zurück

Naher Osten

Krisen und Konflikte

Syrien: Humanitäre Hilfe im Konflikt

Mann mit Kindern auf dem ArmIn der Bekaa Ebene: syrische Flüchtlinge in NotPhilipp Spalek / Caritas international

Die größte Flüchtlingskatastrophe in der modernen Geschichte des Nahen Ostens erstreckt sich auf die Nachbarländer Syriens. Die Mehrzahl der über 4,7 Millionen Menschen, die geflohen sind, suchen im Libanon, Jordanien, Irak, der Türkei, in Ägypten und in Armenien Zuflucht. Rund 700.000 Syrer halten sich in der Europäischen Union auf. Erschreckend ist, dass schätzungsweise zwei Drittel der Flüchtlinge überzeugt sind, dass sie ihre Heimat nie mehr wiedersehen werden.

Bereits vor mehr als zwei Jahren sprach man von der größten Flüchtlingskatastrophe seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges. Alle Geflüchteten haben Schreckliches erlebt. Und doch gibt es in diesem kollektiven Leid Menschen, die besonders harte Erfahrungen gemacht haben und besonders verwundbar sind. Weniger als zwei Prozent der beim Flüchtlingshilfswerk gemeldeten syrischen Flüchtlinge sind älter als 60 Jahre. Denn die älteren Personen haben oft nicht die Kraft, vor dem Krieg zu fliehen. Rund die Hälfte sind Frauen und Kinder.

Die Lage im Land wird immer dramatischer

Allein 7,5 Millionen Syrer leben als Binnenvertriebene auf der Flucht in ihrer eigenen Heimat. Die UN geht davon aus, dass rund 4,5 Millionen Menschen im Land in für Hilfsorganisationen nur "schwer zu erreichenden" Regionen leben. Knapp 400.000 Syrer sind in belagerten Zonen praktisch von der Außenwelt abgeschnitten. Im vergangenen Jahr konnte die UN nach eigenen Angaben nur weniger als drei Prozent der Bedürftigen in diesen Gebieten mit Hilfsgütern erreichen. Selbst die Grundversorgung der Menschen ist oft nicht gesichert. Es wird davon ausgegangen, dass 70 Prozent der Bevölkerung in Syrien keinen regulären Zugang zu Wasser hat.

Syrische Flüchtlinge in Jordanien

Sie gehen nicht zur Schule. Sie sind Habenichtse. Sie sind viele und sie sind unberechenbar. Sie sind heute hier und morgen vielleicht fort. Ungefähr so werden viele syrische Kinder in Jordanien und im Libanon wahrgenommen.

Mädchen mit einer Dose mit NägelnBeim Bau provisorischer Unterkünfte helfen alle mitSam Tarling / Caritas Schweiz

Kinder, die aus Syrien vor dem Krieg geflohen sind. Man nennt sie Flüchtlingskinder. Und ja, viele von ihnen gehen nicht zur Schule, weil sie die Schule in der Heimat abbrechen mussten oder das Gebäude zerbombt war, weil die jordanischen Bildungseinrichtungen nicht darauf ausgelegt sind, in kurzer Zeit Zehntausende Kinder zusätzlich aufzunehmen. Und ja, viele Flüchtlinge sind Habenichtse, denn oft sind sie Hals über Kopf geflohen. Sie haben keine Kleidung eingepackt, keine Zeugnisse, kein Geld.

Und ja, viele Jungen und Mädchen sind verhaltensauffällig, denn sie haben Schreckliches erlebt. Schon in der syrischen Heimat und oftmals auch auf der Flucht wurde Kindern Gewalt angetan: Sie haben zusehen müssen, wie ihr Zuhause, die Schule, die Stadt zerstört wurde. Hinzu kommt oft der Verlust der Eltern oder Geschwister, aber auch direkte körperliche Gewalterfahrungen belasten die Kinderseelen schwer. Und ja, viele sind heute hier und morgen schon wieder an einem anderen Ort, ständig auf der Suche nach einer Unterkunft, einem Platz, wo sie der Gesellschaft nicht zur Last fallen.

Besondere Härten in extrem harten Zeiten

Derzeit müssen die syrischen Flüchtlinge im Libanon und in Jordanien auch noch mit dem Wintereinbruch fertigwerden. Kälterekorde hatten schon im vergangenen Winter das öffentliche Leben im Nahen Osten weitgehend lahm gelegt und das Leben Hunderttausender syrischer Flüchtlinge gefährdet.

