Lokalisierung

Partnerprinzip

Den Partnern Vertrauen schenken

Eine „Lokalisierung“ der Humanitären Hilfe wird in Fachkreisen intensiv diskutiert und vor allem von Organisationen aus dem Süden gefordert. Was es damit auf sich hat und inwieweit das Partnerprinzip von Caritas international eine Variante der Lokalisierung ist, erläutern im Interview Gernot Ritthaler, Koordinator Katastrophenhilfe bei Caritas international, und Ole Hengelbrock, Referent für Grundsatzfragen der Humanitären Hilfe.

Gernot Ritthaler (links) und Ole Hengelbrock„Ein Prozess, in dem Lokalisierung gewagt werden soll“ – Gernot Ritthaler (links) und Ole Hengelbrock über neue Tendenzen in der Humanitären Hilfe.

Worum geht es bei der Lokalisierung der Humanitären Hilfe konkret?

Gernot Ritthaler: Lokalisierung in der Humanitären Hilfe heißt zunächst, dass lokale Akteure der Hilfe an Einfluss gewinnen, dass es eine Umverteilung von den großen internationalen Hilfswerken zu lokalen Organisationen gibt. Das kann bedeuten, dass internationale Hilfswerke ein lokales Büro eröffnen, es kann aber auch dazu führen, dass lokal oder regional aktive Partner die gesamte Umsetzung von Hilfsprojekten übernehmen.

Ole Hengelbrock: Es geht dabei auch um einen Kulturwandel und um Umverteilung von Entscheidungsgrundlagen. Bislang ist es häufig so, dass die großen Hilfsorganisationen das Selbstverständnis haben, über die Vergabe von Geldern und über die Art der Hilfen zu entscheiden. Bei der Lokalisierung geht es darum, zu sehen, dass die Menschen vor Ort wissen, wie sie sich selbst helfen können und was sie dazu brauchen. In den Geberstaaten und in den Organisationen muss dazu ein Umdenken stattfinden.

Warum und in welchen Bereichen ist eine Reform der Humanitären Hilfe – im Sinne der Lokalisierung – sinnvoll und notwendig?

Hengelbrock: Evaluierungen der Humanitären Hilfe zeigen immer wieder sehr deutlich, welche Maßnahmen gut und sinnvoll sind und woran es mangelt. Nehmen wir beispielsweise die Hilfen nach dem Tsunami 2004, die sehr umfangreich evaluiert worden sind. Dabei wurde positiv festgestellt, dass viele Hilfsorganisationen schnell und umfangreich geholfen haben. Es gab weltweit eine große Spendenbereitschaft und viel Solidarität mit den Betroffenen. Auf der anderen Seite wurde viel zu wenig Bezug genommen auf die Selbsthilfeansätze der lokalen Bevölkerung. Die weit verbreitete Nachbarschaftshilfe wurde nicht berücksichtigt, kleine lokale Ansätze wurden von großen Organisationen nicht aufgegriffen. Es gab sogar Hilfsorganisationen, die Güter in die Katastrophengebiete geschickt haben, die dort gar nicht benötigt wurden. Wenn viele Akteure von außen helfen wollen, ohne Partner vor Ort zu haben, ohne Erfahrung in dem betreffenden Land und ohne die nötige Sensibilität, dann muss Hilfe scheitern.

Ritthaler: Ähnliche Fehler wurden nach dem schweren Erdbeben Anfang 2010 in Haiti gemacht, bei dem mindestens 250.000 Menschen ums Leben kamen. Man geht davon aus, dass nach der Katastrophe mehrere Tausend Hilfsorganisationen aktiv wurden. Kritiker bemängelten schon früh, ausländische Geber und Helfer seien aufgetreten, als hätten sie den Schlüssel zur Lösung für die haitianischen Probleme. Viele traten ohne lokale Partner auf, brachten unkoordiniert Hilfsgüter ins Land und richteten mehr Chaos an, als sie halfen. Zwar hatte auch Caritas international Probleme bei der Umsetzung ihrer Wiederaufbauprojekte – nicht zuletzt, weil es an staatlichen Strukturen fehlte, an Fachkräften und teilweise auch an Kompetenzen innerhalb der Caritas. Aber wir haben eng mit unseren Partnern vor Ort kooperiert, mit der Caritas, mit Gemeinden und mit anderen Organisationen. Wir konnten konkret besprechen, an was es mangelt und wo die Hilfe besser werden muss. Das hat die Qualität enorm verbessert.

