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Europa

Rechte für Kinder

Ukraine: Straßenkinder

Drei in improvisierter Schlafstätte unter der ErdeKinder und Jugendliche schaffen sich eigene Räume für den Rückzug - die Einrichtung zeigt ihre Bedürftigkeit.Foto: Caritas international

Armut hat viele Gesichter. Das der mal bettelnden, oft schlecht ernährten Kinder ist eines davon. Jugendliche, die ohne Orientierung und Aufgabe im öffentlichen Raum abhängen, schnorren, schnüffeln oder verunsichert und vereinzelt da sitzen, ein anderes. Zum Beispiel im Stadtbild von Odessa. Die Situation der Kinder und Jugendlichen in der Ukraine ist ein Symptom der desolaten Lage, in der sich die Ukraine befindet. Die Zahl der so genannten "Sozialwaisen" aus Problemfamilien mit drogen- oder alkoholabhängigen Eltern wächst ständig an.

Bereits im ersten Jahrzehnt des neuen Jahrtausends traf die internationale Wirtschafts- und Finanzkrise das schon damals politisch und ökonomisch instabile Land hart. Die Krise vor der Krise zerbrach den Zusammenhalt vieler Familien. In ländlichen Regionen stieg seither die Arbeitslosigkeit unaufhaltsam. Seit nunmehr vier Jahren schuf dann der bewaffnete Konflikt im Osten des Landes eine gesellschaftliche Krisensituation auf allen Ebenen.

Familien mit Kindern sind besonders hart betroffen, schließlich lebten schon vor Ausbruch des Krieges fast 65 Prozent von ihnen in bitterer Armut. Häufig prägen Arbeitslosigkeit, Alkoholmissbrauch und Gewalt den Alltag am Rande des Existenzminimums. Wie viele Kinder genau vom Krieg betroffen sind, ist nur schwer zu sagen.

Wege ohne Ziel

Die Arbeitslosenrate nahm durch den bewaffneten Konflikt weiter zu. Insbesondere kinderreiche Haushalte schaffen es häufig nicht mehr, die Familie zu ernähren. Es gibt kein funktionierendes Sozialsystem, um extreme Härtefälle abzufedern. Sozialstationen und auch medizinische Notfalldienste mussten in Teilen des Landes geschlossen werden. In vielen Fällen zwingt soziale Not einen oder beide Elternteile, ihre Kinder langfristig der "Obhut" von Großeltern oder Nachbarn zu überlassen und Arbeit im Ausland zu suchen. Viele Kinder, die Zuhause Armut und häufig auch Gewalt erfahren, suchen tagsüber einen Ort zum Verweilen und zum Vergessen  - weg von der Enge und den Streitereien, die sie zu Hause erleben.

Ständiger Hunger verleitet leicht dazu, sich aus dem nächsten Lebensmittelladen oder einer Drogerie zu nehmen, wonach der Körper verlangt. Kleinkriminalität und Prostitution rücken für Kinder und Jugendliche, die tagsüber ohne Familienbezug im öffentlichen Raum der Großstädte verweilen, oft in greifbare Nähe. Um ihrem tristen Alltag zu entkommen und den Hunger nicht ständig zu spüren, schnüffeln einige Kinder regelmäßig Klebstoff oder konsumieren andere Drogen. Der Gesundheitszustand vieler Kinder ist bedenklich, nicht wenige leiden an sexuell übertragbaren Infektionskrankheiten. So ist HIV, zum Beispiel in Odessa, recht präsent: Die Infektionsrate liegt laut dem "Odessa City Center for Prevention and Control of Aids" bei 27 Prozent.

Bereits im Jahr 2012 lebten geschätzte 136.000 Kinder und Jugendliche in der Ukraine unter dem Existenzminimum - genaue Zahlen sind mangels einer offiziellen Statistik nicht zu erhalten. Rund jedes zehnte Kind wuchs schon vor der Krise ohne Obdach auf. Nur wenige Kinder, die nicht ausreichend Obhut genießen, gehen regelmäßig zur Schule, ihr Bildungsniveau liegt daher deutlich unter dem Durchschnitt ihrer Altersgenossen. 20 Prozent der Kinde, die sich in extrem benachteiligten Lebenssituationen befinden, können nicht lesen und schreiben.

Die Partnerorganisation des DCV, The Way Home, begegnet diesen Problemen auf zwei Ebenen. Zum einen leistet sie direkte Unterstützung für die Kinder auf der Straße. Die Kinder erhalten nicht nur materielle Hilfen (Kleidung, Essen, Medikamente), sondern auch psychologische und medizinische Betreuung sowie zahlreiche Bildungs- und Freizeitangebote. Zum anderen arbeitet The Way Home mit Familien in schwierigen Lebenslagen und bietet enge Betreuung für Eltern und Kinder, um ein Abgleiten der Kinder zu verhindern.

Juni 2018