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Beispiellose Hilfsaktion

Meilenstein und Lehrstück Biafra

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Beispiellose Hilfsaktion

Meilenstein und Lehrstück Biafra

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Noch heute sind in den Köpfen die schrecklichen Bilder von Hunger und Krieg in Biafra eingebrannt. Aber auch die unbändige Hilfe, die geleistet wurde, ist heute noch präsent. In den Hilfsorganisationen und in ihrer Arbeitsweise.

Über drei Jahre lang war die Region Biafra verwickelt in einen Bürgerkrieg für die Unabhängigkeit von Nigeria. Als Antwort wurde der Landzug von der nigerianischen Regierung isoliert - weder Hilfe, noch Nahrungsmittel kamen hinein.

Beispiellose Hilfsaktion

Spätestens, als Fotos von hungernden Kindern mit aufgeblähten Bäuchen in europäischen Zeitungen landeten, bekam der Krieg und die folgenden zivilen Schäden die ungeteilte Aufmerksamkeit des Westens. Hilfsallianzen bildeten sich, Menschen gingen gegen die Gewalt und den Hunger in Biafra auf die Straße.

Gemeinsam mit 25 kirchlichen Hilfswerken organisierte Caritas international die größte Luftbrücke nach dem 2. Weltkrieg. Nachts und unter Beschuss der nigerianischen Streitkräfte versorgte die extra gegründete “Joint Church Aid” mehr als 1,8 Millionen Menschen und bewahrte sie so vor dem Hungertod.

Die ersehnten Hilfsgüter werden in Biafra ausgeladen. In 5.310 Flügen wurden mehr als 60.000 Tonnen Hilfsgüter in das Hungergebiet gebracht.  (Foto: Sécours Catholique/ ADCV)
Fassweise Speiseöl: Die ersehnten Hilfsgüter werden in Biafra ausgeladen. In 5.310 Flügen wurden mehr als 60.000 Tonnen Hilfsgüter in das Hungergebiet gebracht.
Foto: Sécours Catholique/ ADCV
Sie wurden eigens von der Joint Church Aid für die Luftbrücke nach Biafra angeschafft, weil die Charterkapazitäten nicht ausreichten.  (Foto: Jakob Ringler)
Eines der Flugzeuge vom Typ DC7: Sie wurden eigens von der Joint Church Aid für die Luftbrücke nach Biafra angeschafft, weil die Charterkapazitäten nicht ausreichten.
Foto: Jakob Ringler
Georg Hüssler, Generalsekretär des Caritasverbandes, und Ludwig Geißel, Direktor des Diakonischen Werkes, verladen auf dem Frankfurter Flughafen Lebensmittelpakete in ein Transportflugzeug für Biafra (Juli 1968).  (Foto: KNA)
Demonstratives Mitanpacken: Georg Hüssler, Generalsekretär des Caritasverbandes, und Ludwig Geißel, Direktor des Diakonischen Werkes, verladen auf dem Frankfurter Flughafen Lebensmittelpakete in ein Transportflugzeug für Biafra (Juli 1968).
Foto: KNA
Nach Biafra wurden nicht nur Grundnahrungsmittel gebracht, sondern auch Saatgut. Damit sollte die Bevölkerung sich bald wieder selbst versorgen können.  (Foto: ADCV)
Saatgut-Transport: Nach Biafra wurden nicht nur Grundnahrungsmittel gebracht, sondern auch Saatgut. Damit sollte die Bevölkerung sich bald wieder selbst versorgen können.
Foto: ADCV

Die größte Luftbrücke seit dem 2. Weltkrieg

Die Menschen in Biafra waren in der Isolation auf die Versorgung mit Nahrungsmitteln über den Luftweg angewiesen. Eine wichtige Rolle kam dabei den im Jahr 1968 einsetzenden humanitären Hilfsflügen zu. Sie erfolgten im Wesentlichen von den Inseln São Tomé und Fernando Po (heute Bioko) aus. Da Biafra nach dem Verlust der wichtigsten Städte keinen Flughafen mehr besaß, wurde ein improvisiertes Rollfeld bei Uli/Ihiala im heutigen Bundesstaat Anambra genutzt, um Hilfsgüter zu liefern.

