Im Porträt

Caritas Syrien /Aleppo

Joseph Yehia

Portrait

Der 26-jährige Joseph Yehia wurde in einer Stadt geboren, "die vor fünf Jahren noch mit Gesang und Freude erfüllt war", wie er sagt: Die Stadt ist Aleppo. "Damals wussten die Leute noch nicht, dass ihre fröhliche Stadt eines Tages voller Trauer sein würde", sagt er. Joseph begleitet ein Bildungsprojekt für die Caritas Syrien und ist für die Öffentlichkeitsarbeit des Caritasbüros in Aleppo zuständig.

"Der Krieg hat mein Leben und das Leben meiner Familie verändert", sagt Joseph. Er lebt im Viertel Suleimaniyya, das seit Beginn des Krieges besonders stark von Granaten- und Mörserbeschuss getroffen wurde. Viele der Granaten schlugen in der Nähe seines Appartements ein. Am 12. April 2015 traf eine Granate das Haus hinter seinem und brachte das ganze Gebäude zum Einsturz. Von seinem Einsatz für die Caritas bringt ihn das allerdings nicht ab: "Ich bin trotzdem immer zur Arbeit gegangen und habe gebetet, dass Gott mich beschützt", sagt Joseph. Handys sind eins der wichtigsten Geräte für die Syrer, um ihre Angehörigen anzurufen, sobald sie das Geräusch von Mörserbeschuss in der Nähe hören.

"Die langen Strom- und Wasserausfälle sind anstrengend", erzählt Joseph. Mit Glück gibt es ungefähr zwei Stunden Strom am Tag. Sobald der Strom ausfällt, funktioniert auch die Wasserversorgung nicht mehr, weil die Pumpen elektrisch angetrieben werden. Dann muss Joseph entweder Wasser von Tanklastwagen kaufen oder mit einem Eimer zu einem nahe gelegenen Brunnen gehen, an dem er stundenlang anstehen muss, um etwas Wasser zu bekommen. Zum Brunnen gehen auch Kinder, die jünger sind als zehn Jahre und schon schwere Wassereimer und Flaschen tragen, "als ob sie die schwere Last des Krieges auf ihren Schultern tragen würden", erklärt Joseph.

Machtlos fühlte er sich, als die Caritas ihr medizinisches Projekt in Aleppo für sechs Monate einstellen musste. "Ich fühlte mich hoffnungslos: Leute, die für ihre Behandlung auf uns angewiesen waren, sind deshalb gestorben", beschreibt Joseph seine Verzweiflung.

"Der Abschied von Menschen tut mir inzwischen sehr weh", sagt der 26-Jährige. In den letzten zwei Jahren haben ihn viele Freunde und Verwandte verlassen. Entweder sind sie geflohen oder durch den Mörserbeschuss getötet worden.

"Trotz alldem will ich in meiner Stadt bleiben, die ich über alles liebe, weil ich hier selbst in dieser schwierigen Zeit noch Liebe, gute Laune und Optimismus finde", ist Joseph sich sicher. Fliehen will er auf keinen Fall: "Ich will in keinem Land ein Flüchtling sein."

"Ich hoffe, dass eines Tages die Friedenstaube über meinem Land fliegt und den Frieden bringt, auf den jeder Syrer hofft. Ich befürchte, dass dieser Krieg sehr lange dauern und das allerwichtigste zerstören wird. Wir können die Gebäude wieder aufbauen, die Schulen, die Krankenhäuser - aber was ist mit den Menschen, die jeden Tag von innen zerstört werden? Wer wird sie wieder aufbauen?", fragt Joseph.

Nach fünf Jahren Krieg ist das Leben in Syrien schwierig und teuer geworden. Joseph hofft, dass Caritas Syrien weiterhin bedürftige Familien unterstützt, ihnen hilft ihre Würde zu bewahren und ihnen Liebe und Hoffnung gibt.

September 2016