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Europa

Gesundheit, Pflege, Sucht

Georgien: Notstand in der Pflege

Alter Mann vor seinem HausFast nur noch die Alten sind in den Dörfern übriggebliebenZviad Rostiashvili / Caritas international

Georgien hat weltweit den stärksten Bevölkerungsrückgang zu verzeichnen. Bis zur Jahrtausendwende lebten hier etwa fünf Millionen Menschen, heute zählt Georgien nur noch 3,4 Millionen. Rund 1,5 Millionen von ihnen siedeln in der Hauptstadt Tiflis. Neben der geringen Geburtenraten und dem Fortzug russischer Bevölkerungsteile ist dafür vor allem die Wirtschaftsmigration verantwortlich. Junge, gut ausgebildete Menschen verlassen das Land auf der Suche nach Arbeit.So hat sich Georgien bis heute nicht von der wirtschaftlichen Krise nach der Abspaltung von der russischen Föderation erholt. Im Jahr 2014 lebten 70 Prozent der Georgier von weniger als fünf Dollar pro Tag. Ein Viertel der Bevölkerung lebt unterhalb der Armutsgrenze.

Wohlstand für Wenige - Notstand in der Pflege

Zurück bleiben vor allem die sozial ohnehin benachteiligten Gruppen, für deren Versorgung immer weniger Erwerbsfähige bereitstehen. Ältere Menschen sind die doppelten Verlierer des Reformkurses, da die staatlichen Renten nur wenig erhöht wurden und bei weitem nicht ausreichen, um die Grundbedürfnisse zu decken. Besonders allein lebende und pflegebedürftige Rentner sind betroffen.

Das Gesundheitswesen wurde in den vergangenen zwei Jahrzehnten permanenten Reformen unterzogen - mit verheerenden Folgen für die verarmte Bevölkerung. Das Regierungskonzept sah die vollständige Privatisierung des Sektors vor. Eine der Folge davon ist der Rückgang von Krankenhausbetten um die Hälfte - die zahlungskräftigen Patienten vorbehalten sind. Für das Gros ist die medizinische Versorgung völlig unzureichend. Arzneimittel oder ärztliche Hilfen sind kaum erschwinglich. Immerhin ist ein Plus zu verzeichnen: die neu eingeführte staatliche Krankenversicherung übernimmt einen Teil der Kosten für besonders Bedürftige. Wer aber dauerhaft auf Pflege angewiesen ist, dem bleibt auch diese minimale Hilfe verwehrt - denn von der staatlichen Einheitsrente von 150 Georgischen Lari (zirka 60 Euro) lässt sich kaum das Leben bestreiten und eine Pflegeversicherung oder Zuschüsse gibt es nicht. Und es existiert nur eine kleine Anzahl von privaten Hauskrankenpflegediensten, deren Leistungen für ärmere Menschen unerschwinglich sind.

In jüngster Zeit leitete die Regierung einige Neuerungen in der Sozialgesetzgebung ein und legte - nicht zuletzt dank der erfolgreichen Lobbyarbeit der Caritas Georgien - dringend überfällige Förderprogramme für die Jugendhilfe auf.

Der Pflegenotstand fängt mit der Ausbildung an

Besonders ältere, pflegedürftige und allein lebende Menschen leiden unter dieser Situation. Die medizinische Versorgung und Pflege im Bedarfsfall ist völlig unzureichend, zudem sind Behandlungen und Krankenhausaufenthalte kostenpflichtig. Doch es fehlt nicht nur an Geld: Auch in der Ausbildung macht sich ein Mangel an Qualifizierung bemerkbar. So gilt die Pflege als Teil der Ausbildung zur Krankenpflege. Eigene Pflegeausbildungsberufe oder Studiengänge in Geriatrie (Altenmedizin / Altersheilkunde), Gesundes Altern und Gerontologie oder für die Fachpflege von Menschen mit Behinderung gab es bislang nicht.

Dezember 2016