zurück

Asien

Teilhabe bei Behinderung

Afghanistan: Perspektiven für Kinder mit Behinderung

Afghanistan: Prothesen wirken Wunder

Für Viktor Thiessen ist es ein gutes Zeichen, dass neben Kriegsversehrten auch immer mehr Kinder aus abgelegenen Bergdörfern unter den rund 1.700 Patientinnen und Patienten eines Jahres sind. Seit der deutsche Orthopädietechnik-Meister im Jahr 2004 das Zentrum aufgebaut hat, investierten er und sein Team viel in die Aufklärung der Bevölkerung, der Ärzte, Imame und Dorfältesten. Mittlerweile hat sich herumgesprochen, dass Naturheiler und Knochenbrecher in vielen Fällen nicht weiterhelfen können.

Außerdem sprechen die Erfolge der orthopädischen Versorgung bei Klumpfüßen, Fehlstellungen der Hüfte, falsch versorgten Wunden nach Verbrennungen, fehlenden Gliedmaßen oder Lähmungen durch eine Polioerkrankung für sich. Maßgefertigte orthopädische Hilfsmittel und ergänzende Physiotherapie ersparen den betroffenen Kindern nicht nur große Operationen, sie ermöglichen ihnen auch ein selbstbestimmtes Leben. 

Auf einmal können die Kinder ihre Talente entfalten

Bestes Beispiel für das wachsende Selbstwertgefühl sind die jungen Männer des Rollstuhl-Basketball-Teams, das auf Initiative von Mitarbeitern entstand. Sie trainieren in Eigenregie im Innenhof des Orthopädischen Zentrums, nehmen an Turnieren teil und haben bereits vier Spieler in die afghanische Nationalmannschaft gebracht. Darüber hinaus lernen viele Patient(inn)en einen Beruf und können sich selbst versorgen. Thiessen berichtet von einem Mädchen, das mit einer Kinderlähmung aufwuchs: „Sie konnte sich nur gekrümmt vorwärts bewegen und musste ihr gelähmtes Bein hinter sich herziehen. Wir haben ihr einen Stützapparat gebaut, so dass sie ihr Bein belasten kann, ohne dass es einknickt. Dadurch kann sie normal stehen und gehen, ohne hinzufallen. Jetzt ist sie eine Mitarbeiterin unserer Werkstatt und baut Prothesen und Orthesen für Patienten, die eine ähnliche Behinderung haben wie sie selbst.“

Die Geschichte von...

Mit der Prothese geht Shugufa aufrecht durchs Leben

Afghanistan: Mädchen mit ProtheseDank ihrer Prothese kann Shugufa wieder aufrecht gehen.Caritas international / Thiessen

Shugufa heißt übersetzt „Blüte“. Bei der Zehnjährigen, die mit ihrem Vater ins Orthopädische Zentrum nach Maimana kam, sah es nicht so aus, als ob sie die damit verknüpften Hoffnungen ihrer Eltern erfüllen könnte. Als kleines Kind verbrannte sie sich das linke Bein. Leider kein Einzelfall, da sich in afghanischen Familien alles auf dem Fußboden abspielt. Da wird gekocht, gegessen, getrunken, debattiert und gespielt. Für kleine Kinder ist das toll. Sie sind mittendrin – jedoch auch oft zu nahe am heißen Fett der Kochstelle oder an den glühenden Heizkohlen.

Shugufas Verbrennungen wurden nicht richtig versorgt. Die Wunde zog sich zusammen. Unterschenkel und Fuß blieben nach hinten gebeugt und verwuchsen mit dem Oberschenkel. Das Mädchen konnte sich nur mühsam mit ihren Gehhilfen fortbewegen und verlor den Anschluss an die Gleichaltrigen.

Das Selbstbewusstsein kehrt zurück

Im Orthopädischen Zentrum entschieden sich die Mitarbeiter nach sorgfältiger Betrachtung gegen komplizierte Operationen. Die wären für die Familie unbezahlbar und für Shugufa mit viel Schmerzen und Nachbehandlungen verbunden gewesen. Stattdessen bauten sie dem Mädchen eine Unterschenkelprothese. Dadurch kann Shugufa wieder ohne Stütze aufrecht gehen und dabei Arme und Hände frei bewegen. Mit etwas Training hat sie gelernt, sich sicher und unauffällig zu bewegen. Wer Shugufa nicht kennt, wird ihre Behinderung nicht bemerken, da die Prothese unter der im ländlichen Raum typischen lockeren Baumwollhose nicht zu sehen ist.

Die Prothese hat Shugufa nicht nur den aufrechten Gang zurückgegeben, sie hat auch dafür gesorgt, dass sie selbstbewusster wird. Das Mädchen kann endlich leben, was ihr Namen verheißt: Sie blüht auf. Vergessen ist ihr Stigma, behindert und damit wertlos zu sein.

So können Sie jungen Menschen wie Shugufa helfen:

Für Unterschenkel-Orthese spenden

Für Unterschenkel-Prothese spenden

Freien Betrag spenden

Manija wird ohne Probleme laufen lernen

Die Diagnose bei Manija ist schnell gestellt, als die Orthopädietechniker sie das erste Mal sehen. Das drei Monate alte Baby hat Klumpfüße. Die Wadenmuskeln sind unterentwickelt, die Fußsohlen stark nach innen gedreht. Die Eltern sind froh, als ihnen die Techniker mitteilen, dass sie die angeborene Fehlstellung von Manijas Füßen behandeln können.