Sind lokale Akteure also die besseren Helfer? Oder gibt es auch Schwierigkeiten bei der Lokalisierung?

Hengelbrock: Keineswegs dürfen wir auf die Grundsätze der Humanitären Hilfe verzichten – auf die Neutralität, die Unparteilichkeit und die Unabhängigkeit der Hilfen, die zudem bedarfsgerecht, nachhaltig und partnerschaftlich zu leisten sind. Gerade in Bürgerkriegen und Konflikten können und wollen lokale Akteure das nicht immer gewährleisten. Manche haben sich für Menschenrechte oder Minderheitenrechte engagiert und sind selbst gefährdet. Andere werden wegen ihrer religiösen oder ethnischen Zugehörigkeit nicht als neutrale Helfer akzeptiert. In solchen Situationen kann es sinnvoller sein, wenn unabhängige Hilfsorganisationen von außen beteiligt sind. In der Regel aber ist es besser, bei der Hilfe auf lokale Strukturen zu setzen.

Kenia: PACIDA Beratungsteam im Gespräch Wer helfen will muss sich vor Ort gut auskennen. Deswegen stehen wir im engen Austausch mit unseren lokalen Partnern, wie hier mit PACIDA in Kenia. Foto: Bente Stachowske

Sind denn die Geldgeber, also Ministerien, Stiftungen und private Spender, dazu bereit, damit auch ein Stück weit die Kontrolle über ihre Mittel und über die Art der Hilfen abzugeben?

Ritthaler: Es geht dabei um einen Prozess, in dem mehr Lokalisierung gewagt werden soll, nicht um eine schlagartige Umstrukturierung der Humanitären Hilfe. Über Wege dorthin reden wir auch mit Vertretern der zuständigen Ministerien. Es besteht Konsens darin, dass die Hilfe besser wird, wenn Partner vor Ort, die sich auskennen und die Bedürfnisse der Menschen besser kennen, eng in die Prozesse eingebunden sind. Beispielsweise gibt es seit einigen Jahren schon die Country-Based Pooled Funds (CBPFs), ein UN-Instument, in das Mitgliedsstaaten Geld einzahlen, damit im Katastrophenfall schnell geholfen werden kann. Bislang hatten vor allem internationale Organisationen Zugriff auf diese Mittel, jetzt sollen sie auch von lokalen Organisationen genutzt werden können. Die Schwierigkeit besteht oft darin, dass viele Organisatioen im Süden nicht die Mittel und die Erfahrung haben, um selbst an diese Hilfsgelder zu kommen.

Wie kann man das ändern?

Hengelbrock: Indem man auf der einen Seite die Strukturen ändert und auf der anderen Seite die Partner institutionell stärkt. Ein wichtiger Teil der Strategie von Caritas international besteht darin, die Partnerstrukturen in den jeweiligen Ländern zu verbessern, um Katastrophenhilfe und -vorsorge leisten zu können, Mitarbeitende aus- und fortzubilden und teilweise selbst Hilfsgelder zu aquirieren. Das äußert sich beispielsweise darin, dass die Ausstattung der Partner Teil des Projektbudgets geworden ist, damit lokale Mitarbeiter beispielsweise an nationalen und internationalen Treffen teilnehmen und enger in die Planungen eingebunden werden können.

Ist das Partnerprinzip von Caritas international insofern schon eine Form der Lokalisierung?

Ritthaler: Auch bei uns geht es darum, häufiger loslassen zu können und mehr Verantwortung – auch über finanzielle Mittel – abzugeben. Aber sicherlich sind wir dabei weiter als viele andere Akteure der Humanitären Hilfe. Jedes unserer Projekte wird mit Partnern vor Ort durchgeführt, mit vielen arbeiten wir seit Jahren eng zusammen. Wir schenken unseren Partnern Vertrauen; das ist die Basis unserer gemeinsamen Hilfen.

Juli 2018

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