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Asien

Katastrophenhilfe

Indonesien: Nothilfe nach Erdbeben und Tsunami

Das Trauma besiegen

"Tapaa tapaa, tepee tepee, topoo topoo, boom boom boom!”, brüllen die Kinder aus voller Kehle und brechen in schallendes Gelächter aus, während sie mit ihren Füßen so fest sie können auf den Boden stampfen. Zwischen den Kindern steht Putu Ardika. Er ist Psychologe und freiwilliger Helfer im Nothilfe-Team der Caritas in Palu. Der junge Mann wirkt wach und fröhlich, wenn er mit den Kindern in einer der Notunterkünfte im Dorf Sigi auf Sulawesi spielt. Dabei ist auch er nur knapp den Wassermassen des Tsunamis entkommen.

Caritas Mitarbeiter Putu mit zwei KindernPutu Ardika versucht den Kindern bei der Verarbeitung der schrecklichen Erlebnisse zu helfen. Foto: Shinta Syafariah

 

Das Strandwochenende wurde zum Albtraum

Am 28. September leitete Putu ein Selbsthilfetraining. Es war ein sonniger Freitag und Putus Team beschloss, sich übers Wochenende in einem Ferien-Resort am Strand von Palu zu erholen, um es sich ein bisschen gut gehen zu lassen.
Um 18 Uhr am selben Abend duschte Putu im Hotelzimmer. Da hörte er plötzlich ein lautes Röhren, das aus dem Boden zu kommen schien. Zeitgleich begann das Haus zu wackeln. Putu wurde  von unten nach oben und von rechts nach links geschleudert, als sei er eine Puppe. Kurz darauf endete das Beben. Er rannte aus dem Badezimmer und wollte sich ins Freie retten. Doch die Türen waren verschlossen. Die Einbruchsicherung des Hotels hatte auf das Erdbeben der Stärke 7,4 reagiert und alle Zugänge verriegelt. Putu und sein Kollege Ameng waren eingeschlossen. Erst als es ihnen gelang, eine Fensterscheibe einzuschlagen, konnten sie sich befreien.

Putu wusste sofort: "Tsunami!"

Draußen achtete niemand darauf, dass Putu nur ein Handtuch um die Hüfte trug. Die Menschen rannten schreiend durcheinander. Sein Blick ging sofort zum Meer. Das hatte er kürzlich in einem Katastrophenvorsorgetraining gelernt. Was er sah, versetzte ihn in Angst und Schrecken. Das Wasser brodelte und zog sich weit zurück. Putu wusste sofort: "Tsunami!"  Die meisten Menschen erkannten die Gefahr. In Panik rannten sie auf höher gelegenes Gelände. Auch Putu und Ameng retteten sich auf einen Hügel. Kurz darauf prallte unterhalb von ihnen der Tsunami auf Land und riss alles mit sich.

Der Weg zurück durchs zerstörte Palu

Immer mehr Menschen drängten zu Putus Rettungspunkt. Einige berichteten, dass ihr Dorf oben in den Hügeln völlig vom Beben zerstört worden sei. Putu erinnert sich: "Die Menschen standen dicht an dicht - verängstigt, erschöpft und frierend. Zu Beginn war es ein Summen, doch dann stimmten immer mehr in ein arabisches Gebet ein: ‚Gott ist groß, es gibt keine Macht und keine Kraft außer durch Gott‘. Immer und immer wieder. Ich bin kein Muslim, aber der Satz berührte mein Herz. Er gab uns allen die Kraft, zu überleben. Noch nie habe ich die Größe des Universums so sehr gefühlt wie in diesem Moment."

Ein Mann blickt über die zerstörte LandschaftPutu blickt über seine zerstörte Heimat: "Ich habe mir geschworen, mein Leben den Menschen hier zu widmen, bis alles wieder aufgebaut ist".Foto: Shinta Syafariah

 

Um 18.30 Uhr entschieden Putu und Ameng, zurück nach Palu zu laufen. Sie machten sich große Sorgen um ihre Familien. Kein Strom, kein Licht, totaler Black-out. Putu und Ameng mussten ständig neue Wege suchen, die Straßen waren zerstört, eingestürzte Gebäude versperrten den Weg. Fahrzeuge lagen dort, wo sie die Wassermassen hingespült hatten. Überall lagen Leichen und es roch nach Salz. Nur der Gedanke an ihre Familien ließ sie weiterlaufen. Auf ihrem Weg hielten sie nach Überlebenden Ausschau, die ihre Hilfe benötigten. Aber die Autos und Häuser waren entweder leer oder die Menschen darin tot. Um ein Uhr nachts erreichten sie das Haus von Putus Familie. Sie weinten, während sie einander in den Armen lagen. Und dankten Gott, dass sie noch lebten.

"Den Menschen zu helfen hilft mir, über dieses Erlebnis hinwegzukommen."

Am Tag nach der Katastrophe versuchten die meisten Bewohner Palus, das Katastrophengebiet so schnell wie möglich zu verlassen. Nicht so Putus Familie. Seine Mutter arbeitet als Krankenschwester im Krankenhaus. Sie wollte bleiben und helfen. Angesteckt von der Energie seiner Mutter, entschieden Putu und sein Vater, ebenfalls anzupacken. Als Psychologe schloss sich Putu einem Nothilfeteam der Caritas an, um die Überlebenden der Katastrophe psychologisch zu unterstützen.
Heute ist Putu in einer kleinen Notunterkunft in Balaroa. Dort singen und spielen er und sein Team mit den Kindern. Auf einer großen Wiese neben der Unterkunft unterhalten sie sich einzeln mit den Kindern - über ihre Ängste, Verluste, Hoffnungen und Träume, um diese Katastrophe zu verarbeiten. Als Psychologe weiß Putu, dass die nach und nach eintreffenden Hilfsgüter zwar das körperliche Überleben der Menschen sichern, viele aber nachhaltig traumatisiert sind: "Noch heute höre ich jede Nacht Menschen weinen und schreien."

"Ich bin den Wellen entkommen und habe überlebt. Ich habe mir geschworen, mein Leben den Menschen hier zu widmen, bis alles wieder aufgebaut ist. Aber es ist eine schwierige Arbeit. Die Unterstützung von Caritas international ist sehr wichtig für uns - so können wir auch entlegenere Orte erreichen. Den Menschen zu helfen und ihnen psychologische Unterstützung anzubieten, hilft auch mir, über dieses schreckliche Erlebnis hinwegzukommen", beendet Putu seine Erzählung.

 

Eine Reportage von Shinta Syafariah, Oktober 2018