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Europa

Chancen für Chancenlose

Russland: Armut in Sibirien

Eine Frau mit einem Kind auf einem BettViele Kinder haben keinen privaten RückzugsraumSusanne Staets, Caritas international

Immer mehr Familien halten der Bedrohung durch Armut, Krankheit, Arbeitslosigkeit und dem Wegbrechen sozialer Netzwerke nicht stand und brechen auseinander. Leidtragende dieser Entwicklung ist vor allem die junge Generation.

Statistiken zufolge werden jährlich mehr als 100.000 Eltern identifiziert, die ihren elterlichen Aufgaben nicht nachkommen. Jedes Jahr werden zirka 120.000 Kinder als Sozialwaisen in Heimen untergebracht, mehr als 60.000 Eltern wird das Sorgerecht entzogen.

Kinderarmut beschneidet das Kinderecht auf ein würdevolles Leben

Obwohl sich im vergangenen Jahrzehnt die absolute Zahl der Kinder in Russland permanent verringert hat, ist die Zahl der obdachlosen und unbeaufsichtigten Kinder und Jugendlichen bedeutend angestiegen. In Sibirien sind über vier Prozent aller Kinder Waisen. Arbeitslosigkeit, Suchtverhalten, materielle Not und ein sozial auffälliges Verhalten der Eltern stellen ein Risiko für eine gesunde Entwicklung ihrer Kinder dar. Niedrige Einkünfte der Familien sind Ursache für Mangelernährung, schlechte medizinische Versorgung und fehlenden Zugang zum Bildungsbereich. Die Verhältnisse in den Familien sind der Grund für die bedrohliche Zunahme der Jugendkriminalität. Das Risiko, jung zu sterben, ist in Russland dreimal so hoch wie in Europa.

Ausgrenzung von Migrantenkindern

Gegenwärtig steigt die Zahl der Kinder, die Schwierigkeiten bei der sozialen Integration haben. Betroffen sind viele Kinder aus Familien mit Migrationshintergrund. Viele Familien kommen als Arbeitsmigranten nach Sibirien. Da sie oft kein Russisch sprechen, werden die Kinder nicht in städtische Schulen aufgenommen. Die Eltern können sie nicht bei der Integration unterstützen, weil sie selbst die Sprache nicht beherrschen und durch Niedriglohnjobs mit langen Arbeitszeiten kaum zu Hause sind. Oftmals können die älteren Kinder - selbst wenn sie Russisch gelernt habenn - nicht zur Schule gehen, da sie die jüngeren Geschwister betreuen müssen. Familien mit Migrationshintergrund erfahren vielfache Ausgrenzungen.

Staatliche Sozialarbeit in Russland: Fehlanzeige

Der russische Staat ist kaum in der Lage, Hilfe für diese Kinder bereitzustellen. Die staatlichen Kinderheime verfügen über eine zumeist nicht ausreichende, teilweise sogar desolate materielle und personelle Ausstattung. Sie können kaum als Antwort auf die Probleme von Kindern und Jugendlichen armer Schichten gewertet werden. Einrichtungen der offenen Kinder- und Jugendsozialarbeit existieren kaum.

Anfang der 1990er Jahre bestanden fast 80 Prozent der gezahlten staatlichen Sozialleistungen aus Beihilfen für Mütter und Familien. Zwölf Jahre später erreichen diese Beihilfen nur noch einen Anteil von rund einem Drittel. Und die Höhe der monatlichen Beihilfe für Kinder beträgt nur etwa drei Prozent des Existenzminimums eines Kindes.

Aufgrund ihrer Verhaltensauffälligkeiten und fehlender sozialer Kompetenz werden Kinder und Jugendliche aus dysfunktionalen Familien in den Schulen ausgegrenzt und diskriminiert. Da pädagogische Modelle und qualifizierte Pädagogen für eine effektive Arbeit mit emotional traumatisierten Kindern weitgehend fehlen, ist dieses Problem für Bildungs- und Sozialeinrichtungen meist unlösbar. Erschwerend kommt hinzu, dass es keine geregelte Zusammenarbeit zwischen den entsprechenden Behörden und Organisationen gibt.

Nicht selten ist die Einweisung in Jugendgefängnisse die einzige Reaktion staatlicher Stellen auf die Probleme auffälliger Jugendlicher. Nach einem Gefängnisaufenthalt ist die Chance auf eine soziale Integration umso schwerer. Unter diesen Bedingungen erscheint der Weg vieler Heranwachsender aus so genannten Risikofamilien vorgezeichnet, Gewalt und Drogen prägen ihren Alltag. In der Folge kommt es zu ernsthaften gesundheitlichen und psychologischen Beeinträchtigungen bei Kindern und Jugendlichen, die eine normale Entwicklung verhindern.

So hat zum Beispiel die Sterblichkeit unter der arbeitsfähigen Jugend erschreckende Ausmaße angenommen, sie stieg in der Altersgruppe von 20 bis 29 Jahren in den letzten Jahren um 60 Prozent an. Die Ursachen dafür liegen im Kindes- und Jugendalter.

Zwei Menschen mit PlastiktütenUnter der Armutsgrenze: Knapp ein Viertel der BevölkerungCaritas international

Zu Zeiten der Sowjetunion existierte Sozialarbeit nicht als eigenständiger Beruf, und es gab keine spezialisierten sozialen Dienstleistungsorganisationen. Seit den 1990er Jahren haben Vereine und Nichtregierungsorganisationen einen bedeutenden Aufschwung erlebt. Die geltende Gesetzgebung, die Zurückhaltung der Politik und ein schwacher Rückhalt in der Gesellschaft sind jedoch bleibende Herausforderungen. Umso wichtiger ist es, dass Wohlfahrtsorganisationen durch professionelle Arbeit und den Dialog mit staatlichen Stellen ihre Position stärken.

Dezember 2015