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Stand: 16.06.2017

Stellungnahme

Jahrespressekonferenz 2018 Rede Dr. Oliver Müller

                                                           Es gilt das gesprochene Wort

Sehr geehrte Damen und Herren,

Herr Neher hat eben auf die Finanzierungslücke für die humanitäre Hilfe in und um Syrien bereits hingewiesen. Leider ist Syrien, wie ein Blick auf die Krisen dieser Welt zeigt, kein Einzelfall. Schauen wir konkret auf einige der größten humanitären Krisen und die aktuellen Zahlen im Detail, bietet sich das gleiche besorgniserregende Bild:

  • Für die Nothilfe im Kongo hat im April die erste Geberkonferenz, die jemals für dieses krisen- und kriegsgeschüttelte Land abgehalten wurde, statt der benötigten 1,4 Milliarden € nur 430 Millionen € erbracht. Also weniger als ein Drittel.
  • Für die Nothilfe in der Zentralafrikanische Republik, dem Land, das sowohl auf dem Entwicklungsindex wie auch dem Hungerindex weltweit den letzten Platz belegt, stehen bis jetzt, zur Mitte des Jahres, nur 21 Prozent der benötigten Mittel bereit.
  • Für die geflüchteten Rohingya in Bangladesch sieht es kaum besser aus: Ende Juni war der Hilfsappell in Höhe von 951 Millionen US-Dollar nur zu 22 Prozent finanziert. Ich komme gleich noch ausführlicher auf diese Tragödie zu sprechen.

Schon im vergangenen Jahr waren die Zahlen ähnlich: 2017 lag der Bedarf an humanitärer Hilfe bei 21 Mrd. Euro. Gedeckt waren die Hilfsappelle am Ende des Jahres jedoch nur zu 52%. Die Lücke zwischen Hilfe-Bedarf und deren Finanzierung klafft also immer weiter auseinander. Und das nicht als einmalige Ausnahme, sondern als Dauerzustand. Die Auswirkungen hat Herr Neher anhand des syrischen Beispiels eben aufgezeigt: Um Hilfe zu erhalten, reicht es nicht mehr, "nur" auf der Flucht zu sein. Hilfe kann nur den Allerbedürftigsten unter den Bedürftigen gewährt werden, also beispielsweise Kinder, Alten oder Kranken.

Verantwortlich dafür sind unserer Beobachtung nach ganz wesentlich zwei weltweite Entwicklungen: Auf der einen Seite die insgesamt hohe Zahl der mit Gewalt ausgetragenen Konflikte. Konstant verharrt die Zahl dieser Konflikte bei deutlich über 200, zuletzt waren es laut Heidelberger Konfliktbarometer 226. Wichtiger aber noch: Bei dieser insgesamt hohen Zahl an Konflikten haben wir es über die Jahre hinweg mit einer deutlichen Zunahme der Zahl der Kriege und Krisen zu tun, die fünf und mehr Jahre andauern. Ein großer Teil der Zivilbevölkerung ist deshalb fortwährend auf Hilfe von außen angewiesen. Somalia und Syrien sind für solch ungelöste Konflikte, in denen Jahr für Jahr Menschen unter schwierigsten Bedingungen das Überleben gesichert werden muss, zwei traurige Beispiele.

Auf der anderen Seite, dies die zweite Grundtendenz, ist die Zahl der Naturkatastrophen in den vergangenen zwanzig Jahren stark angestiegen: Seit den 90er Jahren hat sich die Zahl auf heute durchschnittlich 350 Naturkatastrophen pro Jahr verdoppelt. Grund dafür ist vor allem die stark gestiegene Zahl extremer Wetterereignisse wie Wirbelstürme und Dürren. Die Zahl geophysikalischer Katastrophen wie Erdbeben oder Vulkanausbrüche ist hingegen weitgehend konstant.

