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Europa

Rechte für Kinder

Ukraine: Straßenkinder

„The Way Home“ – weg vom Leben auf der Straße

Der Krieg in der Ostukraine macht immer mehr Menschen zu Heimatlosen: Im Jahr 2016 galten offiziell 1,7 Millionen Menschen in der Ukraine als "intern Vertriebene", also als Flüchtlinge im eigenen Land. Besonders prekär ist die Lage für diejenigen, die bereits zuvor kein Zuhause hatten: Straßenkinder können sich nicht auf ihre Familien verlassen. Gerade in dieser Krisensituation brauchen die Tausenden von Mädchen und Jungen weiterhin Unterstützung. Deshalb setzt Caritas - trotz der erschwerten Bedingungen - die Zusammenarbeit mit dem langjährigen Projekt "The Way Home" fort.

Hilfe für Straßenkinder in Odessa

Auch vor dem Krieg lebten in Odessa schon viele Kinder auf der Straße. Um ihnen zu helfen gründete sich die von Caritas international gestützte Partnerorganisation "The Way Home". Wegen des Kriegs suchen zudem Flüchtlinge aus der Ostukraine, auch von der Krim, Schutz in Odessa. Viele landen auf der Straße, unter ihnen viele Kinder.

"Am Anfang sieht das Leben auf der Straße so toll aus, aber am Ende merkt man, dass alles nur eine Illusion ist." Das sagt Sergey Kostin, der es wissen muss: Als Leiter der von Caritas international gestützten Partner-Organisation "The Way Home". "The Way Home" holt seit 16 Jahren desillusionierte Kinder und Jugendliche von der Straße, führt sie zurück in die Gesellschaft und engagiert sich für Aidskranke. Denn 27 Prozent der Straßenkinder in Odessa tragen den HI-Virus in sich. Sergey Kostin kennt das Leben "ganz unten" nicht nur aus beruflicher Erfahrung, sondern aus seiner eigenen Biographie.

Jugendliche versammeln sich um eine TaschenlampeDas Leben ganz unten: Seit den 90er Jahren überschwemmen Drogen das Land Foto: The Way Home

Er war Anfang der 90er Jahre abhängig von schweren Drogen und musste hilflos zusehen, wie viele seiner Freunde an einer HIV-Infektion starben. "Die Drogen", sagte er später, "waren der Anfang. Damals in den 90er-Jahren, als hier alles vor die Hunde ging, überschwemmten sie das Land. Auch ich nahm sie. Die Nadeln wurden weitergereicht und so begann HIV, vom dem wir alle keine Ahnung hatten, um sich zu greifen." Kostin wollte etwas dagegen tun. Bat die örtlichen Behörden in der ukrainischen Stadt Odessa um Hilfe. Ohne Erfolg. Da begann Sergey, Kleider zu sammeln und sie an Obdachlose zu verteilen. Und darunter waren so viele Kinder und Jugendliche, dass Sergey beschloss, nur noch für sie zu arbeiten.

Das war 1996. Inzwischen ist "The Way Home" eines der bedeutendsten und renommiertesten Straßenkinder- und Aidsprojekte Osteuropas. Sergey Kostin erhielt für seine glänzende Arbeit mehrere Auszeichnungen. Die schönste verlieh ihm vielleicht das österreichische Magazin "News" -  nicht mit Gold und Silber, sondern mit Worten: Ohne die Organisation "The Way Home", so schrieb es, wäre "die Hafenstadt Odessa, die Aids-Hochburg der Ukraine, wohl vollends verloren."

Eine Sozialarbeiterin bei einer jungen Frau"Nah dran sein" ist für die Sozialarbeiter/innen ein entscheidender VorteilFoto: The Way Home

In der Tat leistet "The Way Home" mit mobiler Jugendarbeit sowie mit sieben institutionellen Zentren einen Mammutanteil der Sozialarbeit in Odessa und füllt so Defizite, die der Staat hinterlässt. Die aufsuchende Jugendarbeit leitet eine, die, wie Sergey, das Leben auf der Straße auch aus eigener Erfahrung kennt: Ina Nikivarovna gehörte selbst zehn Jahre lang zur Zielgruppe. Drogenexperimente und Straßenleben haben ihr Leben geprägt. Ob nicht mancher Personalchef in Deutschland geschockt wäre, dass eine Person mit diesem Background in leitender Position eingestellt wird? Für die Sozialarbeit auf der Straße freilich hat gerade dieser Hintergrund einen entscheidenden Vorteil: Ina genießt, wie die Caritas-Beraterin Irene Berger festgestellt hat, unter den Jugendlichen eine hohe Akzeptanz.

Für die mobile Jugendarbeit stehen im Projekt zwei Kleinbusse zur Verfügung, mit denen die Sozialarbeiter/innen täglich ausfahren, um Straßenkinder und -jugendliche an ihren Treffpunkten und Aufenthaltsorten aufzusuchen. Das sind meist ungenutzte Kellerräume, Hohlräume über und unter der Erde, in denen Heizungsrohre und Wasserleitungen verlaufen oder leer stehende Häuser. Mit dem Bus wird Essen ausgefahren sowie Medikamente für die medizinische Notversorgung. Die beiden Sozialarbeiter hören den Problemen der Jugendlichen zu, beraten sie bei der Suche nach Lösungen und bieten Trainings zu Themen wie Drogenkonsum oder HIV/Aids an.

Vielfältige Hilfe für Kinder und Jugendliche

Gruppenbild von KindernThe Way Home bietet ein breites Angebot an Betreuungs- und Unterstützungsmaßnahmen für Kinder und Eltern an. Ziel ist es, die vertriebenen Kinder und ihre Familien bei der Integration zu unterstützen. Foto: Kathrin Göb / Caritas international

Neben dieser Arbeit bietet "The Way Home" in mehreren Zentren vielfältige Formen von Hilfe an. So gibt es beispielsweise ein Jugendwohnheim mit 25 Schlafräumen und diversen Angeboten für die Jugendlichen. Dazu gehören Hausaufgabenhilfen und Hilfe bei der beruflichen Orientierung, aber auch Musik, Tanz und Theater, Fernsehen, Sport und thematische Gruppenangebote, die sich auf Themen wie HIV/Aids, Kinderrechte, Gesundheitsfragen und anderes beziehen. 

Eine Familienberatungsstelle ist ein Anlaufpunkt für Familien, in denen beispielsweise Alkohol und Gewalt an der Tagesordnung sind. Das Hilfsangebot beinhaltet Rechtsberatung, Begleitung zu Behörden für die Inanspruchnahme von Hilfen, Begleitung zu medizinischer Behandlung und Trainings zu diversen rechtlichen Fragen, die für die Familien von Belang sind.

Zudem wurden zwei Kindertagesstädten für 3-6 jährige Kinder eingerichtet, deren Eltern sich die Kindergartengebühren ansonsten nicht leisten könnten. Auch medizinische und psychologische Unterstützung sowie Therapieangebote zählen zum Hilfsangebot von "The Way Home".

Dezember 2016