Der seit März 2011 andauernde Bürgerkrieg in Syrien bedroht zunehmend den Frieden in der gesamten Region. Fast zwei Millionen Flüchtlinge suchen in Libanon, Jordanien, Irak, der Türkei sowie Armenien Zuflucht. Laut dem UN Flüchtlingswerk ereignet sich hier eine der größten Flüchtlingskatastrophen der letzten Jahrzehnte.
Vera Jeschke, Referentin bei Caritas international, macht sich in Jordanien ein Bild vom Alltag der Flüchtlingskinder.Michael Brücker
Zwei Jahre ist es her, dass sich syrische Oppositionelle gegen das Regime von Präsident Baschar al Assad erhoben. Ähnlich wie in den anderen Staaten des "arabischen Frühlings" forderten die Demonstranten demokratische Strukturen und den Rücktritt des autokratisch regierenden Präsidenten. Damals ahnte niemand, welche grausamen und langen Folgen die Demonstrationen nach sich ziehen würden.
Das Regime ging von Anfang an mit militärischer Härte gegen die Protestbewegung vor. Unzählige Demonstranten aus allen Bevölkerungsschichten wurden verfolgt, verhaftet, zahlreiche auch gefoltert. Schon bald wurde die ursprünglich demokratisch, liberal und pluralistisch motivierte Opposition von bewaffneten und ihrerseits gewalttätigen Gruppen verschiedenster Richtungen überlagert. Aus den zunächst friedlichen Protesten ist ein zäher Bürgerkrieg erwachsen, in dessen Verlauf die syrische Zivilbevölkerung zwischen den Fronten aufgerieben wird. Vermutet wird gar der Einsatz von Chemiewaffen.
Die Christen haben lange versucht, sich so gut es ging, aus dem Machtkampf herauszuhalten. Nicht wenige von ihnen fürchten, Syrien könnte nach dem Fall von Assad zu einem islamitisch-sunnitischen Staat werden, in dem ihre Minderheitenrechte nicht mehr garantiert sind. Als warnendes Beispiel gilt ihnen der Massenexodus der irakischen Christen nach dem Sturz von Saddam Hussein.
Die Zentren des Bürgerkriegs verlagern sich fortwährend. Nach lange andauernden zerstörerischen Kämpfen in Homs sind aktuell Damaskus und vor allem Aleppo im Visier. Bei Straßengefechten, Razzien und Massenverhaftungen herrscht inzwischen eine unfassbare Grausamkeit, die von beiden Seiten verübt wird, von den Rebellen ebenso wie von den Schergen des Präsidenten. Die Städte Aleppo, Homs oder Deir al-Zor gleichen mancherorts einer Trümmerlandschaft, Glassplitter, Metallbleche, von Kugeln durchsiebte Fensterläden bedecken die Straßen. Außer Schutt, Staub und Steinen gibt es in vielen Straßenzügen nichts mehr. Rebellen und Regimeanhänger sitzen sich in ihren Verstecken oft so nah gegenüber, dass sie sich gegenseitig ins Gesicht sehen.
Flucht als Hoffnung
Beim Bau provisorischer Unterkünfte helfen alle mit.Sam Tarling / Caritas Schweiz
Neben den unmittelbaren Kriegshandlungen und den gravierenden Menschenrechtsverletzungen sind es zunehmend auch wirtschaftliche und soziale Folgen des Krieges, die die Menschen zur Flucht in die Nachbarländer zwingen. Viele haben zunächst in der Folge der Auseinandersetzungen ihre Arbeit verloren, weil Gebäude und Straßen zerstört waren, weil die Märkte zusammengebrochen sind und Unternehmen geschlossen wurden. Sie waren fortan mit ihren verarmten Familien auf Nahrungsmittelhilfe und medizinische Versorgung angewiesen.
Video: Vera Jeschke, Länderreferentin, zur aktuellen Situation
Über zwei Jahre sind seit dem Ausbruch der blutigen Kämpfe in Syrien vergangen. Zwei Jahre, die Hunderttausenden von Syrern Angst, Leid, Vertreibung oder Tod brachten. Schätzungsweise 80.000 bis 100.000 Menschen haben bis April 2013 bei den Kämpfen ihr Leben verloren. Genaue Zahlen sind unbekannt, weil weder die Vereinten Nationen noch unabhängige Medien ungehindert im Land arbeiten können. Das Regime verweigert seit Monaten Einreisevisa für westliche Journalisten.
Millionen von Menschen sind innerhalb Syriens auf der Flucht, nahezu jede zweite Person ist von den Kriegsfolgen direkt oder indirekt betroffen. Weit über eine Million Menschen sind inzwischen aus dem Land geflohen. Auch die umliegenden Staaten, allen voran die "kleinen” Nachbarn Jordanien und der Libanon, können die täglich ankommenden Flüchtlinge kaum mehr versorgen. Die wenigen Hilfen müssen sich täglich mehr Flüchtlinge teilen, es feht an allem.
Etwa zwei Million Syrer/innen haben das Land verlassen und suchen in Jordanien, im Libanon, in der Türkei, dem Irak und in Armenien Zuflucht. Der Großteil der Flüchtlinge lebt unter extrem prekären Bedingungen in provisorischen Zeltlagern oder in Massenquartieren wie etwa Schulen und ist dringend auf Unterstützung angewiesen. Dazu kommen nicht erfasste Flüchtlinge, die bei Verwandten und Bekannten in den Nachbarstaaten untergekommen sind. Man schätzt, dass die gesamte Region auf Jahre hin mit einem der schlimmsten Flüchtlingsdramen der letzten Jahrzehnte konfrontiert wird.
