zurück

Europa

Chancen für Chancenlose

Russland: Armut in Sibirien

Armut in Sibirien

Die nach dem Niedergang des Kommunismus erfolgte Umsetzung privatwirtschaftlicher Initiativen in Russland erfolgte vorrangig auf Kosten des Gemeinwohls. Von der egalitären Gesellschaft, die Russland vor der Perestroika zu sein vorgab, ist das Land weiter entfernt denn je: Das reichste Fünftel der Bevölkerung Russlands verfügt über knapp die Hälfte des gesamten Einkommens, während das ärmste Fünftel mit rund sechs Prozent auskommen muss. Die Spaltung in Modernisierungsgewinner und -verlierer ist nicht unbedingt überall sichtbar, denn viele alte, kranke oder junge und mittellose Menschen leben hinter privaten Mauern oder in abgelegenen Regionen - wie in den Trabantenstädten in Sibirien.

Ein großer Teil der Bevölkerung ist von der wirtschaftlichen Entwicklung des Landes vollkommen abgekoppelt und kaum in der Lage, seine Grundbedürfnisse zu befriedigen. Knapp ein Viertel der Bevölkerung - das sind rund 35 Millionen Menschen - leben in Russland heute unterhalb der Armutsgrenze. Rentner/innen, kinderreiche Familien und alle, die nur ein geringes Einkommen beziehen, sind besonders armutsgefährdet.

Die ebenso rasante wie unausgeglichene wirtschaftliche Entwicklung der vergangenen Jahre hat zu einer Destabilisierung der russischen Gesellschaft und zu einer breiten Verunsicherung geführt. Früher bestehende gesellschaftliche Bande brachen vielfach auseinander. An die Stelle des sozialen Gefüges trat individueller Erfolg in der von Wettkampf geprägten Arbeitsgesellschaft. Regelte früher ein omnipotenter und vergleichsweise leistungsfähiger Staat das Leben seiner Bürger/-innen, so ist heute ein hohes Maß an Eigenverantwortung unter den Bedingungen unklarer normativer Regelungen erforderlich.

Armut und Krankheit

Einige Kennziffern machen die soziale Polarisierung der russischen Gesellschaft eindrucksvoll sichtbar: Drogendelikte haben sich in Russland zwischen 1990 und Anfang des neuen Jahrtausends verfünfzehnfacht. Alkohol- und Drogenabhängigkeit ist in breiten Teilen der verarmten Schichten zu beobachten: 30 Prozent aller Todesfälle können direkt oder indirekt auf den Missbrauch von Alkohol zurückgeführt werden. Es gibt schätzungsweise fünf Millionen Drogenabhängige. Die Lebenserwartung der russischen Bevölkerung hat sich seit 1990 beständig verringert und beträgt für Männer nur mehr 64 Jahre. Ein Viertel von ihnen stirbt vor dem 55. Lebensjahr. 

Ein weiteres Indiz für die um sich greifende Verarmung der russischen Gesellschaft ist die zunehmende Verbreitung von Tuberkulose. Gleichzeitig ist in Russland eine deutliche Zunahme an HIV-Infektionen zu beobachten. Die Zahl der an der Krankheit Verstorbenen stieg in Russland 2014 im Vergleich zum Jahr davor um fast 10 Prozent auf 24.416 Menschen. Regierungsberater Gennadi Onischtschenko verkündete im April 2018, dass in Russland mittlerweile 990.000 gemeldete HIV-Infizierte leben. Unabhängige Experten sprechen jedoch von 1,5 Millionen Infizierten. Entspräche das der Wahrheit, wäre mehr als ein Prozent der lokalen Bevölkerung HIV-positiv. Beim Tempo der Verbreitung des HIV-Virus steht Russland mittlerweile auf Platz eins in der Welt. Die Gesundheitssysteme sind diesen Herausforderungen in keiner Weise gewachsen. Andererseits ist gerade auch der Medikamentenmangel und der Mangel an Krankenhäusern ein Grund für die Verbreitung von Krankheiten wie Tuberkulose.

Mai 2018