zurück

Afrika

Teilhabe bei Behinderung

Kenia: Kinder mit Behinderung

Ein Junge in einer SchuleJunge in der integrierten Schule in KiptangwaniMartina Backes / Caritas international

Im Klassenraum der Grundschule in Kiptangwani springt der siebenjährige Paul Nyoike vor Freude auf den Tisch. Die Weihnachtsferien sind vorbei, die Schule hat gerade wieder begonnen. Paul ist eines von 14 Kindern, die hier in eine integrierte Schule gehen: an eine Grundschule ist ein Haus für Kinder mit geistiger Behinderung angegliedert.

Bisher sind drei der 15 Kinder des so genannten Small Home eingetroffen. Für die Eltern ist es immer eine große Herausforderung, das Schulgeld pünktlich zu Schulbeginn flüssig zu haben. Daher kann es noch einige Zeit dauern, bis die Mitschüler/innen von Paul mit dem Unterricht beginnen.

Der Junge ist der Zweitgeborene, und seit knapp vier Jahren in der Kiptangwani Primary School for Mentally Challenged Children. Seine Eltern leben im 50 Kilometer enternten Nakuru von Gelegenheitsjobs und können sich kaum um ihren autistischen Sohn kümmern, der eine 24-stündige Betreuung braucht. In Kenia leben über drei Millionen Menschen mit Behinderungen. Viele haben nie die Chance, auf eine Schule zu gehen.

Armut als Ursache

Mit der stark zunehmenden  Zahl an Teenagerschwangerschaften und Risikoschwangerschaften von älteren Frauen nimmt auch die Zahl der Kinder mit Behinderungen zu. Der Kontakt zu Agrarchemikalien, unzureichende Ernährung und Stress sind Risiken, die eine Auswirkung auf das ungeborene Leben haben können, und vor denen sich viele Frauen in Kenia nicht ausreichend schützen können.

Armut und Behinderung stehen in direktem Zusammenhang zueinander, denn Behinderungen sind häufig auch Ursache für Armut. 80 Prozent  der behinderten Menschen leben in Ländern mit niedrigen Einkommen. Sie sind sozialen und wirtschaftlichen Nachteilen ausgesetzt und können oft nicht angemessen versorgt und gefördert werden. Zudem wissen die Betroffenen und deren Angehörige oft gar nicht, welche Möglichkeiten der Förderung und medizinischen Versorgung es gibt. So wird für Menschen mit Behinderung das Recht auf Bildung, auf medizinische Versorgung  und Teilhabe an der Gesellschaft oft nicht gewährleistet.

Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation sind weltweit 10 Prozent der Bevölkerung von einer körperlichen oder geistigen Behinderung betroffen. Das sind 650 Millionen Menschen,  200 Millionen davon sind Kinder.

Lasten verteilen

Insbesondere arme Familien nehmen behinderte Kinder als große Last wahr, denn sie sind mit genügend Alltagssorgen und der Suche nach Arbeit und Unterhalt völlig überlas. Kaum mehr als zwei Prozent aller Kenianer/innen sind überhaupt krankenversichert. Und die vor zwei Jahren ins Leben gerufene Zusatzversicherung für Menschen mit Behinderung für 1,80 Euro im Monat können sich viele nicht leisten oder haben keine Information darüber. Die staatlichen Schulen sind nicht darauf eingestellt, Kinder mit leichten Behinderungen oder Lernschwierigkeiten in den Schulalltag zu integrieren, und einen Platz in einer Sonderschule bekommen nur wenige, die es sich leisten können. Die Schulkapazitäten für Kinder mit Behinderungen und Lernschwächen sind bei weitem noch nicht ausreichend.