In der Gesamtschau führen diese beiden Entwicklungen dazu, dass noch nie so viele Menschen weltweit auf humanitäre Hilfe angewiesen waren wie derzeit. 129 Millionen Menschen mussten 2017 versorgt werden, in diesem Jahr sagen die Prognosen sogar einen Anstieg auf 135 Millionen Menschen voraus. Das sind doppelt so viele Hilfsbedürftige wie noch zehn Jahre zuvor. Ein trauriges Rekordhoch.

Als Hilfsorganisation machen wir die Erfahrung, dass wir immer mehr Menschen mit unserer Hilfe erreichen. Herr Neher hat Ihnen eben die Zahlen für unser Hilfswerk genannt. Diese Aussage gilt aber auch für die Humanitäre Hilfe insgesamt: Noch nie haben die Hilfsorganisationen so viele Menschen unterstützen können wie in dieser Zeit. Andererseits machen wir die Erfahrung, dass wir als gemeinnützige Organisationen die Versorgungslücke, die durch unzureichende staatliche Finanzierungen gerissen wird, nie vollständig werden schließen können.

Konkret erleben wir das derzeit beispielsweise in Bangladesch, wo ich mir bereits im vergangenen Jahr ein Bild von der Lage in den Flüchtlingslagern im Süden des Landes machen konnte. Wer mit eigenen Augen die katastrophalen Zustände in den Lagern gesehen hat und die grausamen Berichte der völlig entkräfteten Flüchtlinge gehört hat, für den ist nur schwer zu ertragen, dass nur der kleinere Teil der Menschen dort die Hilfe erhält, die ihm als absolutes Minimum laut humanitärer Standards zusteht. Ähnlich wie in Syrien können auch in Bangladesch angesichts der eklatanten Unterfinanzierung längst nicht mehr alle Flüchtlinge so versorgt werden, wie es den humanitären Standards angemessen wäre.

Und diese Situation wird sich, diese Prognose darf man wagen, eher verschlechtern: Am 25. August jährt sich der Exodus der Rohingya aus Myanmar. Zu diesem Datum wird sich die Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit vermutlich noch einmal auf das Schicksal der Menschen dort richten. Und vielleicht auch noch einmal eine größere Spendenbereitschaft auslösen. Wir versuchen gerade mit der aktuell laufenden ökumenischen Sommerkation, die wir mit der Diakonie Katastrophenhilfe gemeinsam durchführen, unseren Teil dazu beizutragen. Je mehr Zeit jedoch ins Land zieht, diese Erfahrung machen wir bei allen humanitären Krisen, desto schwieriger wird es sein, Spenden oder öffentliche Finanzierungen für die Not leidenden Menschen zu erhalten.

Diese Hilfe ist jedoch dringender denn je, wie schon ein Blick auf die aktuellen Zahlen zeigt. Eine Million Rohingya hausen im Süden von Bangladesch mit nicht viel mehr als dem, was sie auf der Flucht am Körper tragen konnten. Das Lager Kutupalong, wo ein Großteil der Flüchtlinge notdürftig untergekommen ist, ist mit 700.000 dort lebenden Menschen seit Beginn der Krise im August 2017 innerhalb kürzester Zeit zum größten Flüchtlingslager der Welt angewachsen.

Die Schicksale dieser Menschen sind, wie ich selbst erfahren habe,  erschütternd: Väter haben mir von Überfällen und niedergebrannten Hütten berichtet. Ich habe mit schwer traumatisierten Müttern gesprochen, die auf der Flucht ihre Kinder verloren hatten. Eine andere Familie kam mit einem 14 Tage alten Baby an, das eine schwere Verletzung am Kopf davon getragen hatte und nach der Flucht vollkommen dehydriert wirkte. Das sind Bilder und Erfahrungen, die niemanden kalt lassen können.