Die Flüge fanden ausschließlich nachts statt, weil die Regierung in Lagos keine direkte humanitäre Hilfe nach Biafra erlaubte. Für Caritas Internationalis (CI) ist die Operation Biafra beispiellos in der Geschichte der Caritas. Was anfangs mit ersten ad-hoc-Aktionen begann, weitete sich in den Folgemonaten zum größten humanitären Hilfsprogramm der Caritas aus.

 

Ein geschichtlicher Exkurs zum Biafra-Konflikt

     
    Die von der Zentralregierung Nigerias verhängte Blockade gegen die kleine Region Biafra löste eine dramatische Die von der Zentralregierung Nigerias verhängte Blockade gegen die kleine Region Biafra löste eine dramatische Hungersnot aus und machte die eingeschlossenen Zivilbevölkerung - ca. 13 Mio. Menschen - von humanitärer Hilfe abhängig. Kirchliche Hilfswerke organisierten daraufhin die bis dahin umfassendste humanitäre Hilfsaktion nach dem Zweiten Weltkrieg. Über mehr als zwei Jahre wurden im Rahmen der "Operation Biafra" Hilfsgüter zur Versorgung der notleidenden Bevölkerung über eine Luftbrückenach Biafra geflogen - vergleichbar mit der Berliner Luftbrücke. Dazu schlossen sich 25 Hilfswerke zur Joint Church Aid (JCA) zusammen, mit großer Beteiligung der deutschen Hilfswerke Caritas und Diakonisches Werk.

1. Komplexe Ursachen und Machtkämpfe

Die Ursachen sind vielschichtig und nicht auf einzelne Faktoren wie Religion, Ethnie oder Erdöl reduzierbar. Nach der Unabhängigkeit Nigerias 1960 kam es zu Machtkämpfen zwischen Volksgruppen. Die christlichen Ibo im Süden fühlten sich gegenüber den muslimischen Haussa und Fulani benachteiligt. 1966 putschten Ibo-Offiziere, töteten Premierminister Balewa und brachten General Aguyi Ironsi an die Macht. Ein Gegenputsch führte zu Pogromen, bei denen bis zu 30.000 Ibos getötet wurden.

2. Flucht, Überbevölkerung und Unabhängigkeit

Die Gewalt löste eine Massenflucht der Ibo nach Biafra aus, wo schließlich 9 bis 14 Millionen Menschen auf engem Raum lebten. 1967 ordnete General Gowon Nigeria neu und schnitt die Ibo von Erdölgebieten ab. Daraufhin rief Ojukwu am 30. Mai 1967 die Unabhängigkeit Biafras aus.

3. Krieg und internationale Rolle

Mit dem Einmarsch nigerianischer Truppen am 6. Juli 1967 begann der Krieg. Nigeria verhängte eine Blockade und isolierte Biafra. Trotz Widerstand war Biafra militärisch unterlegen. Nigeria wurde u. a. von Großbritannien, den USA und der Sowjetunion unterstützt; Biafra erhielt ebenfalls Waffen, aber keine diplomatische Anerkennung.

4. Isolation und humanitäre Katastrophe

Die Lehren, die sich aus den Biafra-Hilfen ergeben haben, prägen auch heute noch maßgeblich die Caritas-Arbeit und die Entwicklung der gesamten humanitären Hilfe. Die Luftbrücke steht beispielhaft für die Zwickmühlen, in denen sich Helferinnen und Helfer immer wieder finden. Sie stellte Hilfsorganisationen vor unlösbare Dilemmata, beispielsweise in Bezug auf die einseitige Parteinahme für die Bevölkerung Biafras oder die mögliche Kriegsverlängerung durch Hilfsmaßnahmen.

5. Ende

Am 15. Januar 1970 endete mit der Kapitulation Biafras der Biafra-Sezessionskrieg nach 30 Monaten Kampf zwischen der nigerianischen Zentralregierung und der abtrünnigen Region im Südosten. Die Zahl der Opfer ist unklar; Schätzungen gehen von bis zu zwei Millionen Toten aus, viele davon Kinder. Die meisten starben an Hunger infolge der Blockade.

