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Naher Osten

Krisen und Konflikte

Irak: Hilfe für die Opfer des Konflikts

Irak: Hilfe für die Vertriebenen

Seit der Offensive des sogenannten Islamischen Staates (IS) im Jahr 2014 kämpfen viele der über drei Millionen vertriebenen Iraker ums Überleben. Sie mussten oft völlig unerwartet und nur mit dem nötigsten Hab und Gut vor den Kämpfern des IS fliehen. Die Mitarbeiter der Caritas Irak, von denen viele selbst vor dem IS fliehen mussten, setzen sich trotz schwerster Arbeitsbedingungen unermüdlich für die Menschen in Not ein. Die Caritas Irak leistet bereits seit 20 Jahren Hilfe im Land, genießt großes Vertrauen in der Bevölkerung und verfügt über die notwendigen Strukturen für die so dringend benötigte Nothilfe.  

Hilfe für eingeschlossene Zivilisten in Mossul

Die gegenwärtige Militäroffensive zur Rückeroberung der einstigen Millionenstadt Mossul hat bereits viele Opfer gefordert und zwingt erneut hunderttausende Menschen zur Flucht - vorausgesetzt sie können die Stadt überhaupt verlassen. Bei der jüngsten Offensive auf die Altstadt Mossuls (Juni 2017) werden Tausende, womöglich sogar Zehntausende Einwohner als lebende Schutzschilde missbraucht, wie die UN-Koordinatorin für humanitäre Hilfe, Lise Grande, berichtet. Etwa 100.000 Zivilisten halten sich Schätzungen zufolge noch in der umkämpften Altstadt auf.

Pakete werden verteilt2500 "Überlebenspakete" werden in Westmossul an die hungernden Menschen verteilt. Der Direktor der Caritas Irak, Nabil Nissan, ist erschüttert: "Die Menschen sind schwer gezeichnet vom Krieg".Foto: Caritas Irak

Im Ostteil der Stadt konnten 2000 Menschen von der Caritas Irak mit Lebensmitteln versorgt werden. Anfang April 2017 gelang es auch erstmals, die im Westteil der Stadt eingeschlossenen Menschen mit insgesamt 2500 Überlebenspaketen zu unterstützen. Der Direktor der Caritas Irak, Nabil Nissan, zeigte sich nach dem Hilfseinsatz erschüttert: "Die Menschen sind schwer gezeichnet vom Krieg. Ihre Gesichter sind leblos, Kinder klammern sich verängstigt an ihre Eltern. Die Verzweiflung ist greifbar. Jede Form der Hilfe, jedes Zeichen der Solidarität wird mit größter Dankbarkeit aufgenommen. Wir müssen dringend noch mehr tun, um den Menschen beizustehen." Caritas international stellt für die akute Nothilfe ihrer lokalen Partner im Großraum Mossul insgesamt 500.000 Euro bereit. Weitere Projektstandorte im Norden des Landes befinden sich in den Städten Zakho, Erbil, Dohuk und Alqosch, wo im Sommer 2014 nach den Kämpfen um Mossul Hunderttausende Vertriebene Zuflucht gefunden hatten.

Nothilfe nach der Rückeroberung von Falludscha

Der 74-jährige Hameed A. aus dem irakischen falludscha sitzt in einem Zelt im Flüchtlingslager. Der 74-jährige Hameed A. hatte mit seiner Familie einen Bauernhof in der Nähe von Falludscha. Sein Haus ist mittlerweile zerstört und seine Felder vermint. Foto: Caritas Irak

Mossul ist nicht die erste Stadt, die vom IS zurückerobert wird. Im Sommer 2016 hatte die irakische Armee unter anderem die Stadt Falludscha zurückerobert. Doch nach der Rückeroberung war fast niemand mehr da, der den vielen Tausend verzweifelten und entkräfteten Menschen rund um die Stadt helfen konnte. Hier, in dieser vom Krieg heimgesuchten Region, kann kaum eine ausländische Hilfsorganisation agieren. "Umso wichtiger ist es, dass wir den Menschen zur Seite stehen", sagt Nabil Nissan, der Direktor der irakischen Caritas. Infolge der Rückeroberung der zentralirakischen Stadt sind rund 85.000 Menschen vor den Kämpfen in Richtung Bagdad geflohen. Weil die Regierung sie nicht in die Hauptstadt lässt, harren sie in Flüchtlingslagern zwischen den beiden Städten aus. Dort fehlt es selbst an der notwendigsten Versorgung. Zusammen mit der Caritas Irak hilft Caritas international rund 2600 Familien in fünf Lagern. Um ihre Situation zu verbessern, versorgt sie die Caritas mit Lebensmitteln, Haushaltswaren und Isoliermaterialien, um ihre Zelte besser vor der Witterung zu schützen. In besonderen Fällen wird auch Bargeld für individuelle Bedürfnisse verteilt..

Psycho-soziale Hilfe für Mütter und Kinder

Doch nicht nur die Grundversorgung der Menschen spielt eine wichtige Rolle. Im Großraum Zakho erhalten bis zu 600 Mütter und 1.500 Kinder Unterstützung durch psychosoziale Angebote. Bildungs- und Freizeitaktivitäten, Beratungen zu Themen wie Hygiene, Ernährung, Gesundheit und dem Umgang mit Gewalt sollen den Menschen dabei helfen, besser mit dem Erlebten und ihrer aktuellen Lebenssituation umzugehen. Auch Traumabewältigung, Kinderrechte sowie Fragen der Erziehung und des Familienlebens werden thematisiert. Die Angebote werden von Sozialarbeitern in Kooperation mit geschulten Freiwilligen durchgeführt. Besonders Kinder leiden unter der dramatischen humanitären Situation im Land und drohen als verlorene Generation heranzuwachsen. Deshalb unterstützt die Caritas Irak Schulbesuche für 500 Kinder, damit ihnen eine Perspektive für ein Leben nach dem Krieg eröffnet werden kann.

Unterstützung für Christen, Jesiden, Schiiten und Sunniten

Irak: ZahkoDer 49-jährige Tammo L. ist Jeside. Er floh mit seiner Familie aus dem Sinjar Gebirge nach Zahko, wo er Unterstützung von der Caritas Irak erhält. Foto: Caritas international

Es gibt nur wenige Hilfsorganisationen, die wie Caritas in der Lage sind, in unterschiedlichen Landesteilen Zugang zu Vertriebenen aller Glaubensrichtungen zu erhalten. Keine religiöse Gruppe ist vor dem Terror des IS sicher - seien es Christen, Jesiden, Schiiten, aber auch Sunniten. Die Caritas leistet Hilfe unabhängig von der ethnischen Zugehörigkeit, der Religion, Nationalität oder Weltanschauung.

Die letzten zwei Jahre haben bestehende Brüche zwischen den verschiedenen Bevölkerungsgruppen im Irak deutlich vergrößert und  neue Konfliktlinien aufgerissen. Nach der vollständigen Befreiung Mossuls vom IS steht der Irak vor der großen Herausforderung, das verloren gegangene Vertrauen zwischen diesen Gruppen wieder aufzubauen. Nur so wird ein friedliches Miteinander der Vielzahl an Gruppierungen im Irak möglich sein. Hierbei wird die Caritas Irak ihre große Erfahrung im Bereich der Friedensarbeit einfließen lassen.

Juni 2017