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Santo,  Stefanie

Ein Beitrag von Stefanie Santo
Referentin bei Caritas international
27. März 2026 / Lesedauer: 5 Minuten

Deutschland Projekt

Arbeit bedeutet Selbstbestimmung. Aber für viele Ägypter_innen mit Behinderung bleibt ein Job unerreichbar. Die Organisation SETI unter dem Dach der ägyptischen Caritas ebnet ihnen mit viel Erfahrung und hoher Einsatzbereitschaft den Weg in den Arbeitsmarkt.

Unterstützt wird sie dabei vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ). Stefanie Santo von Caritas international und die Fotografin Bente Stachowske haben SETI/Caritas eine Woche lang begleitet.

Marvel Ashraf starrt auf den Bildschirm seines Handys. Die Navigations-App zeigt eine klare Route, doch der Fahrer unseres Kleinbusses folgt seiner eigenen Erfahrung. Vor der Windschutzscheibe breitet sich ein schier endloses Meer aus Stoßstangen aus, begleitet vom Hupen der Autos, die Luft schwer von Abgasen. Kairo im Abendverkehr. Ashraf seufzt. Er will nach Hause und uns seiner Familie vorstellen. Seit mehreren Monaten legt er diese Strecke fast täglich zurück. Es ist sein Arbeitsweg zu Luna Cosmetics, einem Unternehmen am Stadtrand von Kairo.

Arbeit als Ausnahme
Dort haben wir den 26-Jährigen einige Stunden zuvor kennengelernt. Als wir die Tür zur Betriebskantine von Luna aufstoßen, empfängt uns ein Gewirr aus Stimmen, Lachen, Stühlerücken und klapperndem Besteck. Punkt zwölf Uhr bahnt sich Ashraf seinen Weg zwischen den gut besetzten Tischen hindurch, das Tablett fest in seinen Händen. Er lächelt schüchtern und setzt sich dann zu einer kleinen Gruppe von Kollegen. Mittagspause. Erst einmal essen, dann reden.

Ashraf lebt mit einer kognitiven Behinderung. Ein Job, eine gemeinsame Mahlzeit mit Kolleg_innen ist für Menschen wie ihn alles andere als eine Selbstverständlichkeit.

Dabei hat sein Heimatland Ägypten eine starke Gesetzgebung zugunsten von Menschen mit Behinderung. Unternehmen mit mehr als 20 Beschäftigten sind dazu verpflichtet, fünf Prozent ihrer Stellen mit Menschen mit Behinderung zu besetzen. Doch zwischen Gesetzestext und Realität klafft eine Lücke: Viele Betriebe schließen zwar formale Verträge mit Betroffenen und zahlen ihnen ein minimales Gehalt, erwarten aber gar keine Arbeitsleistung. "Für die Unternehmen ist das eine Win-Win-Situation", erklärt uns Eglal Chenouda, die die Organisation SETI leitet. "Sie müssen keine Strafen zahlen, wähnen sich sozial und sparen sich den Aufwand einer Einarbeitung."

Echte Chancen statt Alibi-Jobs

Für das Team von SETI ist diese Praxis nichts anderes als Diskriminierung. Die Organisation bildet Menschen mit Behinderung aus, die arbeiten wollen, vermittelt sie an Arbeitgeber, die bereit sind, echte Chancen zu eröffnen - und begleitet beide Seiten in diesem Prozess. Besonders herausfordernd: SETI legt den Schwerpunkt auf Menschen mit kognitiven Einschränkungen und Lernbehinderungen, die besonders großen Vorurteilen ausgesetzt sind.

Von Vorbehalten hören wir auch bei Luna Cosmetics. Während Ashraf in der Kantine zu Mittag isst, sitzen wir mit dem Produktionsleiter Raymond Zehny und dem Personalverantwortlichen Emad Fawzy in einem kleinen Büro. Wir tragen mittlerweile Schutzanzüge, die Hygieneregeln bei Luna sind streng. Durch die geschlossene Tür dringt leise das Rattern der Maschinen. "Ich bin dafür verantwortlich, dass die Zahlen stimmen", sagt Zehny. Immer wieder unterbricht das Klingeln seines Handys unser Gespräch. "Das bedeutet Druck." Anfangs, erzählt er, habe er ernsthaft gezweifelt, ob Inklusion in der Produktion funktionieren könne.

Fawzys Bedenken gingen in eine andere Richtung. "In einem Betrieb wie diesem kann immer mal was passieren. Wie stellen wir sicher, dass sich Kolleginnen und Kollegen mit Behinderung rechtzeitig in Sicherheit bringen können?" Auch das Miteinander im Team machte ihm Sorgen: "Meine größte Befürchtung war, dass nicht alle ausreichend sensibilisiert sind, um respektvoll mit den neuen Mitarbeitenden umzugehen."

Heute sind die meisten dieser Ängste verflogen. Zehny ließ den neuen Kolleg_innen bewusst Zeit, um anzukommen - ohne Nachfragen, ohne Druck. "Und dann habe ich gemerkt", sagt er, "unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mit Behinderung besitzen gute Fähigkeiten. Es braucht nur jemanden, der sie erkennt und fördert."