 

Lesen Sie in unserem Dossier mehr über die Hintergründe des Biafra-Krieges, die Luftbrücke, die Dilemmata der Hilfe, die Rolle der Medien und hören Sie Zeitzeugen über ihre Erlebnisse sprechen:

Das Ende des Krieges – und der Luftbrücke

Im Januar 1970 kapitulierte Biafra. Der Krieg dauerte 920 Tage und kostete zwischen einer und zwei Millionen Nigerianern das Leben. Biafra wurde wieder in den nigerianischen Staat eingegliedert, während die Ibo auf Jahrzehnte hin keine bedeutenden Posten in Militär oder Verwaltung mehr erhielten. Der Biafra-Krieg hinterließ tiefe Narben in Nigerias Gesellschaft. Bis heute ist das Misstrauen des Ostens gegenüber der Zentralregierung groß. Eine Aufarbeitung der Verbrechen seitens nigerianischer Truppen ist bislang ausgeblieben.

Die Bilanz der Operation Biafra

Biafra Luftbrücke
Kommentar Icon

22 Monate versorgte die Joint Church Aid, die Vereinigte Kirchenhilfe für Biafra, von Sao Tome aus vier Millionen Menschen mit Lebensmitteln, Medikamenten, Unterkünften und Kliniken im Wert von 116 Millionen Mark. Großangelegte Impfaktionen bannten Seuchengefahr. In 5310 Flügen wurden mehr als 60.000 Tonnen Hilfsgüter in das Hungergebiet geflogen; Impfaktionen bannten die Seuchengefahr. Die Verluste: 122 biafranische und 35 europäische und amerikanische Helfer und Freunde fanden den Tod, darunter 17 Piloten. Acht Flugzeuge gingen verloren.

Intercaritas, Januar - März 1970, S. 13

Biafra Luftbrücke

Humanitäre Arbeit: Lernen aus der Geschichte

Die Lehren, die sich aus den Biafra-Hilfen ergeben haben, prägen auch heute noch maßgeblich die Caritas-Arbeit und die Entwicklung der gesamten humanitären Hilfe. Die Luftbrücke steht beispielhaft für die Zwickmühlen, in denen sich Helferinnen und Helfer immer wieder finden. Sie stellte Hilfsorganisationen vor unlösbare Dilemmata, beispielsweise in Bezug auf die einseitige Parteinahme für die Bevölkerung Biafras oder die mögliche Kriegsverlängerung durch Hilfsmaßnahmen.

Speisung in einem der vielen Flüchtlingscamps in Biafra. Das nigerianische Militär schreckte nicht davor zurück, die Camps zu bombardieren, weshalb die Essenausgabe oft im Morgengrauen erfolgte.  (Foto: Peter Solbjerghøj/ DanChurchAid)
Führte die Hilfe zu einer Verlängerung des Krieges?: Bis heute wird der Vorwurf aufrechterhalten, die kirchliche Nothilfe habe den Krieg verlängert. Hätte Biafra früher kapituliert, wenn Hilfsorganisationen die Blockade nicht via Luftbrücke durchbrochen hätten? Für die Lieferung militärischer Güter mag dies auf der Hand liegen, aber gilt das auch für die Lieferung von humanitären Hilfsgütern? Was hätten Caritas, Diakonie und weitere Hilfsorganisationen stattdessen tun sollen? Tatenlos zusehen? Die Menschen verhungern lassen? Abschließend beantworten lassen sich diese Fragen nicht.
Foto: Peter Solbjerghøj/ DanChurchAid
Enge Kooperation: Bei der medizinischen Versorgung von Kleinkindern wurden auch Medikamente aus Deutschland eingesetzt. Laut Angaben der UNO rettete die Luftbrücke einer Million Kindern das Leben. (Foto: ADCV)
War die Hilfe nicht mehr als politische Parteinahme?: Humanitäre Hilfe soll neutral, unparteilich und unabhängig sein. Doch wie ist das in Gewaltkonflikten möglich? Wie sollte die Arbeit der Hilfsorganisationen unpolitisch bleiben, wenn die nigerianischen Streitkräfte das Aushungern der eingeschlossenen Bevölkerung Biafras als Kriegswaffe einsetzten? Eine Zwickmühle für Hilfsorganisationen: Leisteten sie Hilfe, wurde ihnen Parteinahme vorgeworfen. Blieben sie aus Furcht vor politischer Vereinnahmung untätig, wurden sie ihrem humanitären Auftrag nicht gerecht.
Foto: ADCV
Die Bilder von hungerleidenden „Biafra-Kindern“ gingen Ende der 1960er Jahre um die Welt. Die meisten davon würden heute in Medien nicht mehr gezeigt, weil sie als entwürdigend empfunden werden. Bei diesem Bild hat der unbekannte Fotograf die Würde des Kindes geachtet. (Foto: ADCV)
Ethik und Medien: Als die ersten drastischen Bilder todkranker, hungernder Kinder aus Biafra die Medien fluteten, führte dies zu einem kollektiven Ruck durch westliche Gesellschaften. Auch, wenn diese Bilder maßgeblich die Hilfsbereitschaft im Westen steigern konnten, sind sie heute nicht mehr vorzustellen. Bilder von verzweifelten Menschen, von hungernden Kindern und Sterbenden sind in der humanitären Hilfe heute fehl am Platz. Mittlerweile hat die Ethik einer würdevollen Darstellung unserer Mitmenschen einen hohen Stellenwert angenommen, und so kommen die Spendenaufrufe deutscher Hilfswerke ohne unmittelbare Not aus.
Foto: ADCV

