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Europa

Rechte für Kinder

Ukraine: Straßenkinder

„The Way Home“ – weg vom Leben auf der Straße

Junge und Mädchen boxen auf einen SandsackUm stark zu werden, fördert "The Way Home" Kinder in schwierigen LebenslagenBoris Bukhman

Der Krieg in der Ostukraine macht immer mehr Menschen zu Heimatlosen: 1,5 Millionen Menschen in der Ukraine gelten als "intern Vertriebene", also als Flüchtlinge im eigenen Land. Besonders prekär ist die Lage für diejenigen, die bereits zuvor kein sicheres Zuhause hatten: Kinder, die tagsüber auf der Straße ihre Zeit verbringen und ohne Obhut sind, können sich nicht auf ihre Familien verlassen. Gerade in dieser Krisensituation brauchen die Tausenden von Mädchen und Jungen weiterhin Unterstützung. Deshalb setzt Caritas die Zusammenarbeit mit dem langjährigen Projekt "The Way Home" fort.

Hilfe für Kinder ohne ein sicheres Zuhause

Bereits vor dem Krieg lebten in Odessa viele Kinder ohne ein sicheres Zuhause. Viele verweilen tagsüber auf der Straße und sind ohne Obhut, wenngleich sie nachts meist bei Familienangehörigen übernachten. Die von Caritas international gestützte Partnerorganisation "The Way Home" gründete sich anfang des Jahrtausends, um Kinder und Jugendliche tatkräftig unterstützen zu können, die aufgrund von Armut und sozialen Problemen ihrer Familien keinen sicheren Ort haben, nicht gefördert werden oder nicht zu Schule gehen.

Wegen des Kriegs suchen zudem Flüchtlinge aus der Ostukraine und aus der Krim Schutz in Odessa. Viele haben keine angemessene Wohnung und leiden unter der Notsituation, unter ihnen viele Kinder. "The Way Home" bietet unter anderem Notschlafstellen für Kinder und Jugendliche an, die nicht mehr zu Hause bleiben können.

"Am Anfang sieht das Leben weg von der Familie so toll aus, aber am Ende merkt man, dass alles nur eine Illusion ist." Das sagt Sergey Kostin, der es wissen muss: Als Leiter der von Caritas international gestützten Partner-Organisation "The Way Home". Die Organisation holt seit 16 Jahren desillusionierte Kinder und Jugendliche in die Kinderzentren, führt sie zurück in die Gesellschaft und engagiert sich für Aidskranke. Denn 27 Prozent der Straßenkinder in Odessa tragen den HI-Virus in sich. Sergey Kostin kennt das Leben "ganz unten" nicht nur aus beruflicher Erfahrung, sondern aus seiner eigenen Biographie.

Er war Anfang der 1990er Jahre abhängig von schweren Drogen und musste hilflos zusehen, wie viele seiner Freunde an einer HIV-Infektion starben. "Die Drogen", sagte er später, "waren der Anfang. Damals, in den 1990er-Jahren, als hier alles vor die Hunde ging, gab es plötzlich überall Drogen. Man musste sie nicht aufwändig suchen, man stoplerte dauernd über sie. Auch ich fing bald an zu spritzen. Die Nadeln wurden weitergereicht, und so begann HIV um sich zu greifen. Wir hatten ja alle keine Ahnung davon."

Kostin wollte etwas dagegen tun und bat die örtlichen Behörden in der ukrainischen Stadt Odessa um Hilfe. Ohne Erfolg. Also begann Sergey, Kleider zu sammeln und sie an Obdachlose zu verteilen. Darunter waren so viele Kinder und Jugendliche, dass Sergey beschloss, sich auf die Hilfe für sie zu konzentrieren.