Begleitet statt allein gelassen

Wie gut das bei Marvel Ashraf funktioniert hat, wird deutlich, als wir ihn an seinem Arbeitsplatz besuchen. Konzentriert faltet er Seifenverpackungen, mehrere tausend Stück werden es bis zum Abend sein. "Wenn ich fertig bin, gebe ich sie weiter an meine Kolleginnen. Sie füllen die Schachteln mit Seife", erklärt er uns. Eng an seiner Seite stehen Mona Mohamed und Heba Halim. Sie sind nicht nur Ashrafs Kolleginnen. Sie sind seine "Jobcoaches", seine Schlüsselmenschen sozusagen. Am Anfang sei Marvel ängstlich, unsicher und ein wenig durcheinander gewesen, erzählen die beiden. "Aber wir haben ihm gesagt: Mach dir keine Sorgen, wir kriegen das gemeinsam hin. Immer wieder haben wir ihm die Schachteln vorgefaltet - und heute macht er das perfekt."

Die beiden Frauen wurden von SETI ausgebildet. "Am Anfang haben sie uns einfach über die Schulter geschaut", erklärt Maryam Adel, die als Referentin im Bereich Arbeitsmarktinklusion tätig ist. "Sie haben beobachtet, wie wir Marvel die Arbeitsschritte erklären, wie wir sie veranschaulichen, Feedback geben - und dann nach und nach selbst diese Rolle übernommen." Die Jobcoaches berichten nun nach allen Seiten: Sie sprechen mit Vorgesetzten, mit der Familie von Ashraf und mit SETI. "Sobald wir aus dem Unternehmen raus sind, sind sie unsere Augen und Ohren", so Adel.

Das "Training on the job” ist nur der letzte Schritt in SETIs Begleitung. Schon lange davor bereiten die Mitarbeitenden ihre Klientinnen und Klienten mit Behinderung auf das Berufsleben vor. In ihrem Tempo, Schritt für Schritt. "Am Anfang geht es um einfache, aber entscheidende Dinge", erklärt SETI-Direktorin Eglal Chenouda. "Warum ist Pünktlichkeit wichtig? Wie plane ich meinen Weg zur Arbeit? Was ziehe ich an? Wie verhalte ich mich gegenüber Kollegen und Vorgesetzten? Und schließlich: In welchem Bereich möchten ich arbeiten, wo liegen meine Stärken?"

Auch Marvel Ashraf hat dieses Training absolviert. Als sich die Möglichkeit ergab, zu Luna zu wechseln, bereitete er sich mit SETI gezielt auf die neue Aufgabe vor - mit dem Wissen, das er zuvor in den Kursen gelernt hatte.

Pläne für ein eigenes Leben

Als wir Kairos überfüllte Straßen hinter uns lassen und endlich bei Ashrafs Familie ankommen, sind wir erleichtert. Tee dampft auf dem Tisch, Kuchen steht bereit. Ashrafs Eltern und sein Bruder begrüßen uns herzlich.

"Was machst du denn abends, wenn du nach Hause kommst?", frage ich, als wir alle im Wohnzimmer einen Platz gefunden haben. "Dann kriege ich Riesenhunger", sagt Ashraf grinsend, "und bin viel zu müde, um zu helfen." Seine Mutter lacht laut auf. "Immerhin deckt er den Tisch - und dann erzählt er von seinem Arbeitstag. Ohne Punkt und Komma!" Sein Vater nickt zustimmend. "Marvel liebt seinen Job, seine Kollegen, das Leben, das er jetzt führt. Er hat Selbstvertrauen gewonnen, ist redseliger und offener als früher. Deshalb ermutigen und unterstützen wir ihn, wo wir nur können."

Von einzelnen Erfolgen zu landesweiten Chancen
Marvel Ashrafs Erfolg ist genau das, was SETI für alle jungen Ägypter_innen mit kognitiver Behinderung erreichen möchte. Im Tagungsraum des SETI-Zentrums bekommen wir eine Idee davon, wie das gelingen kann.

Als wir den Saal betreten, herrscht konzentriertes Zuhören: SETI-Direktorin Eglal Chenouda doziert vor rund zehn Mitarbeitenden des ägyptischen Kommunikationsministeriums. Sie betreiben TAHEEL, eine nationale Jobplattform im Internet, die Menschen mit Behinderung mit inklusiven Arbeitgebern vernetzt und unter anderem auch Workshops anbietet: überzeugende Lebensläufe schreiben, ein professionelles LinkedIn-Profil anlegen und vieles mehr.

Auf Menschen mit Seh- oder Hörbehinderung seien die Angebote gut angepasst und weitgehend barrierefrei nutzbar, so die Einschätzung des TAHEEL-Teams. Bei Teilnehmenden mit kognitiven Beeinträchtigungen oder Lernbehinderungen stoßen die Trainerinnen und Trainer jedoch oft an ihre Grenzen. "Ich bekomme keinen Zugang, und die Aufmerksamkeit meiner Klienten lässt schnell nach", berichtet ein Ministeriumsmitarbeiter. Und genau hier setzt SETI an.

"Verwenden Sie kurze, einfache Sätze - und unterstreichen Sie das Gesagte mit Bildern oder Gesten", rät Chenouda. Schritt für Schritt erkennen die Ministeriumsmitarbeitenden: Ihre Trainings müssen neu konzipiert werden - weg vom reinen Vortrag, hin zu Lernformen, die wirklich ankommen. Dabei geht es um mehr als Methoden oder Didaktik, das haben wir während unserer Zeit bei SETI verstanden. Es geht um Zukunft. Um Selbstbestimmung. Um Träume, die Gestalt annehmen können.

Marvel Ashraf ist diesem großen Ziel schon sehr nahe - unterstützt von seiner Familie und SETI. "Durch seinen Job hat Marvel auch angefangen, über seine Zukunft nachzudenken", erzählt uns sein Vater und lächelt stolz. "Unser Junge spart Geld, träumt von Heirat und einer eigenen Wohnung. Unser Nachbar zieht bald aus. Das wäre schon eine Möglichkeit."

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