Ein Beitrag von Stefanie Santo
Referentin bei Caritas international
09. April 2026 / Lesedauer: 7 Minuten
Stefanie Santo, Redakteurin bei Caritas international, und die Fotografin Bente Stachowske haben das SETI-Team eine Woche lang begleitet.
Karma arbeitet konzentriert am pinken Turm, begleitet von Iman Noshy von SETI/Caritas und ihrer Mutter (rechts). Es wird wenig gesprochen – die Vierjährige darf in Ruhe ihren eigenen Lernweg entdecken.Foto: Bente Stachowske / Caritas international
Karmas Herausforderung ist pink: Zehn pinke Würfel, alle unterschiedlich groß, sollen zu einem Turm gestapelt werden. Trainerin Iman Noshy hat ihr einmal gezeigt, wie es geht - den größten Würfel nach unten, den kleinsten nach ganz oben. Doch die Aufgabe bleibt knifflig. In der Mitte des Bauwerks vertauscht Karma die Reihenfolge. Der Turm sieht jetzt seltsam aus und Karma wirkt ziemlich unglücklich.
Wir sind zu Besuch im SETI-Zentrum in Kairo. Seit rund vierzig Jahren arbeitet die Organisation unter dem Dach der ägyptischen Caritas mit Kindern, die eine kognitive Einschränkung oder eine Lernbehinderung haben. So wie Karma. Die Vierjährige hat das Down-Syndrom und wird seit rund einem Jahr bei SETI gefördert. Durch ein kleines Sichtfenster in der Tür dürfen wir sie heute bei einer Montessori-Lernstunde beobachten. Der "pinke Turm" ist eines von zahlreichen Montessori-Materialien.
Gerade will Karma aufgeben. Energisch schiebt sie ihren Stuhl vom Tisch, läuft zur Tür, beginnt die Türklinke hinunterzudrücken. Aber schon sind Iman Noshy und auch Karmas Mutter Yasmin Said zur Stelle und ermutigen sie mit lieben Worten, es nochmal zu versuchen. "Es ist wichtig, dass die Kleine die Aufgabe mit einem Erfolgserlebnis beendet", erklärt mir später Dr. Nadia Abdallah, die als Kinderärztin die Abteilung Familienrehabilitation bei SETI leitet. "Das stärkt ihr Selbstvertrauen - auch für die nächste Übungsstunde."
Karma fällt es noch schwer, sich über längere Zeiträume zu konzentrieren. Aber ihre Trainerin Iman Noshy schafft es immer wieder, sie zum Weiterüben zu ermutigen. Foto: Bente Stachowske / Caritas international
Glück statt System
Dass Karma hier lernen kann, ist pures Glück. In Ägypten erhalten laut SETI nur etwa drei von einhundert Kindern mit Behinderung jene Frühförderung, die sie brauchen. Zwar sind ihre Rechte längst gesetzlich verankert - doch passende Angebote gibt es kaum. Auch Karmas Weg zu Therapie und Förderung war kein Ergebnis eines verlässlichen Systems, sondern Zufall: Eine Fernsehjournalistin erwähnte SETI in einer ihrer Reportagen über Menschen mit Behinderung. Karmas Mutter sah den Beitrag - und griff zum Telefon.
"Als wir Anfang Februar 2025 zu SETI kamen, konnte Karma weder sprechen noch laufen", erzählt sie. "Die Menschen um uns herum waren überzeugt, dass das auch so bleiben und Karma nichts dazulernen wird." Viel zu oft verstreichen die für die Entwicklung so wichtigen ersten Jahre ohne adäquate Förderung, das hören wir immer wieder während unseres Besuchs. Und auch die Kinderärztin Dr. Nadia Abdallah bestätigt diesen Eindruck: "Bevor die Familien zu uns kommen, wissen sie oft gar nicht, was sie mit ihren Kindern anfangen sollen. Die Kleinen verbringen ihre Tage meist im Bett oder auf dem Küchenboden, werden gefüttert und gewickelt - aber kaum angesprochen. Viele Mütter glauben, ihr Kind würde sie ohnehin nicht verstehen."
