns an unsere Menschlichkeit erinnern. Ich hoffe sehr, dass die Präsidentschaft der kommenden Weltklimakonferenz in Polen diesen Geist aufgreift und den Talanoa Dialogprozess fortführt. Möglichst gut auf den längst folgenreichen Klimawandel vorbereitet zu sein, fängt genau dort an: mit dieser Form des transparenten Dialogs. Viele Gemeinden in Ozeanien sind mit ihrer gemeinschaftlichen Vorsorge schon weit gekommen, sie begegnen aktiv den Herausforderungen und geben ihre Fähigkeiten weiter. Alle können davon lernen.

Was erwarten Sie von der Weltklimakonferenz hier in Bonn und von den Mitgliedsstaaten?

Wir wollen, dass die Mitgliedstaaten konkrete Verpflichtungen kundtun, wie sie gedenken, die Folgen und vor allem auch die Ursachen des Klimawandels anzugehen.

Ein weiterer wichtiger Bereich ist die Klimafinanzierung. Es wird über viele Millionen Euro gesprochen, wenn es um Klimaschutz, Klimaanpassung und Erneuerbare Energien geht. Unsere Partnerorganisationen beklagen, dass die Finanzierung des Klimaschutzes und zur Katastrophenvorsorge oder für die Anpassung an die Folgen wie Dürren und Wassermangel nicht die Menschen erreicht, die sie am dringendsten brauchen und die am meisten betroffen sind. Wichtig ist daher auch, Verluste und Schäden anzuerkennen und zu kompensieren, nicht nur auf nationaler Ebene. Gemeinden in Ozeanien, die schon jetzt ihre Heimat verlassen müssen, verlieren nicht nur ihr Land. Auch ihre sozialen Netzwerke damit ihre Daseinsvorsorge werden geschwächt oder ganz aufgelöst. Sie brauchen Unterstützung, um sich am Ort der Ankunft eine neue Existenz aufbauen zu können. Die Caritas setzt sich dafür ein, dass bei der Umsetzung des Pariser Weltklimaabkommens auch die Verluste und Schäden entsprechend berücksichtigt werden.

Die Fragen stellte Martina Backes

13. November 2017