Die Mehrheit der syrischen Flüchtlinge wird von jordanischen Familien und Gemeinden überall im Land aufgenommen und nur ein sehr kleiner Teil sucht Zuflucht in einem Flüchtlingslager. Die materielle Not ist groß und auch die jordanischen Familien sind inzwischen schwer belastet. Zwar gilt Jordanien in Anbetracht der derzeitigen politischen Umwälzungen als eines der stabilsten Länder in der Arabische Welt und zeigt sich bereit, weitere Flüchtlinge aufzunehmen - nicht nur aus Syrien, sondern auch aus dem Irak. Doch die Schulen und die soziale und medizinische Infrastruktur sind aufgrund der anhaltenden Wirtschaftskrise und steigenden Nachfrage völlig überlastet. Der Arbeitsmarkt ist dicht, doch auch wer eine prekäre Arbeit findet, kann die materiellen Bedürfnisse der überlebenden geflüchteten Familienmitglieder oft nicht bewältigen.

Viele Flüchtlingskinder arbeiten für ein paar Cent am Tag, Zehntausende sind es laut UNICEF, die in Städten oder auf Farmen in Jordanien arbeiten. Erschwerend kommt hinzu, dass die Preise für Lebensmittel und Benzin, Unterkunft und Heizmaterial extrem angestiegen sind. Es fehlt an Nahrung, Wasser, Gesundheitsversorgung und Wohnraum. Vielen Familien fehlt es schlicht an allem.

In dieser allgemeinen Notlage, in der Zehntausende Arbeit, ein Auskommen und eine Bleibe suchen, haben es Menschen mit extrem harten Gewalterfahrungen umso schwerer: Mütter und Kinder sowie junge Frauen, die Opfer sexueller Gewalt oder gar von Folter wurden, benötigen dringend psychosoziale Begleitung.

Um in der angespannten Lage überhaupt den doch immer auch sehr individuellen Geschichten des Leidens Gehör zu verschaffen, nehmen sich Ehrenamtliche und ausgebildete Sozialarbeiter der Caritas Jordanien Zeit zum Zuhören. Sehr individuell wird ihnen der Zugang zur Schule, einer Weiterbildung, einer täglichen warmen Mahlzeit oder psychologischen Betreuung angeboten.  

 

Syrische Flüchtlinge im Libanon

Im Libanon kommt inzwischen nahezu jeder Dritte aus Syrien, das sind etwa 1,1 Million syrische Flüchtlinge.  Der wirtschaftliche, politische und demographische Druck auf den Libanon wächst. Bei einer Bevölkerung von rund vier Millionen Menschen ist es eine große Herausforderung, so viele Flüchtlinge aufzunehmen.

Übertragen auf Deutschland hieße das, 18 Millionen Flüchtlinge zu beherbergen und zu versorgen. Die Grenzen der Belastbarkeit sind im Libanon überschritten: das Wasser ist knapp, die Nahrungsmittelpreise sind gestiegen.

Der syrische Krieg ist inzwischen auch in den Zedernstaat getragen worden, wie die Kämpfe in Tripoli, Sidon und der Bekaa-Ebene sowie Bombenanschläge in Beirut zeigen. Für dieses politisch und religiös hochkomplexe Land mit seiner 15-jährigen Bürgerkriegsgeschichte ist das eine gefährliche Situation(siehe Hintergrund). Auch im Alltagsleben der libanesischen Bevölkerung wirkt sich der Konflikt unmittelbar aus: Die Mietpreise haben sich örtlich wegen der gestiegenen Nachfrage vervierfacht, Schulen und Krankenhäuser sind überfüllt und die Konkurrenz um die wenigen Arbeitsplätze wird täglich größer.  

Der Winter setzt den Flüchtlingen zuDer Winter setzt den Flüchtlingen zuCaritas international

Seit Anfang 2015 verfolgt der Libanon eine äußerst restriktive Politik gegenüber Flüchtlingen aus Syrien: zunächst wurde eine Visumspflicht für syrische Staatsangehörige eingeführt, die eine auf wenige Tage begrenzte Einreise nur bei Vorlage von konkreten Terminen u.a. bei ausländischen Botschaften, für medizinische Eingriffe und bei wirtschaftlicher Tätigkeit vorsah. Die Zahl der illegalen Flüchtlinge im Libanon nimmt seither zu, sei es auf Grund nicht verlängerbarer Visa oder unerlaubter Grenzübertritte. Als "Illegale" machen sich die syrischen Flüchtlinge vor dem libanesischen Staat strafbar und können inhaftiert, verurteilt oder abgeschoben werden. Seit Anfang Mai hat der UNHCR auf Druck der libanesischen Regierung die Neuregistrierung von Flüchtlingen im Libanon eingestellt, andere werden partiell aktiv "de-registriert". Damit sinkt die offizielle Zahl der syrischen Flüchtlinge im Land, gleichzeitig verringert sich der Kreis des Zugangsberechtigten zu UN-finanzierten Hilfen seitens UNHCR, UNICEF und Welternährungsprogramm. Dies führt dazu, dass immer mehr extrem vulnerable Flüchtlinge ohne Zugang zu Ressourcen auf Hilfe zum Überleben angewiesen sind, während die internationale Finanzierung weiterhin zurückgeht.