Ärzte machen einen Unterschied
Die Gründe für die fehlende Frühförderung sind vielfältig. Es mangelt an Anlaufstellen, gut ausgebildetem Personal - und an Ärztinnen und Ärzten, die für das Thema Behinderung sensibilisiert sind. "Bekomm ein neues Baby" oder "das Kind wird nie etwas lernen" - solche Sätze hören viele Mütter direkt nach der Geburt, erzählt uns Dr. Nadia Abdallah. Was fehlt, sind Zuspruch, Informationen und das Weiterverweisen an Organisationen, die unterstützen und fördern können.
Um das zu ändern, arbeitet SETI seit Jahren mit der medizinischen Fakultät der Newgiza-Universität in Kairo zusammen - ein Projekt, das Dr. Abdallah besonders am Herzen liegt. Bereits im zweiten Semester verlassen die angehenden Ärzt_innen den Hörsaal und tauchen bei SETI in die Praxis ein. Zwischen Spielteppichen und Therapieräumen erwerben sie fundiertes Wissen über kognitive und Lernbehinderungen, begegnen betroffenen Familien und erleben aus nächster Nähe, wie entscheidend fachliche Kompetenz und Orientierung für den Alltag und die Entwicklung von Kindern mit Behinderung sind.
Radikal ressourcenorientiert
Aber vor allem erleben die Studierenden einen Perspektivwechsel: Nicht Defizite stehen bei der Arbeit mit Kindern mit Behinderung im Mittelpunkt, sondern ihre Möglichkeiten. SETI richtet den Blick radikal auf Ressourcen - und das prägt den Ton jeder Begegnung.
Ermutigung, Applaus und die Freude über kleine Erfolge prägen die Atmosphäre bei SETI. Foto: Bente Stachowske / Caritas international
Auch wir spüren das, während wir Karmas Lernstunde beobachten: Die Atmosphäre ist herzlich, es wird viel gelobt und gelacht, bei kleinen Fortschritte wird freudig applaudiert und auch Fehler sind erlaubt. "Wir sagen den Kindern niemals: ‚Das ist falsch‘ oder ‚Das hast du nicht richtig gemacht‘", berichtet Janet Samir, Psychologin in der SETI-Frühförderung. "Die meisten Montessori-Materialien sind ohnehin so gestaltet, dass das Kind den Fehler selbst erkennt und eigenständig korrigieren kann."
Das sehen wir auch bei Karma, die ihre kleinen Hände entschlossen um die Würfel legt und beginnt, den Turm neu aufzubauen. Diesmal soll es klappen, sagt ihr Gesichtsausdruck. "Das Montessori-Material passt gut zu unseren Kindern hier, weil es eine ganzheitliche Förderung ermöglicht", erklärt uns Samir, während Karma munter ausprobiert. Und auch wir beginnen die Ganzheitlichkeit des Ansatzes zu entdecken: Beim Tragen, Stapeln und Ausrichten der Würfel trainiert Karma ihre Grob- und Feinmotorik. Sie entwickelt ein Gefühl für Größenverhältnisse, das ihr später beim Rechnen helfen wird, und sie verknüpft die Worte ihrer Trainerin mit ihren eigenen Erfahrungen.
Karma lernt bei SETI über sich hinauszuwachsen. Doch die Warteliste der Organisation ist lang: Zu viele Kinder mit Behinderung bleiben zu lange ohne Förderung. Deshalb hat sich SETI in den vergangenen Jahren zu einem Fortbildungsinstitut weiterentwickelt.