Mehrfach ausgegrenzt

In Kenia gilt ein behindertes Kind in der Familie oftmals als ein Fluch. Hinzu kommen Stigmatisierungen - Behinderungen sind für viele ein Tabu, darüber spricht man nicht, und die Behinderungen werden unsichtbar und unaussprechbar gemacht. Daher gibt es immer wieder Familien, die ihre behinderten Kinder verstecken oder weitgehend sich selber überlassen. Kinder, die in der Hütte ohne entsprechende Förderung und isoliert von der Gesellschaft und menschlichen Fürsorge und Wärme leben, sind oft nicht nur körperlich und physisch verkrüppelt, sondern auch psychisch schwer krank.

Laut einer Studie der Universität Nairobi von 2010 haben 80 Prozent aller Menschen mit Behinderung Erfahrungen gemacht, in denen Ausgrenzung und Isolation aufgrund ihrer Behinderung eine Rolle gespielt haben und ihnen Unterstützungsleistung untersagt wurden. 74 Prozent berichteten, dass ihnen das Recht verweigert wurde, Entscheidungen selber zu fällen, die ihr Leben maßgeblich beeinflusst haben. Und 86 Prozent der befragten Menschen mit Behinderung gaben an, von der Gesellschaft und ihrer eigene Familie nicht gleichwertig behandelt zu werden.

Die Diskriminierung trifft oftmals auch Kinder, die lediglich eine Lernschwäche haben und deshalb nicht zur Schule gehen: Wenn die Familie das Schulgeld kaum zusammenkratzen kann, wird eher in die Geschwister investiert, die eine gute Schullaufbahn hinlegen. So können auch Kinder mit einer Lernschwäche ihr Recht auf Bildung oft nicht realisieren. Traumatisierte Kinder, die keine psychische Behinderung sondern posttraumatische Symptome zeigen, werden gerne in ihrem autistischen Leben alleine gelassen.

Eine Chance für alle

Zusammen mit John und Joseph rollt Paul hellgrünen Knetgummi wie wild auf dem Tisch hin und her. Ein anderer Junge ordnet Bilder von Haustieren und Küchengeräten zu Großbuchstaben: G wie Gabel, B wie Bratpfanne, H wie Huhn. Die Sonderschullehrerin Caroline Karanja arbeitet seit drei Jahren mit den Kindern. Vorher hatte sie mehrere Jahre in einem Kinderheim verbracht, Kunst studiert, und hier nun den Klassenraum mit allerlei selbstgemalten und gebastelten Lehrmaterialien gefüllt. Ausgebildete Sonderschullehrerin ist sie nicht.

Ein Kind am kneten in der SchuleFörderung braucht Wissen - Förderunterricht in KiptangwaniMartina Backes / Caritas international

Dennoch weiß sie genau, wie sie die Jungen fördern kann, welche speziellen Bedürfnisse sie haben. Mit den drei anwesenden Schülern ist sie eigentlich voll beschäftigt. Unvorstellbar bleibt, wie eine Person 15 Kinder intensiv betreuen soll: Einige der 15 Kinder, die hier eingeschrieben sind, sind hyperaktiv, andere autistisch, wieder andere haben schwere geistige Behinderungen und sind daher rund um die Uhr betreuungsbedürftig.

Die UN-Behindertenrechtskonvention verlangt, dass sich eine Gesellschaft auf die Bedürfnisse der Betroffenen einstellt und nicht umgekehrt, die Betroffenen ihre Bedürfnisse an den Notwendigkeiten der Gesellschaft ausrichten. Ziel ist die Inklusion. Das bedeutet, dass Betroffene in vollem Umfang auf allen Ebenen an allen gesellschaftlichen Aktivitäten teilnehmen und dabei Autonomie und Unabhängigkeit wahren können.

In Nakuru werden Kinder und Jugendliche mit Behinderung durch die Erzdiözese Nakuru, dem lokalen Partner von Caritas international, intensiv betreut, gefördert und geschult, so dass sie adäquat für ein zukünftiges selbständiges und produktives Leben und eine Integration in die kenianische Gesellschaft vorbereitet sind. Sie erhalten Zugang zu Rehabilitierungseinrichtungen und zum Bildungssystem. 

März 2012