Ihr Nein sollte zählen!
Es war ein gewöhnlicher Sonntagmorgen. Clodine kam lachend aus dem Gottesdienst, zusammen mit ihren Freundinnen. Ein junger Mann hielt auf seinem Moped an und bot ihr eine Mitfahrt an. Zuerst fuhr er in Richtung ihres Elternhauses. Dann wendete er plötzlich. Clodine Mayangfou war fünfzehn Jahre alt.
"Seine Eltern haben die Tür aufgemacht und zu mir gesagt, komm rein und warte hier. Ich bin mit der Mutter in ein Zimmer gegangen, dann ist sie aus dem Zimmer gegangen und hat es von außen abgeschlossen. Und ich konnte das Zimmer eine Woche lang nicht verlassen."
Clodine Mayangfou
Im Norden Kameruns gilt eine Frau als verheiratet, sobald sie länger als eine Woche im Haus eines Mannes verbracht hat. Ohne Fest. Ohne Papiere. Ohne ihr Ja. Clodine konnte danach nicht mehr nach Hause zurück. Ihre Eltern hatten das Brautgeld bereits erhalten. Sie wussten, was passieren würde. Alles war abgesprochen.
„Dabei wollte ich weiter auf die Schule gehen. Aber meine Eltern sind arm und hatten Angst, dass ich vielleicht vergewaltigt werde. Junge Mädchen gelten nicht viel. Und der Mann, mein Mann, hat ihnen Geld geboten für mich. Sie haben gedacht, das wäre das Beste für mich." erzählt Clodine Mayangfou.
Eine Region unter extremem Druck
Clodines Geschichte ist keine Ausnahme. Sie ist Alltag. In der Region Extrême-Nord Kameruns werden nach Schätzungen des nationalen Statistikinstituts bis zu drei Viertel der jungen Frauen sehr früh verheiratet. In einigen Gebieten werden rund 80 Prozent der Mädchen in die Ehe gedrängt.
Warum Frühverheiratung hier überlebt
Die Region Extrême-Nord gehört zu den ärmsten Kameruns. Drei Viertel der Bevölkerung leben unterhalb der Armutsgrenze. Über 570.000 Menschen sind vor der Terrormiliz Boko Haram geflohen. Hinzu kommt die saisonale Mangelzeit, die Période de soudure zwischen Mai und September: Die Ernte ist aufgebraucht, die neue lässt auf sich warten. 2022 verursachten Schädlingsbefall und Überschwemmungen den Verlust von 73.000 Tonnen Lebensmitteln. Die Getreidepreise verdoppelten sich.
Für viele Familien erscheint die Verheiratung der Tochter als Überlebensstrategie: Mitgift, Geschenke, eine Esserin weniger. Dass Mädchen damit ihre Kindheit, ihren Bildungsweg und jede Entscheidungsfreiheit verlieren, wird ihnen meist erst bewusst, wenn es zu spät ist.
Hinter jeder Zahl stehen Menschen.
1.000.000
Menschen akut von Hunger bedroht
45 %
Alphabetisierungsrate bei Mädchen ab 15 Jahren
570.000
Menschen auf der Flucht vor Boko Haram
Was folgte: ein Leben mit Gewalt, aber auch Hoffnung durch einen Mütterclub
Clodines Schwiegerfamilie mochte sie nicht. Sie wurde schwanger, die Situation eskalierte. Ihr Mann schlug sie. Sie war verzweifelt. Ab und zu durfte sie in die Kirche gehen. Dort erzählte ihr eine Freundin von einem Mütterclub: von ALDEPA.
„Ich habe all meinen Mut zusammengenommen und bin mit ihr zu dem Treffen gegangen. Das war mein Glück. Amina Abba, die Sozialarbeiterin von ALDEPA, hat sich um mich gekümmert. Ich habe ihr meine Geschichte erzählt, und sie hat mir geholfen, mit meinen Eltern zu reden – auch, dass mein Mann mich schlägt. Meine Eltern haben mich und meine Tochter wieder aufgenommen. Es ist nicht einfach, aber ich werde es schaffen. Der Gesprächskreis der jungen Mütter stützt mich. Ich bin nicht alleine."
Clodine Mayangfou
ALDEPA: Wo Hilfe sonst kaum ankommt
ALDEPA (Action Locale pour un Développement Participatif et Autogéré) wurde von Marthe Wandou gegründet und arbeitet seit über zwei Jahrzehnten dort, wo staatliche Hilfe fehlt: in entlegenen Dörfern und Flüchtlingscamps. Psychosoziale Betreuung, Bildung, berufliche Förderung und Friedensarbeit greifen dabei ineinander. In den vergangenen Jahren gelang es ALDEPA in 230 Fällen von Zwangsverheiratung Minderjähriger einzugreifen und die freigekommenen Mädchen wieder in die Schule zu bringen. 2021 erhielt Marthe Wandou für diese Arbeit den Right Livelihood Award, den Alternativen Nobelpreis.
Wandou erklärt, wie ihr Ansatz funktioniert: „Man kann schwerlich jemanden entwickeln. Wir wollen nicht mit einem fertigen Rezept daherkommen. Wir können eine Richtung aufzeigen und Mittel bereitstellen, damit eine Person die eigenen Fähigkeiten ausbaut. Wir begleiten, unterstützen und fördern. Doch es kommt der Moment, in dem eine Frau Eigenverantwortung übernimmt." ALDEPA nennt das den partizipativen Ansatz.
Jungen und Mädchen lernen in gemeinsamen Workshops, welche Folgen Frühverheiratung für beide hat. Ein junger Mann, der an einem Workshop teilnahm, sagte danach: „Ich habe das Leben meiner Mutter und Schwestern mit neuen Augen gesehen. Ich dachte immer, das ist doch selbstverständlich. Aber Mädchen und Frauen sollen über sich selbst bestimmen können."
Clodines Leben heute
In der Schule ist Clodine Mayangfou die Älteste in ihrer Klasse. Sie sitzt zwischen deutlich jüngeren Schülerinnen. Ihre früheren Kameradinnen arbeiten längst. Clodine macht trotzdem weiter. Sie will das Abitur ablegen und eine Berufsausbildung beginnen.
Und sie tut noch mehr: Clodine berät inzwischen selbst andere Mädchen im Mütterclub. Sie warnt vor falschen Versprechen. Sie weiß, wovon sie spricht.
„Meine Vision für die Zukunft ist, dass jedes Kind, Junge oder Mädchen, eine Chance auf Bildung und Förderung bekommt – sowohl von der eigenen Familie als auch vom Staat. So kann jedes Kind sich entfalten und seine Möglichkeiten ausschöpfen."
Marthe Wandou, ALDEPA-Gründerin und Trägerin des Alternativen Nobelpreises 2021
Die Arbeit von Marthe Wandou im Kino
Marthe Wandou – "Eine ungewöhnliche Karriere" Demnächst in deutschen Kinos: Ein Dokumentarfilm begleitet Marthe Wandou bei ihrem jahrzehntelangen Kampf für Bildungschancen und gegen Frühverheiratung im Norden Kameruns. Mehr Infos erhalten Sie in Kürze oder direkt bei bei Birgit Winterhalter: birgit.winterhalter@caritas.de