Wissen weitergeben
"Es braucht mehr lokale Träger, die qualitativ hochwertige Arbeit leisten können", betont auch Dr. Nadia Abdallah. SETI nutzt deshalb die Erfahrungen aus der direkten Arbeit mit Kindern wie Karma, um tragfähige Konzepte zu entwickeln und sie weiterzureichen - auch über die Stadtgrenzen von Kairo hinaus. Wie das konkret aussieht, erfahren wir, als wir einen Workshop besuchen, den SETI mit den Teams zweier Kindertageseinrichtungen durchführt. Zwischen Moderationskarten, Lernpostern und Flipcharts brüten die rund 20 Teilnehmenden gerade über ihren Evaluationsbögen. Es ist die vorerst letzte Session einer Fortbildung: Wie sieht ein zeitgemäßer Kinderschutz aus? Wie erfasst man den Entwicklungs- stand eines Kindes? Wie arbeitet man ein individuelles Förderprofil aus? - das waren nur einige der kniffligen Fragestellungen. Der nächste Schritt wird in den Einrichtungen stattfinden, als "Training on the Job".
Damit in Ägypten in Zukunft mehr Kinder mit Behinderung von hochwertiger Förderung profitieren, teilt SETI sein Know-how, hier unter anderem mit den Mitarbeitenden zweier Kindertageseinrichtungen. Foto: Bente Stachowske / Caritas international
Neben Kindertageseinrichtungen bildet SETI auch Mitarbeitende anderer Organisationen, staatlicher Stellen und Schulen fort und ist gleichzeitig zu einer gefragten Ansprechpartnerin für Politik und Verwaltung geworden. Ministerien wenden sich an die Organisation, wenn es um fachliche Orientierung geht: So wirkt SETI an der Überarbeitung von Lehrplänen für die frühkindliche Bildung mit und ist Autorin von Handbüchern und Aufklärungsmaterialien zur Früherkennung von Behinderungen.
Was sie aus dem Workshop mitnehme?, fragen wir Asmaa Adel, Erzieherin und eine der Teilnehmerinnen. "Wie wichtig es ist, die Familie miteinzubeziehen", antwortet sie überzeugt. "Sie ist die Keimzelle von Inklusion."
Familie als Keimzelle von Inklusion
Das zeigt sich auch in der Montessori-Lernstunde: Während Karma mit den Würfeln arbeitet, sitzt ihre Mutter direkt neben ihr und beobachtet aufmerksam jeden Schritt. "Wir sind kein Ganztagsbetreuungszentrum, wir sehen jedes Kind nur ein- bis zweimal pro Woche", erklärt uns Dr. Nadia Abdallah. "Deshalb ist es wichtig, dass Förderung auch zu Hause stattfindet."
Karmas Mutter schaut den Trainerinnen genau zu. Am Ende jeder Übungsstunde bekommt sie einen Hausaufgabenplan, damit ihre Tochter das Gelernte auch zu Hause weiter üben kann. "Wir lernen mit Karma in kleinen Einheiten über den gesamten Tag verteilt. Am Nachmittag übernimmt das ihr Bruder. Karma nimmt sehr gerne etwas von ihm an", erzählt sie uns lächelnd.
Mit den Montessori-Farbtäfelchen erlernt Karma die Grundfarben Blau, Gelb und Rot. Ihre Mutter leitet die Übung an, Iman Noshy von SETI beobachtet sie dabei und gibt ihr später Rückmeldung. Foto: Bente Stachowske / Caritas international
Funktionieren solche Übungen wirklich zuhause?, fragen wir die Psychologin Janet Samir. Während der Montessori-Raum im SETI-Zentrum auf uns wie eine kleine, wohlgeordnete Oase der Ruhe wirkt, sieht der Alltag in den Familien anders aus. Viele sind arm, leben in beengten Verhältnissen und ohne Rückzugsraum. "Das Üben zuhause kann herausfordernd sein", bestätigt uns Samir. "Karma beispielsweise lässt sich schnell ablenken, das ist für ihre Mutter nicht einfach." Also wird improvisiert. Wir hören von Betten, die zu Ruheinseln umfunktioniert werden, von einfarbigen Tüchern, die einen klaren Rahmen für das Übungsmaterial schaffen. Und von Geschwisterkindern, die bewusst einbezogen werden, damit sie nicht stören und Aufmerksamkeit für sich selbst einfordern.