Vor zwei Tagen haben sie sich in ihrem abgelegenen Bergdorf zu Fuß auf den Weg gemacht, sind mit Eseln und in überladenen Taxis unterwegs gewesen, bis sie im Orthopädiezentrum der Caritas in der Provinzhauptstadt Maimana angekommen sind. Doch die Anstrengungen der Eltern sind eine Investition in die Zukunft ihrer Tochter. Ohne eine Behandlung würde Manija nie richtig laufen können, sondern nur mühsam humpeln und sich dadurch Folgeschäden zuziehen.

Baby mit Fehlstellung der FüßeOhne die Korrektur der Fehlstellung ihrer Füße würde Manija nie richtig gehen können.Thiessen / Caritas international

Dank der Orthopädietechnik und einer ergänzenden Physiotherapie sind die Erfolgschancen groß. Allerdings ist die Behandlung langwierig: Manija braucht fünf Korrekturgipse, die sie jeweils fünf bis sieben Tage tragen muss. Damit das Ganze nicht an den Reisekosten scheitert, wird die Familie aus einem projektinternen Fonds für mittellose Patienten unterstützt. Außerdem erinnern die Mitarbeiter des Zentrums die Eltern telefonisch, dass sie mit dem Baby zum Anlegen des zweiten Korrekturgipses kommen. Das klappt, doch zum vierten Termin erscheinen sie auch nach mehrmaliger Aufforderung nicht. Der Rezeptionist des Orthopädiezentrums wendet sich daraufhin an den Dorfältesten. Mit seiner Autorität bewegt er die Eltern dazu, die lebensverändernde Behandlung ihrer Tochter vollständig vornehmen zu lassen.

Nach dem fünften Behandlungstermin bekommt Manija eine kleine Operation im Provinzkrankenhaus und danach eine stützende Orthese. Da diese alle paar Monate an Manijas Wachstum angepasst werden muss, klingelt auch in dieser Phase das Handy der Eltern. Die Mitarbeiter des Zentrums klären sie darüber auf, wie wichtig es ist, dass sie regelmäßig vorbeikommen. Nach heutigem Stand wird Manija nach Abschluss der Behandlung ohne Probleme laufen lernen und sich entfalten können.

Für Viktor Thiessen vom Orthopädiezentrum ist das neu eingeführte Erinnerungssystem ein Erfolg: „Es zahlt sich aus, dass wir die Eltern einbeziehen und die Kontrolluntersuchungen einfordern. Die Erfolge sprechen sich herum. Mittlerweile haben weitere besorgte Eltern aus Manijas Dorf ihre Babys zu uns gebracht.“

So können Sie Kindern wie Manija helfen:

Für Gipskorrektur bei Klumpfüßen spenden

 Freien Betrag spenden

Vom Patienten zum ausgebildeten Orthopädietechniker

Shah Murat hat nur noch ein Bein. Als Kind mussten ihm die Ärzte den linken Unterschenkel amputieren. Von da an war er mit Krücken unterwegs, bis er als Teenager in die Orthopädische Werkstatt nach Maimana kam. Dort versorgten ihn die Techniker mit einer Prothese und begeisterten ihn für den Rollstuhl-Basketball. Shah stieg ins Training ein, spielte bei Turnieren mit und gewann nach und nach neuen Lebensmut. Er machte den Schulabschluss und qualifizierte sich bei einer Aufnahmeprüfung für einen staatlich anerkannten Ausbildungskurs zum Orthopädietechniker.

Im Sommer 2019 beendet Shah seine dreijährige Ausbildung und kehrt zurück in seine Heimatstadt Maimana. Damit wird er der erste in der Provinz Faryab sein, der einen offiziell anerkannten Abschluss in diesem Beruf hat. Viktor Thiessen, der das Orthopädiezentrum in Maimana aufgebaut hat, will Shah einen Arbeitsplatz anbieten. „Damit schließt sich ein Kreis. Shah wird Menschen versorgen können, die ein ähnliches Schicksal haben wie er und kann zum Vorbild für sie werden."

Helfen Sie mit und unterstützen Sie die Arbeit von Shah Murat im Orthopädischen Zentrum von Maimana:

Ein Monatsgehalt für neuen Mitarbeiter spenden

Werkbank für neuen Mitarbeiter finanzieren

 Freien Betrag spenden

Seit 2018 wird das Orthopädische Zentrum über Spenden von Caritas international finanziert. Die Patient(inn)en werden dort kostenlos behandelt, denn es gibt keine staatliche Unterstützung für Menschen mit Behinderung. Aktuell arbeiten in der Werkstatt fünf Orthopädietechniker, zwei technische Zuarbeiter, eine Auszubildende und zwei Physiotherapeuten. Hinzu kommen Wächter, Rezeptionisten sowie eine Verwaltungskraft. Ein Lehrer betreut eine kleine Klasse mit Kindern, die aufgrund einer frühkindlichen Hirnschädigung schwere körperliche Beeinträchtigungen haben, lernbehindert sind und keinen Platz auf den staatlichen Schulen bekommen. 2019 wird das Werkstatt-Team durch einen Orthopädietechnik-Mechaniker erweitert, der im Sommer seine dreijährige Ausbildung abschließt.

Zur Situation

Der Anteil an Menschen mit Behinderung ist in Afghanistan aufgrund der seit 1978 anhaltenden Kriege und gewaltsamen Konflikte außerordentlich hoch. Aktuelle Schätzungen gehen von 1,5 Millionen Menschen aus. Viele Behinderungen werden durch Minen und andere Waffen verursacht. Kinder sind vor allem von Erbkrankheiten, verursacht durch Ehen unter Blutsverwandten, betroffen. Die medizinische Versorgung und psychologische Betreuung sind schlecht. Angebote für Menschen mit besonderen Bedarfen wie Prothesen oder Physiotherapie sind kaum vorhanden, zudem werden vor allem betroffene Kinder sozial ausgegrenzt.

 

Dezember 2018