Das war 1996. Inzwischen ist "The Way Home" eines der bedeutendsten und renommiertesten Straßenkinder- und Aidsprojekte Osteuropas. Sergey Kostin erhielt für seine glänzende Arbeit mehrere Auszeichnungen. Die schönste verlieh ihm vielleicht das österreichische Magazin "News" -  nicht mit Gold und Silber, sondern mit Worten: Ohne die Organisation "The Way Home", so schrieb das Maganzin, wäre "die Hafenstadt Odessa, die Aids-Hochburg der Ukraine, wohl vollends verloren."

Eine Sozialarbeiterin bei einer jungen Frau"Nah dran sein" ist für die Sozialarbeiter/innen ein entscheidender VorteilFoto: The Way Home

Mobil unterwegs

In der Tat leistet "The Way Home" mit mobiler Jugendarbeit sowie mit sieben institutionellen Zentren einen Mammutanteil der Sozialarbeit in Odessa und füllt so Defizite, die der Staat hinterlässt. Die aufsuchende Jugendarbeit leitet Ina Nikivarovn . Sie kennt - wie Sergey - das Leben auf der Straße auch aus eigener Erfahrung: Ina N. gehörte selbst zehn Jahre lang zur Zielgruppe. Drogenexperimente und Straßenleben haben ihr Leben geprägt.

Ob nicht mancher Personalchef in Deutschland geschockt wäre, dass eine Person mit diesem Background in leitender Position eingestellt wird? Für die Sozialarbeit auf der Straße freilich hat gerade dieser Hintergrund einen entscheidenden Vorteil: Ina genießt, wie die Caritas-Beraterin Irene Berger festgestellt hat, unter den Jugendlichen eine hohe Akzeptanz.

Für die mobile Jugendarbeit stehen im Projekt zwei Kleinbusse zur Verfügung, mit denen die Sozialarbeiter/innen täglich ausfahren, um Kinder  und Jugendliche an ihren Treffpunkten und Aufenthaltsorten aufzusuchen. Das sind meist ungenutzte Kellerräume, Hohlräume, in denen Heizungsrohre und Wasserleitungen verlaufen oder leer stehende Häuser. Mit dem Bus wird Essen ausgefahren sowie Medikamente für die medizinische Notversorgung. Die beiden Sozialarbeiter hören den Problemen der Jugendlichen zu, beraten sie bei der Suche nach Lösungen und bieten Trainings zu Themen wie Drogenkonsum oder HIV/Aids an.

Gruppenbild von KindernThe Way Home bietet ein breites Angebot an Betreuungs- und Unterstützungsmaßnahmen für Kinder und Eltern an. Ziel ist es, die vertriebenen Kinder und ihre Familien bei der Integration zu unterstützen. Foto: Kathrin Göb / Caritas international

Vielfältige Hilfe für Kinder und Jugendliche

Neben dieser Arbeit bietet "The Way Home" in mehreren Zentren vielfältige Formen von Hilfe an. So gibt es beispielsweise ein Jugendwohnheim mit 25 Schlafräumen und diversen Angeboten für die Jugendlichen. Dazu gehören Hausaufgabenhilfen und Hilfe bei der beruflichen Orientierung, aber auch Musik, Tanz und Theater, Fernsehen, Sport und thematische Gruppenangebote. Sie behandeln Themen wie HIV/Aids, Kinderrechte, Gesundheitsfragen. Eine Familienberatungsstelle ist ein Anlaufpunkt für Familien, in denen beispielsweise Alkohol und Gewalt die Familien zerrütteln. Das Hilfsangebot beinhaltet Rechtsberatung, Begleitung zu Behörden für die Inanspruchnahme von Hilfen, Begleitung zu medizinischer Behandlung und Trainings zu diversen rechtlichen Fragen, die für die Familien von Belang sind.

Zudem wurden zwei Kindertagesstädten für drei- bis sechsjährige Kinder eingerichtet, deren Eltern sich die Kindergartengebühren ansonsten nicht leisten könnten. Auch medizinische und psychologische Unterstützung sowie Therapieangebote zählen zum Hilfsangebot von "The Way Home".

Juni 2018