Und diese Menschen hausen nun großenteils in allereinfachsten Hütten, die in vielen Fällen an extrem gefährdeten Hanglagen stehen. Exkremente müssen in Eimern quer durchs Lager geschleppt werden, weil Latrinen in ausreichender Zahl fehlen. Dort, wo es Latrinen gibt, stehen diese vielerorts direkt neben den Zelten und behelfsmäßigen Unterkünften - vollkommen unhaltbare Zustände. Man mag sich nicht vorstellen, was bei den zu erwartenden Überschwemmungen in der jetzt beginnenden Regenzeit passieren kann.

Das was ich eben sagte - Es wird immer geholfen, aber immer mehr Menschen bleiben ohne Hilfe - das gilt auch und besonders für die Rohingya in Bangladesch. Es ist bewundernswert, was unser Partner vor Ort, die Caritas Bangladesch dort leistet: Unter Hochdruck arbeitet die gesamte Organisation in Kooperation mit UN-Organisationen an der Evakuierung besonders gefährdeter Bezirke des Flüchtlingslagers und wappnet die Notunterkünfte so gut wie möglich gegen Regen und Wirbelstürme. 4.000 Übergangsunterkünfte für rund 20.000 Menschen wurden bislang gebaut, weitere sind geplant. Ohne zu übertreiben lässt sich sagen, dass die Caritas Bangladesch auch in dieser akuten Katastrophe wieder einmal unter Beweis stellt, dass sie mit ihren 8000 Mitarbeitern eine der schlagkräftigten Hilfsorganisationen des Landes ist. Und das als sozialer Arm einer Minderheitenkirche mit nur 270.000 Katholiken unter 130 Millionen Muslimen.

Aber eine Million Menschen zu versorgen, ist für die Caritas Bangladesch und auch alle anderen Hilfsorganisationen eine kaum zu meisternde Herausforderung. Allein in Kutupalong, das mit 700.000 Vertriebenen mittlerweile größte Flüchtlingslager der Welt, müssen tagtäglich so viele Menschen versorgt werden wie in Frankfurt am Main leben. Gleichzeitig muss eine funktionierende Infrastruktur aus dem Boden gestampft werden. Und das unter allergrößtem Zeitdruck, weil der Monsun bereits eingesetzt hat und jederzeit mit aller Wucht über die an den Hängen stehenden Hütten hereinbrechen kann. Wie dieser Wettlauf gegen die Zeit ausgeht, ist vollkommen unklar. "Eine Katastrophe in der Katastrophe" ist zu befürchten.

Es müsste, das ist klar, eine politische Lösung her. Aber die ist nicht in Sicht. Auch das ist wieder eine Parallele zu vielen anderen humanitären Katastrophen unserer Zeit. Die Rohingya selbst sind Spielball der staatlichen Interessen geworden. Sie haben Schlimmstes durchlitten und wollen verständlicherweise nicht in das Land ihrer Peiniger zurück. Daran wird meines Erachtens auch das Anfang Juni zwischen Myanmar, Bangladesch und der UN vereinbarte "Rahmenwerk der Zusammenarbeit", das "eine freiwillige, sichere, würdige und nachhaltige" Rückkehr der Rohingya ermöglichen soll, kaum etwas ändern.

Aber auch in Bangladesch haben die Menschen nach Bekunden der dortigen Regierung keine Zukunft. Die Flüchtlinge unterliegen strikten Auflagen, dürfen sich nicht frei bewegen und nicht arbeiten. Wenn  ich an die vielen jungen Menschen denke, die dort ohne Perspektive ausharren müssen, dann ist das ein idealer Nährboden für Extremismus jedweder Art. Es gibt mittlerweile genug Hinweise darauf, dass Islamisten ihren Einfluss in den Lagern bereits geltend machen.

Die Rohingya - sie sind hier wie dort ohne Perspektive. Eine ähnlich verzweifelte Lage hat es für Menschen auf der Flucht in diesem Jahrhundert nicht gegeben.

 Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit!

Dr. Oliver Müller
Leiter Caritas international