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Naher Osten

Krisen und Konflikte

Syrien: Humanitäre Hilfe im Konflikt

Syrien: Nothilfe im Kriegsgebiet

Kinder als Leidtragende des KriegsKinder leiden in besonderem Maß unter den Folgen des langjährigen Kriegs.Foto: Caritas Syrien

Alles begann mit dem friedlichen Protest gegen die Verhaftung von Kindern in einer Stadt im Süden des Landes im Frühling 2011. Und es entwickelte sich zu einem blutigen Bürgerkrieg mit vielen verschiedenen Gruppierungen und, mit zunehmender Dauer, auch unter immer stärkerer Beteiligung internationaler Mächte. Ein kompliziertes Geflecht aus politischen, ethnologischen, religiösen und geopolitischen Interessen, denen bislang je nach Quelle 250.000 bis 500.000 Menschen zum Opfer gefallen sind. Besonders betroffen ist, wie bei fast jedem Krieg, die Zivilbevölkerung. "Mehr als die Hälfte der syrischen Bevölkerung wurde vertrieben, etwa 13,5 Millionen Syrer sind auf humanitäre Hilfe angewiesen, unter ihnen sechs Millionen Kinder", berichtet Caritas-Mitarbeiterin Angela Gärtner, die das Land und unsere Partner vor Ort regelmäßig besucht. "Viele Menschen befinden sich zudem in Gebieten, die besetzt, belagert oder aus anderen Gründen schwer oder gar nicht zugänglich sind". Aktuell bereiten insbesondere die Situationen in Ost-Ghuta, in Afrin und in Idlib große Sorgen.

Überlebenshilfe

Die Caritas und ihre lokalen Partner vor Ort unterstützen die Menschen in Syrien weiterhin, auch in Ost-Ghuta, welches gegenwärtig so hart umkämpft ist. Über informelle Wege gelingt es uns, Hilfsgüter in die umkämpften Gebiete zu bringen und dort zu verteilen. Neben Ost-Ghuta unterstützen wir die syrische Bevölkerung aber auch in Damaskus, Aleppo, Homs, Tartous, Latakia, Idlib und im Nordosten Syriens in der Provinz al-Jaziré.

Dr. Oliver Müller, der Leiter von Caritas international, machte sich im März 2018 selbst ein Bild von der Lage vor Ort und berichtet im Video von seinen Eindrücken:

In den letzten Jahren konnte die Hilfe der Caritas in Syrien sogar noch weiter ausgeweitet werden. Und diese Hilfe wird auch dringend benötigt: Viele Menschen haben nach wie vor nicht genug zu essen für sich und ihre Familien, Wasser und Strom sind Mangelware, Preise für Dinge des täglichen Bedarfs und v.a. für Medikamente sind ins Unermessliche gestiegen. Der Schwerpunkt der Caritas-Arbeit in Syrien liegt deshalb weiterhin auf der Nothilfe: Nahrungsmittel, Hygieneartikel, Decken, Matratzen und Winterhilfen in der kalten Jahreszeit. Meistens werden diese Hilfsgüter jedoch in Form von Gutscheinen verteilt. So können die Leute selber entscheiden, was sie am dringendsten benötigen. Die Unterstützung in Form von Gutscheinen hat sich nicht nur als effektiver erwiesen, sondern kurbelt gleichzeitig auch die lokalen Märkte an. Denn in Syrien mangelt es meistens nicht am Vorhandensein der Güter, die Menschen haben jedoch schlicht nicht mehr die finanziellen Mittel um sich zu versorgen.

Hilfe für Kinder

NahrungsmittelverteilungDie Caritas verteilt Nahrungsmittel an die hungernden Menschen. Meistens findet die Hilfe jedoch in Form von Gutscheinen statt: so können die Menschen selber entscheiden, was sie am dringendsten brauchen, gleichzeitig belebt es die lokale WirtschaftFoto: Angela Gärtner / Caritas international

Viele Kinder können bereits seit Jahren nicht mehr zur Schule gehen, der Zugang zu Bildung ist beinahe um die Hälfte gesunken. In Syrien droht eine ganze Generation als Kriegsgeneration heranzuwachsen. Viele Projekte der Caritas kommen daher vor allem den Kindern zugute. So werden über 5.000 Kinder beim Schulbesuch unterstützt, beispielweise durch Nachhilfekurse um sie zum Wiedereinstieg in den normalen Schulunterricht zu befähigen oder durch die Bereitstellung von Schulmaterial. Schülerinnen und Schüler sowie deren Eltern werden zudem psychosozial betreut. Denn gerade für Kinder ist ein strukturierter Alltag wichtig um wieder Halt finden zu können. Freizeitaktivitäten wie Sport, Singen oder gemeinsames Basteln haben daher einen doppelten Nutzen: Ablenkung vom Alltag im Bürgerkriegsland sowie die psychosoziale Begleitung der Kinder. Mütter von Säuglingen und jungen Kindern können mit Hilfe von Gutscheinen Windeln und auch Milchpulver als Nahrungsmittelergänzung beziehen - denn immer mehr Kinder leiden Hunger.

Die Grenze des Erträglichen ist längst überschritten

Die Caritas und ihre Partner leisten nach wie vor Hilfe, immer orientiert an der Not und der Bedürftigkeit der Menschen. Doch die Situation in Syrien macht es auch unseren Helfern schwer. Eine Mitarbeiterin der Caritas Syrien, einer von mehreren lokalen Partnerorganisationen, schreibt uns nach einem Mörserangriff von Szenen aus einem Krankenhaus in Damaskus:

"Ich sah eine getötete Familienmutter, ihre Kinder standen um sie herum und riefen nach ihr, als wollten sie sie aufwecken ‚Mama…Mama‘.
[…]Ich sah eine ganze Familie: Der Vater liegt auf der Intensivstation, die Mutter ist schwer verwundet und der drei Jahre alte Sohn hat nicht überlebt. Alles nur, weil seine Eltern entschieden haben nach draußen an die Sonne zu gehen. Die Großmutter des Jungen schrie und weinte, stieß Beleidigungen und Verwünschungen aus. Niemand konnte ihr einen Vorwurf machen. Ein paar Minuten zuvor war sie eine Großmutter, nun ist sie keine mehr. Jetzt ist sie eine trauernde Mutter, die die Ärzte anfleht, ihr etwas über den Zustand ihres Sohnes auf der Intensivstation zu sagen.
[…]Ich sah ein 15-jähriges Mädchen, blutverschmiert. Ihr Name war Rita, jetzt ist sie ein Engel im Himmel."

Es sind solche Zeilen, die uns erahnen lassen, wie es sein muss, in Syrien zu leben. Und zu helfen. 

Caritas-Projekte in Damaskus, in der Region Qalamoun, Homs sowie in und um Tartous und Latakia werden vom Auswärtigen Amt unterstützt.

April 2018