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Asien

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Afghanistan: Psychosoziale Arbeit

Zelte als Unterkunft - davor ein Junge Informelle Siedlung am Stadtrand von Kabul - die Unterkünfte sind dürftigHeike Wintershoff

Die Wunden sind kaum zu ermessen, welche die allgegenwärtige Unterdrückung durch fundamentalistische Gruppen und der nicht enden wollende Terror in der afghanischen Gesellschaft hinterlassen haben. Die im Krieg oder auf der Flucht erlebte Gewalt, die Grausamkeiten der Terrormilizen, die bittere Armut auf dem Land und die andauernden Bedrohungen haben zahlreiche Menschen in Afghanistan traumatisiert. Viele haben tiefe seelische Verletzungen erlitten. Die meisten sind mit ihren seelischen Wunden und auch den Konflikten, die daraus im Privatleben entstehen, völlig alleine gelassen. Das ist in einer post-traumatischen Gesellschaft eine soziale Katastrophe.

Daseinsvorsorge nicht in Sicht

Die allgemeine schlechte Sicherheitslage in vielen ländlichen Regionen bleibt nicht ohne soziale Folgen in den städtischen Zentren des Landes, insbesondere in Kabul. Hunderttausende Binnenvertriebene und rückkehrende Afghaninnen und Afghanen aus Pakistan und Iran treffen in den städtischen Randgebieten ein, dort haben sie weder Zugang zu Gesundheits- noch Bildungseinrichtungen. In den so genannten Kabul Informal Settlements gibt es keine ausreichende Wasserversorgung, sanitäre Einrichtungen sind kaum vorhanden.

Insbesondere Frauen und Kinder leiden unter dieser belastenden und mangelhaften Versorgungslage. Die Müttersterblichkeit ist in Afghanistan seit Jahren extrem hoch, die Ziffer für Kindersterblichkeit ist eine der höchsten weltweit. Fast die Hälfte aller Kinder unter fünf Jahren ist mangelernährt. Ein hohes Maß an Gewalt in den Familien belastet die Frauen zusätzlich. Laut einer Studie von Terre des Hommes (TdH) aus dem Jahr 2013 sind alle befragten Frauen von verbaler und 80 Prozent der Frauen von physischer Gewalt betroffen. Ein Großteil der Frauen und Mädchen ist schwer traumatisiert, selbstmordgefährdet und weist Zwangsstörungen auf.

Viele der Männer befinden sich in einem Zwiespalt zwischen ihrem traditionellen Rollenbild und der sich wandelnden Realität. Viele haben keine regelmäßige Arbeit und können ihre traditionelle Rolle als Versorger nicht erfüllen. Andere finden sich schwer in einem gewandelten Wertesystem zurecht oder sind mit Traumata durch Krieg und Flucht belastet. Ihr Männlichkeitsbild gerät ins Wanken, häufig auch mit Auswirkungen auch auf ihre physische Stabilität. Persönliche Krisen und Arbeitslosigkeit münden nicht selten in Gewalt gegenüber den eigenen Familien - oder in Drogenkonsum. Vor allem häusliche Gewalt und Vergewaltigungen in der Ehe dienen Männern immer wieder als Ventil und sie versuchen, so Ohnmachtsgefühle und Aggressionen zu kompensieren.

Vergewaltigte Frauen gelten als schuldig. Deshalb machen sie die Verbrechen selten öffentlich. Zu Anzeigen kommt es kaum. Ein Indiz für die sich verschlechternde Situation der Frauen ist die dramatisch steigende Selbstmordrate.   

Drogenkranke in einem VersteckAusgegrenzt und Abhängig: Drogenkranke in AfghanistanCaritas international

Drogen verschlimmern alles

Ein Ausdruck für die verzweifelte Lage ist die Zunahme von Drogenabhängigkeit. In Kabul in erster Linie, aber auch im gesamten Land, hat die Zahl drogenkranker Menschen in den letzten Jahren rasant zugenommen. Der afghanische Staat bekämpft Anbau und Handel von Rohopium mit aller Härte, doch gleichzeitig mit wenig Erfolg. Durch die Vernichtung von Feldern kamen allein 2013 etwa 140 Menschen ums Leben, vorwiegend Landarbeiter. Indes droht auf höherer politischer Ebene gegen einflussreiche Kartelle kaum eine Strafverfolgung.

Trotz der äußerst hohen Zahl von Abhängigen haftet der Drogensucht im islamischen Afghanistan ein unüberwindbares Stigma an. Die Betroffenen werden von der gesellschaftlichen Teilhabe ausgegrenzt.
Daher ist es für Menschen in einer instabilen Lebensphase doppelt schwierig, in der von Terror gezeichneten afghanischen Gesellschaft wieder Fuß zu fassen. In den vergangenen Jahren hat sich glücklicherweise die Zahl der zivilgesellschaftlichen Organisationen, die in der Hilfe für Drogenabhängige aktiv sind, verdreifacht. Aufgrund dieses Engagements stärkt nun die Regierung das Konzept der Schadensbegrenzung. Auch, weil mit den Drogen das Risiko für Infektionen wie Tuberkulose, HIV- und Hepatitis steigt.

Ein stabiler innerer Frieden kann sich in Afghanistan erst entwickeln, wenn es den Menschen gelingt, wieder Zuversicht zu fassen und die psychischen Wunden zu heilen. Doch anbetracht der akuten Not kann man den ersten Schritt nicht vor dem zweiten tun. Oft geht es schlicht um Grundbedürfnisse, um Nahrung, Gesundheit, Wasser. Perspektivisch verliert Caritas international das langfristige Ziel nicht aus den Augen, dass die Menschen spezifische Unterstützung brauchen, um für ihre eigene Daseinsvorsorge ihr Lebensumfeld wieder gestalten zu können.

Juli 2017