Im Portrait

Caritas Äthiopien

Sr. Medhin Tesfay

Caritas Äthiopien

Sr. Medhin Tesfay arbeitet in der Diözese Adigrat im Nordosten Äthiopiens. Die Ordensschwester verantwortet als Regionalkoordinatorin ihres Ordens ein von Caritas international mitfinanziertes Straßenkinderprojekt in der Provinzstadt Mekelle.

Da sie selbst in Altena, einem kleinen Dorf in der Grenzregion zu Eritrea, in ärmlichen Verhältnissen aufwuchs, versteht sie die Menschen, mit denen sie arbeitet sowie ihre Lebenssituation gut. Heute gehört sie zu dem einen Prozent Frauen in Äthiopien, die eine akademische Ausbildung durchlaufen haben. Dafür hat Sr. Medhin hart gearbeitet: Im Alter von zehn Jahren beschloss die Regierung, die einzige Dorfschule zu schließen. Um weiter zur Schule gehen zu können, musste das Mädchen fortan jeden Tag weite Strecken zu Fuß in die nächstgelegene Stadt laufen. Für viele äthiopische Mädchen wäre an dieser Stelle die Schulbildung beendet gewesen. Nicht so für Sr. Medhin, wie sie selbst erzählt: "Ich hatte starkes Heimweh, aber ich lebte unter der Woche bei meinem großen Bruder. Das gab mir die Chance, die Schule zu beenden und machte mich stark."

Eine Begegnung, die ihr Leben entscheidend mitprägte

Mit zwölf Jahren kommt sie in Kontakt mit zwei Schwestern, die in einer nahe gelegenen Klinik arbeiten. Neben der Bewunderung für ihre Arbeit lässt das Kind von da an vor allem ein Gedanke nicht mehr los: Weshalb sind es fast ausschließlich europäische Schwestern aus dem Ausland, die sich um die Menschen kümmern und keine Äthiopierinnen, die ihre Brüder und Schwestern pflegen?

Damals spürt Medhin Tesfay zum ersten Mal ein starkes Bedürfnis, selbst aktiv zu werden und Menschen in Not zu helfen. Mit 18 Jahren tritt sie daher 1995 dem Orden der Vinzentinerinnen bei und engagiert sich zunächst mehrere Jahre in der Frauenarbeit. Dann erhält sie die Chance, in Indien Sozialarbeit zu studieren. Dort lernt sie "effektive Sozialarbeit", wie sie sagt. "Man muss das Büro verlassen, zu den Menschen und in die Gemeinden gehen. Nur so lässt sich wirklich ein Effekt erzielen, nur so kann man im Leben der Menschen etwas verändern", erklärt Medhin Tesfay.

Heute koordiniert sie 16 Projekte. Die Entscheidung, ihr Leben den Bedürftigen zu widmen, habe sie keine Sekunde lang bereut. Trotzdem fällt ihr der Dienst an den Menschen manchmal schwer. Denn die Aufgaben der Projektkoordinatorin entsprechen so gar nicht ihrer Natur: Zwischen Papierstapeln, Projektanträgen und Schreibtischarbeit fehlt ihr oft der direkte Kontakt zu den Menschen. Für die Zukunft wünscht sie sich aber nicht etwa weniger Büroarbeit, sondern strebt nach größeren Zielen: "Mein größter Traum ist es, dass alle Menschen gleichbehandelt werden - egal woher sie kommen. Ich bete dafür, dass es eine echte Versöhnung und echten Frieden zwischen allen Nationen gibt. Der aktuelle Friedensprozess zwischen Eritrea und Äthiopien ist ein guter Schritt in die richtige Richtung."

August 2018