Jordanien
Flüchtlingskind in der Notunterkunft im LibanonSam Tarling, Caritas Schweiz
Allein in Jordanien sollen sich derzeit rund 500.000 syrische Flüchtlinge aufhalten. Hinzu kommt etwa die gleiche Anzahl an irakischen Staatsbürgern, die infolge der dortigen Flüchtlingswelle vor wenigen Jahren nach Jordanien kamen.
Der hohe Anteil an Flüchtlingen in Jordanien sorgt für Spannungen, nicht überall sind die Flüchtlinge willkommen. Immerhin werden monatlich 50.000 weitere syrische Flüchtlinge erwartet, von denen täglich 500 bis 600 legal die Grenze passieren und rund 2.000 unbemerkt über die Grenze kommen. Für das kleine Land Jordanien ist das eine sehr große Herausforderung. Die Flüchtlinge unterzubringen und zu versorgen, kann das Land nicht alleine leisten.
Jordanien war schon in früherer Zeit das Ziel von Flüchtlingen aus den umliegenden Ländern. Viele Palästinenser/innen und Iraker/innen kamen hierher. Das Lager Zaatari ist längst dicht besiedelt: es war ursprünglich für die Versorgung von 65.000 Personen ausgelegt, doch inzwischen leben hier laut der jordanischen Verwaltung über 120.000 Flüchtlinge.
Daher kommen viele in privaten Unterkünften oder verlassenen Gebäuden unter. Oft sind es die Flüchtlinge aus anderen Ländern, die den Syrern und Syrerinnen Unterstützung anbieten, obwohl sie selber kaum etwas besitzen.
Libanon
Im Libanon sollen sich Anfang März 2013 nach Angaben des libanesischen Sozialministeriums bereits etwa eine Million syrische Staatsangehörige aufgehalten haben. Nur ein kleinerer Teil ist offiziell beim Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen registriert. In der Vergangenheit haben jährlich etwa 250.000 syrische Saisonarbeiter in der libanesischen Landwirtschaft, im Haus- und Straßenbau oder als Tagelöhner gearbeitet. Seit Ausbruch des Konflikts in Syrien und vor allem im vergangenen Herbst sind viele dieser Saisonarbeiter nicht mehr in ihre Heimat zurückgekehrt. Viele holten stattdessen ihre Familien aus Syrien in den Libanon.
Syrische Flüchtlinge im Libanon Sam Tarling, Caritas Schweiz
Der wirtschaftliche, politische und demographische Druck auf den Libanon wächst. Bei einer Bevölkerung von rund vier Millionen Menschen ist es eine große Herausforderung, so viele Flüchtlinge aufzunehmen.
Im Libanon leben bereits seit rund 60 Jahren 400.000 Flüchtlinge aus Palästina, zudem Zehntausende Flüchtlinge aus dem Irak und rund 300.000 Migranten aus den ärmsten Staaten Afrikas und Asiens. Das Flüchtlingstrauma merkt man dem Land sehr wohl an. Denn von offizieller Seite werden keine Lager für die syrischen Flüchtlinge errichtet. Aus Angst, dass sonst die Kriegsvertriebenen für immer bleiben könnten.
Der Grund dafür ist ein historisches Trauma, das mit dem Bürgerkrieg in Syrien gar nichts zu tun hat. Die Flüchtlingslager der Palästinenser sind zu isolierten Städten geworden. Eine Rückkehr nach Israel ist nicht in Sicht, die Integration in die libanesische Gesellsacht jedoch schwierig. Die Regierung will unbedingt verhindern, dass sich so etwas wiederholt.
Die Folgen dieser Geschichte lasten nun auch auf den ankommenden Flüchtlingen aus Syrien. Sie müssen sich irgendwie behelfen. Bauern verpachten ein Stück Acker oder vermieten einen unfertigen Rohbau an die Ankömmlinge.
Seit dem Ende des Bürgerkriegs im Libanon 1990/91 existiert ein unterschwelliges Konfliktpotenzial zwischen Flüchtlingen und Libanesen. "Die Syrer" waren bei vielen Libanesen bereits in der Vergangenheit unbeliebt, da Syrien den Libanon über lange Jahre de facto besetzt hielt. Erst vor wenigen Jahren waren die letzten syrischen Soldaten abgezogen.
Hilfen an allen Fronten
Caritas international unterstützt Bedürftige in Jordanien und Libanon mit Nahrungsmitteln, Babykleidung, Medikamenten und ärztlicher Hilfe. Zudem leistet Caritas unter anderem in Aleppo in Syrien über das Bistum und die lokale Caritas humanitäre Hilfe für verarmte Familien sowie alte und kranke Menschen. Auch in Armenien sich Flüchtlinge aus Syrien eingetroffen, vor allem Christen. Auch hier werden die Flüchtlinge von Caritas international unterstützt.
April 2013
Caritas international ruft zu Spenden für die Flüchtlinge und Gewaltopfer auf.
Bitte spenden Sie Online oder per Banküberweisung auf folgendes Konto:
Kto-Nr. 202
Bank für Sozialwirtschaft Karlsruhe
BLZ 660 205 00
Stichwort: Nothilfe Syrien