Biafra ist außerdem ein gutes Beispiel dafür, dass Hilfsorganisationen in Kriegen und Konflikten immer wieder mit Institutionen zusammenarbeiten müssen, die nicht die eigenen menschenrechtlichen Standards erfüllen. Die Alternative wäre, die Menschen in Not nicht erreichen zu können. Hier ist ein genaues Abwägen nötig.

Bezogen auf die heutige Hilfe von Caritas international lässt sich festhalten, dass es in Kriegen und Konflikten danach zu streben gilt, die humanitäre Hilfe an den geltenden humanitären Prinzipien auszurichten, die Umsetzung jedoch nicht immer möglich ist.

Die Problemstellung bei kriegerischen Konflikten bleibt aktuell

„Damals wie heute kommt es immer wieder zu Widerständen gegen die lebenswichtige Arbeit von Hilfsorganisationen in kriegerischen Konflikten", sagt Dr. Peter Neher, bis 2021 Präsident des Deutschen Caritasverbandes. Mitarbeitende von Hilfsorganisationen müssten zunehmend unter enormen Risiken agieren. Das zeige sich derzeit besonders in Ländern wie dem Jemen, Mali, Somalia oder Kolumbien.

Mit Rückblick auf die Biafra-Luftbrücke, verbunden mit wegweisenden Reformen in der humanitären Hilfe, warnt Dr. Peter Neher vor der zunehmenden Aufweichung der humanitären Prinzipien und immer begrenzteren Spielräumen für humanitäre Helferinnen und Helfer.

Ein Beispiel: Venezuela 

Die Caritas steht der Bevölkerung in Venezuela zur Seite.Die Caritas steht der Bevölkerung in Venezuela zur Seite.Foto: Caritas Venezuela / Caritas international 

Durch Inflation sind Nahrungsmittel in Venezuela unerschwinglich geworden. Kinder sterben aufgrund der Versorgungskrise an Unterernährung und Millionen verzweifelte Familien verlassen das Land. Trotzdem wurden Hilfslieferungen durch den Staat blockiert und die Bevölkerung wurde zum Spielball der Politik.

Als eine der ersten Organisationen konnte Caritas international über ihre lokalen Partnerorganisationen der hungernden Bevölkerung zur Seite stehen. Die Caritas versorgt Kinder mit Zusatznahrung, betreibt Suppenküchen und unterstützt Familien mit elektronischen Gutscheinen für Nahrungsmittel. An den Grenzen und in den Nachbarländern werden die Vertriebenen mit Mahlzeiten und Unterkünften versorgt und erhalten medizinische, juristische und psychosoziale Hilfe. Allerdings erfolgt dies streng genommen gegen den Willen der venezolanischen Regierung.

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