Flüchtlinge im Waisenhaus Don Bosco
Ein Schrägdach aus Wellblech, das auf drei unverputzten Betonmauern aufsetzt - das ist die große Halle auf dem Gelände des Don Bosco Waisenhauses in Goma. Hier hausen an die 800 Flüchtlinge, Frauen und Kinder, an die die Caritas Lebensmittel verteilt. Es riecht nach Essen und Schweiß, die meisten Öffnungen, durch die Luft entweichen könnte, wurden zum Schutz gegen die Kälte der Regenzeit mit Plastikplanen verklebt. Überall toben Kinder herum, rufen und schreien, während ihre Mütter manchmal erschöpft oder teilnahmslos auf dem Boden sitzen. Später, zur Schlafenszeit, werden sie Plastikplanen auf dem festgestampften Erdreich ausbreiten und sich dann mit dem bisschen an Kleidung, was sie auf der Flucht retten konnten, zudecken.
800 Menschen schlafen in der Halle des WaisenhausesCaritas international
Beatrice Sikiloza hat es ein bisschen besser als die meisten ihrer Leidensgenossen, weil sie gerade vor einer Woche ein Kind bekommen hat. Sie kann sich innerhalb der Halle in ein kleines Plastikhäuschen zurückziehen, das nur für frischgebackene Mütter ist. Der kleine Augustin ist ihr erstes Kind - und sie ist so stolz auf ihn, dass ihre Augen leuchten. Mutter und Kind sind gesund - trotz des Chaos und des Kriegs, die den Ost-Kongo momentan fest im Griff haben. Ein Jahr lang war die 18jährige mit hunderttausenden anderen Kongolesen auf der Flucht. Alles begann mit nächtlichen Schüssen in ihrer Heimatstadt Rugari. Den ganzen Tag über hatte Beatrice Gerüchte gehört, dass die Truppen des Rebellengenerals Nkunda sich in der Nähe herumtreiben würden. Nun schien also der Angriff auf die Stadt zu beginnen - Beatrice stürzte zusammen mit ihrem Ehemann aus dem Haus. Zusammen mit vielen anderen Bewohnern der Stadt Rugari durchquerten sie in jener Nacht und am darauffolgenden Tag einen Wald, um endlich in das Flüchtlingslager Kibumba zu kommen. Doch auch dieses Lager musste sie verlassen, als in der Region neue Kämpfe ausbrachen.
Nun ist sie also in Goma, wo sie auf etwas mehr Sicherheit hofft. Doch tatsächlich ist die Situation der Flüchtlinge auch hier schwierig, denn das Lager ist nur eines von vielen in der Stadt, das in den letzten Tagen sprunghaft angewachsen ist: Zwischen dem 11. Oktober und dem 15. des gleichen Monats stieg die Zahl der Flüchtlinge in Beatrices Lager von 1100 Flüchtlingen auf 1500. Die Caritas hat zwar die Vorräte des Lagers mithilfe der Welternährungsorganisation WFP der Vereinten Nationen wieder auffüllen können. Doch niemand weiß, wie lange die Vorräte reichen werden und wann die nächste Lieferung wieder kommt. Denn von den zwei Nachschubrouten des WFP ist die eine, die durch Uganda führt, oft wegen der Kämpfe zwischen Armee und Rebellen blockiert.
Das Vorratslager des Don Bosco Waisenhauses, das nun auch als Flüchtlingsheim dient, ist noch gut gefüllt, doch ein Blick auf den Abrechnungszettel des Kochs reicht, um zu erkennen, dass diese Fülle an Lebensmittel-Säcken nicht ewig halten wird. Jeden Tag verbraucht er 1,5 Tonnen Maismehl, 300 Kilo Bohnen, 60 Liter Öl, 15 Kilo Salz und 100 Kilo Zucker. Und trotzdem müssen sich jeweils zwei Lagerbewohner einen Teller Essen teilen. Denn insgesamt sind auf dem Don-Bosco Gelände 4500 Münder zu stopfen: Flüchtlinge, Waisen, Kindersoldaten. Sie alle brauchen drei Mahlzeiten am Tag, um zu überleben.
Auch wenn sie momentan nicht viel machen kann, ist Beatrice dennoch zufrieden. Morgens kümmert sie sich um den kleinen Augustin, frühstückt ihre Tasse Bouille, einem landesüblichen Brei aus Mais- und Sojamehl und wäscht die wenigen Kleider, die sie retten konnte. Nachmittags kuckt sie mit den anderen Lagerbewohnern einen Film, hört von Kindern vorgetragenen Gedichten zu, hält mit ihren Nachbarn aus Rugari und anderen Müttern ein Schwätzchen und isst zwischendurch das karge Mittag- und Abendessen. Endlich kann sie sich ein wenig von der langen Flucht erholen - aber dennoch hat sie nur einen Wunsch: "Ich möchte, dass endlich Frieden herrscht, damit ich zusammen mit meinem Mann wieder nach Hause kann!"
November 2008