Ein Kanister Wasser ist fast unerschwinglich
Hawo Hussein Caritas international
Hawo Hussein
Seit ihr Ehemann vor einigen Jahren gestorben ist, wohnt die 85 Jahre alte Hawo Hussein allein in Machesa, einem Dorf im Süden des Distrikts Wajir. Zehn Kinder hat sie großgezogen, und bis jetzt war ihr Auskommen über eine eigene kleine Viehzucht mit Kamelen, Ziegen und Kühen gesichert. Sie verkaufte die Tiere auf dem Markt und hatte selbst noch genügend zu Essen.
Doch mit der Dürre hat sie einen Großteil des Viehs verloren. Sie konnte die Tiere nicht mehr mit Futter und Wasser versorgen. Knapp 50 Tiere von ursprünglich 450 sind ihr geblieben. Der Marktpreis für das Vieh ist in letzter Zeit derart drastisch gesunken, dass sie bei einem Verkauf der verbleibenden Tiere nur noch wenig Geld verdienen würde. Auf die Frage, wie sie es trotzdem schafft, zu überleben, erklärt Hawo, dass sie und ihr gesamtes Dorf von den mageren Wasser -und Nahrungsmittelrationen abhängig ist, welche die Regierung zweimal im Monat verteilt. Es gibt zwar ein Wasserloch im Dorf, aber das Wasser ist salzig und verschmutzt und damit für die Menschen nicht geniessbar. Einmal am Tag bereitet sich Hawo einen Brei aus Mais zu, das ist ihre einzige Mahlzeit.
Die Wasserration reicht gerade als Trinkwasser, zum Waschen bleibt keines übrig. "Unser Vieh stirbt", klagt Hawo. Das bedeutet auch, dass die Männer in die Dörfer zurückkehren. Die waren bisher mit den Tieren monatelang unterwegs, um nach Wasser und Futter zu suchen. Jetzt sind die Tiere verendet und die Männer kommen zurück. "Dadurch brauchen noch mehr Menschen in unserem Dorf Nahrung, aber unsere Lebensmittel- und Wasservorräte gehen zur Neige", erklärt sie. "Aus Verzweiflung fangen die Dorfbewohner an, das schmutzige Wasser aus dem Wasserloch zu trinken. Die Menschen werden krank, sie bekommen Durchfall, doch das nächste Gesundheitszentrum ist mehr als 50 Kilometer vom Dorf entfernt." Hawo fürchtet, dass es nicht mehr lange dauern wird, bis die ersten Menschen an der Hungersnot sterben.
Osman MohammedCaritas international
Osman Mohammed
Der vierjährige Osman kam vor einer Woche mit seiner Mutter aus dem acht Kilometer entfernten Dorf Barwago in das Krankenhaus vom Wajir Distrikt. Bei der Ankunft wurde der kleine Junge unverzüglich ins Stabilisations-Zentrum überführt. Dort werden vor allem Kinder und Alte behandelt, die an schwerer Unterernährung leiden. Während mehrerer Wochen erhalten die Patienten täglich eine Paste, die sie mit lebenswichtigem Eiweiss und Energie versorgt.
Osman litt an akuter Unterernährung und einer schweren Lungenentzündung. "Ich habe solche Angst, dass ich noch weitere meiner Kinder ins Krankenhaus bringen muss. Oder schlimmer, dass sie vor Hunger sterben. "Ich weiß nicht, wie wir das schaffen sollen.", erzählt weinend Osmans Mutter. Die Familie lebte bisher von der Viehhaltung. Aufgrund der Trockenheit hat sie jedoch den grössten Teil der Tiere verloren. Zehn Ziegen sind ihnen geblieben, und diese werden lediglich ausreichen, um Wasser und Lebensmittel für wenige Wochen zu kaufen.
Mohammed NoorCaritas international
Mohammed Noor
Mohammed liegt in den Armen seiner Großmutter im Stabilisations- Zentrum des Krankenhauses vom Wajir Distrikt. Er ist zu schwach, um sich selbst zu halten. Deutlich ist der Schmerz in den Augen des kleinen Jungen zu sehen, der wegen schwerer Unterernährung ins Krankenhaus eingeliefert wurde. Sanft schiebt seine Grossmutter sein Hemd nach oben, um den dünnen Körper und die dehydrierte Haut zu zeigen, während das Kind leise vor sich hin wimmert. Mohammed zittert vor Kälte, obwohl es draussen 40 Grad heiß ist.
Der Junge ist erst zwei Jahre alt und bereits das zweite Mal in drei Monaten wegen der schweren Unterernährung im Krankenhaus. Als er vergangene Woche eingeliefert wurde, war sein Zustand derart kritisch, dass das Krankenhauspersonal nicht mehr damit rechnete, dass er es schaffen könnte. Glücklicherweise zeigt Mohammed nun erste Zeichen der Besserung und kann bereits mit der eiweiß- und energiereichen Paste gefüttert werden, nachdem er zunächst intravenös ernährt wurde. Wie die meisten Menschen im Bezirk, leidet Mohammeds Familie schrecklich unter der anhaltenden Dürre. Nur noch drei Kamele besitzen sie, und das wenige Wasser und die Lebensmittel, die sie von den Hilfsorganisationen bekommen, müssen unter den vielen Familienmitgliedern aufgeteilt werden.
Bei einer Visite in dem Dorf Elnur, in dem Mohammed und seine Familie lebt, wurde ein lokaler Krankenpfleger auf den kritischen Gesundheitszustand des kleinen Jungen aufmerksam und drängte die Mutter dazu, ihren Sohn sofort ins Krankenhaus zu bringen. Da die Mutter im Dorf und von den anderen Kindern gebraucht wird, musste sie ihren Sohn in der Obhut der Großmutter lassen.
Halima AliCaritas international
Halima Ali
Die 70 jährige Halima Ali besteht nur noch aus Haut und Knochen, und der geschwächten Frau fällt es sichtlich schwer, zu reden. Eine Freundin, die neben ihrem Bett steht, erklärt, dass Halima vor zehn Tagen von ihrem Sohn ins Krankenhaus gebracht wurde. Dort wird sie jetzt wegen Durchfall und schwerer Unterernährung behandelt. Halima stammt aus einem kleinen Dorf namens Wagalla, ungefähr 15 Kilometer von Wajir Stadt entfernt. Seit ihr Ehemann vor einigen Jahren gestorben ist, haben sich die vier Söhne um das Vieh gekümmert. Doch wegen der anhaltenden Dürre hat Halima ihr gesamtes Vieh verloren, und sie ist nun von den Lebensmittelrationen der Regierung abhängig.
Halimas Dorf ist zudem einen halben Tag Fußmarsch von der nächsten Wasserstelle entfernt - eine unüberbrückbare Distanz für die 70 jährige. Zu schwach, um selbst das Wasser zu holen, musste die alte Frau auf das Wohlwollen ihrer Söhne und Nachbarn vertrauen, die sie mit Wasser versorgt haben. Auch der Preis für einen 20-Liter-Kanister Wasser ist gestiegen und macht es ihr noch schwerer genügend Wasser für sich zu kaufen. Halima fragt sich, ob sie nach ihrer Entlassung wieder in ihr Dorf zurückkehren kann: "Meine Söhne haben ihre eigenen Familien um die sich kümmern müssen. Deshalb weiss ich nicht, wo ich hin soll und wie ich alleine zurecht kommen kann. Ich habe weder Vieh noch Geld. Ich fürchte um das Leben meiner Familie und um mein eigenes."
August 2011
von Elisabeth de Toom, Caritas Schweiz