 

Der Krieg in Syrien

Selbst nach der Wiederaufnahme von Friedensgesprächen im Februar 2016 in Genf, ist ein Ende des Krieges, der mit dem Aufbegehren gegen den Präsidenten Baschar al Assad vor fünf Jahren seinen Ausgang nahm, derzeit noch in weiter Ferne . Indes gewinnen seit geraumer Zeit radikal-islamistische Gruppen in dem chaotischen Bürgerkrieg an Einfluss. Sie haben von der Destabilisierung des Landes profitiert und gleichzeitig den Konflikt weiter verschärft (siehe Hintergrund). 

Die Zentren des Bürgerkriegs in Syrien haben sich im Lauf des Krieges fortwährend verlagert. Straßengefechte, Razzien, Massenverhaftungen - die Willkür macht es schwierig, der Gewalt zu entkommen. Es herrscht eine unfassbare Grausamkeit, verübt von allen Seiten, von Rebellengruppen und kämpfenden Einheiten, deren Ziele unklar sind, ebenso wie von den Schergen des Präsidenten. Die Städte Aleppo, Homs oder Deir al-Zor gleichen schon lange einer Trümmerlandschaft. In der völlig zerstörten Infrastruktur ist ein Leben kaum mehr möglich.

Knapp 22 Millionen Menschen lebten vor dem Ausbruch des Bürgerkrieges in Syrien. Inzwischen sind zwischen zwölf und dreizehn Millionen Menschen auf der Flucht. Innerhalb des Landes irren über sieben Millionen Menschen umher, auf der Suche nach einem Ausweg aus der Willkür der Gewalt, immer wieder zwischen neuen Fronten und kämpfenden Gruppen gefangen. Unzählige Menschen haben in diesem grausamen Krieg ihr Leben verloren. Landesweit können Kranke nicht mehr versorgt werden, weil es kaum Medikamente gibt und Krankenhäuser zerstört sind. Notdürftige medizinische Hilfe in Hausruinen und in provisorischen Unterkünften ist zum Normalfall geworden - ohne entsprechende Ausstattung. Viele Verletzte erhalten überhaupt keine Hilfe.

Die Lebenserwartung ist von 76 Jahren auf 56 Jahre gefallen und die Arbeitslosigkeit ist auf weit über 50 Prozent gestiegen. Die Versorgung mit Nahrungsmitteln ist schlecht, die Menschen hungern. Der Hunger ist geradezu zur Waffe des Regimes geworden. In 15 belagerten Gegenden innerhalb Syriens wie beispielsweise Madaya, Foa'a oder Kefraya sind die Menschen praktisch von der Außenwelt abgeschnitten und für Hilfsorganisationen nur extrem schwer bis gar nicht zu erreichen.

Hilfen allerorten

Caritas Mitarbeiterin im Libanon mit KindernEine Caritas-Mitarbeiterin im Libanon kümmert sich um FlüchtlingskinderCaritas international

Caritas international unterstützt Bedürftige in den Nachbarländern und in Syrien selbst mit Nahrungsmitteln, Medikamenten und ärztlicher Hilfe. Ein weiterer Schwerpunkt der Hilfen ist die Ausstattung für den Winter mit Heizmaterial und Decken.

Bisher konnte Caritas international an Flüchtlingshilfen und Hilfen für Bürgerkriegsopfer in Syrien, Armenien, der Türkei, Jordanien, Libanon und dem Irak insgesamt über 37 Millionen Euro bereitgestellt. Der größte Teil des Geldes kommt vom Auswärtigen Amt.

Die Hilfe in Syrien ist nur unter hohen Risiken für Leib und Leben möglich. Ungezählte Überfälle auf Hilfskonvois sowie der Tod zahlreicher Helfer belegen das auf grausame Weise.

Februar 2016

Caritas international ruft zu Spenden für die Flüchtlinge und Gewaltopfer auf.

Bitte spenden Sie Online oder per Banküberweisung auf folgendes Konto: 
Bank für Sozialwirtschaft Karlsruhe
IBAN Nr. : DE04660205000000000202
BIC-Nr. : BFSWDE33KRL 

ehemals: Nr. 202 /  BLZ 660 205 00

Stichwort: Nothilfe Syrien