Als ich Karmas Mutter nach ihren Wünschen für die Zukunft ihrer Tochter frage, antwortet sie ohne Zögern: "Ich wünsche mir, dass sie zu jemandem heranwächst, der anerkannt ist und wertgeschätzt wird. Dass die Gesellschaft sie nicht vorrangig als behinderte Person wahrnimmt, sondern als Karma." Weil dieser Weg noch weit ist und beständiger Arbeit bedarf, hat SETI Müttergruppen ins Leben gerufen.
Fester Halt, politische Stimme
Eine solche Müttergruppe wollen wir nun besuchen. Als wir ankommen, ist der Saal noch halb leer. Hier finden die wöchentlichen Treffen statt, die von der SETI-Mitarbeiterin Hanaan Nicolas angeleitet werden. Nach und nach füllt sich der Raum. Stimmen mischen sich, Stühle rücken, Lachen hallt durch die Reihen. Eine warme, lebendige Unruhe breitet sich aus. Zur Begrüßung umarmen sich die Frauen, und wir beginnen zu verstehen: Das ist mehr als ein Treffen. Die Frauen hier verbindet ein festes Band: Jede von ihnen hat ein Kind mit Behinderung.
Das heutige Treffen dreht sich um inklusive Bildung - oder genauer gesagt: um das, was daran nicht funktioniert. "Die Lehrkräfte in der Schule sind nicht ausgebildet", kritisiert eine Mutter. "Sie können nicht differenzieren." Eine andere schlägt mit der Hand auf den Tisch: "Meinen Sohn überhaupt in einer Schule anzumelden, war ein Kampf - obwohl das Recht klar garantiert ist." Eine Dritte erzählt augenzwinkernd, wie sie die Mitschüler_innen ihres Kindes mit Süßigkeiten bestochen hat. "Jetzt spielen sie zusammen!" Der Saal bricht in Gelächter aus.
Einmal pro Woche finden die Treffen der Müttergruppen statt, die von einer SETI-Mitarbeiterin angeleitet werden.
Foto: Bente Stachowske / Caritas international
Bei aller Leichtigkeit: Der Druck, der auf den Frauen lastet, ist spürbar - und die Bedeutung der Gruppe kaum zu überschätzen. Die Mütter stützen sich emotional, tauschen Erfahrungen aus, beraten sich gegenseitig und knüpfen ein Netz der Hilfe dort, wo staatliche Unterstützung oft fehlt.
Doch dabei bleibt es nicht: Gemeinsam mit der SETI-Gruppenleiterin formulieren sie politische Forderungen, die sie über den Beschwerdemechanismus des Nationalen Rats für Menschen mit Behinderungen direkt an die ägyptische Politik herantragen. Auf dem Papier steht vieles, in der Praxis funktioniert es oft nicht - so lautet ihre Botschaft. Dass Eglal Chenouda, Direktorin von SETI und Vorständin im Rat, diesen Prozess begleitet, verschafft ihren Anliegen zusätzlich Gehör. Sie bündelt die Forderungen und bringt sie in politische Entscheidungsprozesse ein. Immer in der Hoffnung, Kindern mit Behinderung ein selbstbestimmteres Leben zu ermöglichen.
Wie das gelingen kann, sehen wir im Übungsraum. Karmas Turm steht. Zehn Würfel, richtig gestapelt, in pinker Pracht. Karma bejubelt sich selbst. Ihre Mutter und ihre Trainerin klatschen Beifall. Es ist ein kleiner Erfolg. Und einer, der tragen wird.